Teu­fels­bräu­te

Hexen & Vampire - - INHALT -

Ver­ehrt, ge­braucht, ent­mün­digt, ge­fürch­tet: Frau­en­le­ben im aus­klin­gen­den Mit­tel­al­ter.

Die Frau ist zwar Her­rin über Heim und Herd, doch zu­gleich Sinn­bild der ver­teu­fel­ten Se­xua­li­tät. Weil sie als geis­tig und mo­ra­lisch un­ter­le­gen gilt, steht sie un­ter der Vor­mund­schaft des Man­nes. Frau­sein im aus­klin­gen­den Mit­tel­al­ter be­deu­tet Fremd­be­stim­mung, Züch­ti­gung und Denun­zia­ti­on

Vom all­täg­li­chen Le­ben der Frau­en im Mit­tel­al­ter wis­sen wir we­nig. Über­lie­fert sind uns, ne­ben hö­fi­scher Literatur und den geist­li­chen Schrif­ten oft ade­li­ger Klos­ter­frau­en, vor al­lem Kli­schees und theo­lo­gi­sche Er­ör­te­run­gen über das „We­sen des Weib­li­chen“. Die­ses von Kle­ri­kern ge­schaf­fe­ne Frau­en­bild sagt we­nig über die Frau­en selbst aus, da­für viel über die Män­ner, die es sich aus­mal­ten.

Ein Groß­teil der mit­tel­al­ter­li­chen Qu­el­len zum Le­ben der Frau­en stammt von Mön­chen. Klös­ter sind die we­sent­li­chen Kul­tur­trä­ger, hier wird Wis­sen ge­sam­melt, be­wahrt und ver­mit­telt. Mön­che ge­hö­ren zu den we­ni­gen, die le­sen und schrei­ben kön­nen, in ih­ren Schreib­schu­len, den Skrip­to­ri­en, ent­steht das mit­tel­al­ter­li­che Bild von der Welt und den Men­schen. Das Bild der Frau ist folg­lich je­nes, das die Kir­che ver­mit­teln will. Selbst­zeug­nis­se von Frau­en gibt es im Grun­de nicht, eben­so we­nig wie au­then­ti­sche und per­sön­li­che Be­rich­te über den All­tag des mit­tel­al­ter­li­chen Men­schen. Es ist aber auch un­mög­lich, „die“Frau des Mit­tel­al­ters und ihr Le­ben zu be­schrei­ben. Denn wie ei­ne Frau die­ser Epo­che leb­te, hing von meh­re­ren Fak­to­ren ab: ih­rem ge­sell­schaft­li­chen Stand, ih­rem so­zia­len Rang, und von der Rol­le, die ihr die Öf­fent­lich­keit und die mei­nungs­bil­den­den Eli­ten zu­wie­sen.

Der ge­sell­schaft­li­che Rang ei­ner Frau wird aus­schließ­lich vom Rang ih­res Ehe­man­nes be­stimmt. An der Spit­ze der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Ge­sell­schafts­py­ra­mi­de steht die ade­li­ge Frau. Sie ist der Mit­tel­punkt der hö­fi­schen Gesellschaft und für die Kul­ti­vie­rung und Wei­ter­ga­be der hö­fi­schen Sit­ten an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on ver­ant­wort­lich. Die idea­len Tu­gen­den der ade­li­gen Da­me – Sitt­lich­keit, Ehr­bar­keit, Ver­schwie­gen­heit und Treue –ent­spre­chen dem Ide­al der Frau schlecht­hin und wer­den von Min­ne­sän­gern eif­rig be­sun­gen.

Ade­li­ge Frau­en stel­len je­doch nur ei­nen win­zig klei­nen Teil der Frau­en die­ser Epo­che dar. Der Groß­teil der Frau­en – wie auch der Groß­teil der Män­ner – ist im Mit­tel­al­ter dem bäu­er­li­chen

Stand zu­zu­rech­nen. Und die Ehe­frau des Bau­ern ist vor al­lem ei­nes: un­ver­zicht­ba­re Ar­beits­kraft. Von hö­fi­schen Sit­ten weiß sie nichts, vom viel ge­lob­ten Ide­al­bild der ade­li­gen „Her­rin“ist sie weit ent­fernt, sie hat we­der die Zeit noch die Mu­ße noch die Bil­dung, sich als Zier­de ih­res Stan­des zu sti­li­sie­ren. Sie ar­bei­tet auf dem Feld, ver­sorgt Kin­der, Al­te, Ges­in­de und Vieh und ist von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang im Di­enst.

Der Stand der Bäue­rin mag zwar der un­ters­te Stand der mit­tel­al­ter­li­chen Gesellschaft sein, aber zu­min­dest wird er an­er­kannt. Denn es gibt noch Heer­scha­ren an Frau­en, die au­ßer­halb der Gesellschaft ste­hen: Sie sind Pro­sti­tu­ier­te, Va­ga­bun­din­nen, Bett­le­rin­nen. Sie ge­lan­gen al­len­falls als ver­ächt­li­ches Kli­schee in den Ka­non der of­fi­zi­el­len Schrif­ten oder in die aus­ge­feil­ten Rei­me der Min­ne­sän­ger.

So un­ter­schied­lich ihr ge­sell­schaft­li­cher Sta­tus auch sein mag, ei­nes eint al­le Frau­en des Mit­tel­al­ters: Ju­ris­tisch be­trach­tet sind sie ihr Le­ben lang Un­mün­di­ge, denn der Mann hat­te die „Munt“über die Frau – aus der „Munt“wird spä­ter das Wort „Vor­mund“her­vor­ge­hen. Der Mann ist der Herr im Haus, die Frau ist ihm zu ab­so­lu­tem Ge­hor­sam ver­pflich­tet. Der Mann schließt für die Frau Rechts­ge­schäf­te ab, ver­wal­tet ihr Ver­mö­gen – auch wenn sie es in die Ehe ge­bracht hat. Er darf und soll sein Weib so­gar züch­ti­gen. Die Frau wech­selt im Lau­fe ih­res Le­bens von ei­ner Vor­mund­schaft in die an­de­re, zu­erst un­ter­steht sie dem Va­ter, dann dem Ehe­mann.

Der Rang ei­ner Frau in­ner­halb ih­rer so­zia­len Grup­pe rich­te­te sich nach ih­rem Fa­mi­li­en­stand. Le­di­ge und Wit­wen hat­ten zum Bei­spiel ei­ne schlech­te­re und un­si­che­re­re Stel­lung in Fa­mi­lie und Gesellschaft als Ver­hei­ra­te­te.

Die all­ge­mein üb­li­chen Ur­tei­le über „das We­sen der Frau“sind ver­nich­tend: Das Weib, heißt es, ist nichts an­de­res als ein „vir im­per­fec­tus“– ein un­voll­kom­me­ner Mann. Die Un­ter­le­gen­heit der Frau zei­ge sich nicht nur phy­sisch, son­dern auch in­tel­lek­tu­ell, ja, ihr feh­le es schlicht­weg an Geist, um „rich­tig“von „falsch“zu un­ter­schei­den, wes­halb der Mann über sie wa­chen müs­se. Hin­zu kä­men noch die ty­pi­schen Ei­gen­schaf­ten die­ser schwa­chen Ge­schöp­fe, die als Frau­en von Na­tur aus ge­schwät­zig, ge­häs­sig, streit­süch­tig und scharf­zün­gig sei­en – al­les ne­ga­ti­ve Ei­gen­schaf­ten, die man spä­ter den He­xen zu­schreibt.

Auch das lei­di­ge Thema Se­xua­li­tät wird der Frau an­ge­krei­det. Wie Se­xua­li­tät zu wer­ten sei, be­stimmt die Kir­che als obers­te mo­ra­li­sche In­sti­tu­ti­on, ih­re Sicht­wei­se prägt den in­ti­men Um­gang zwi­schen den Ge­schlech­tern. Für die Kir­che gilt: Die Flei­sches­lust per se bringt Ver­der­ben, und da al­le Frau­en nichts wei­ter als Evas Töch­ter sind, wol­len sie den Mann per­ma­nent in Ver­su­chung füh­ren. Das birgt Ge­fah­ren, denn durch ih­re gro­ße se­xu­el­le Be­gier­de sind Frau­en be­son­ders an­fäl­lig für die Ver­su­chun­gen des Teu­fels – der sich ih­nen be­vor­zugt auf der se­xu­el­len Ebe­ne nä­hern soll.

Die kör­per­li­che Lie­be, pre­digt der Kle­rus, soll nur in­ner­halb der Ehe und auch dort nur zum Zweck der Zeu­gung von Kin­dern prak­ti­ziert wer­den. Doch selbst bis ins ehe­li­che Bett gibt es Vor­schrif­ten: An Fas­ten-, Bet- und Buß­ta­gen so­wie vor und nach ho­hen christ­li­chen Fes­ten soll ein Ehe­paar keusch blei­ben, eben­so an Ta­gen, die ho­hen Hei­li­gen zu­ge­schrie­ben wer­den. Al­ler­dings steht die ein­ge­for­der­te Keusch­heit in grel­lem Wi­der­spruch zur Wirk­lich­keit – denn Bor­del­le, Frau­en­häu­ser und Ba­de­stu­ben boo­men im Mit­tel­al­ter.

Das weib­li­che Ge­schlecht gilt zwar als wil­lens­schwach und un­ter­le­gen, den­noch ha­ben Frau­en auch im Mit­tel­al­ter Macht über ei­nen we­sent­li­chen Be­reich des all­täg­li­chen Le­bens: über Heim und Herd und die Auf­zucht der Kin­der. Und die­se sub­ti­le häus­li­che Macht wird zu­neh­mend kri­tisch be­äugt.

Frau­en sind ver­ant­wort­lich für die Nah­rungs­zu­be­rei­tung, für Ge-

burts­hil­fe, Kin­der­er­zie­hung, Krankenpflege so­wie die Ver­sor­gung des Viehs. Die­se klas­sisch weib­li­chen Pflich­ten set­zen ei­ne Frau be­son­ders schnell dem Vor­wurf des Scha­dens­zau­bers aus. Konn­te sie sich nicht ge­ra­de hier am bes­ten für ei­ne Zu­rück­set­zung rä­chen? Als Frau ist sie doch mo­ra­lisch nicht ge­fes­tigt – wer weiß, wo­zu sie fä­hig ist? Je­der­zeit könn­te sie ein gif­ti­ges Kräut­lein in den Koch­topf schum­meln. Nicht von un­ge­fähr wer­den He­xen auf Bil­dern oft vor gro­ßen Kes­seln dar­ge­stellt, in de­nen sie ge­heim­nis­vol­le Sal­ben und Trän­ke brau­en. Ih­re schwa­che recht­li­che, so­zia­le und öko­no­mi­sche Stel­lung macht die mit­tel­al­ter­li­che Frau in­ner­halb ei­ner Gesellschaft vol­ler Neid, Kon­kur­renz­kampf und Über­le­bens­angst zum per­fek­ten Op­fer.

Äthe­ri­sches We­sen und al­te He­xe – ei­ne Al­le­go­rie auf die vie­len Vor­stel­lun­gen von der Frau.

Foto: Pic­tu­re­desk, Fo­to­lia (2)

Über ih­ren Kes­sel ge­beugt, rüh­ren die He­xen gif­ti­ge Trän­ke und wi­der­li­che Sal­ben an. Die Vor­stel­lung von der He­xe und ih­rem He­xen­kes­sel lässt sich auf die tra­di­tio­nel­len Pflich­ten der Frau für Heim und Herd zu­rück­füh­ren.

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