Der He­xen-son­der­auf­trag der SS

Hexen & Vampire - - INHALT -

Der He­xen­wahn des Reichs­füh­rers SS Hein­rich Himm­ler führ­te zum bis­her größ­ten For­schungs­pro­jekt über He­xen­pro­zes­se.

Die He­xen­ver­fol­gun­gen im Di­ens­te der Ns-ideo­lo­gie: Hein­rich Himm­ler ließ über 33.000 He­xen­pro­zess-ak­ten aus­wer­ten. Die­se „He­xen­kar­to­thek“soll­te die ob­sku­ren The­sen des Reichs­füh­rers SS zur He­xen­ver­fol­gung be­stä­ti­gen.

Obihm schon ein­mal aufgefallen sei, dass Ra­ben be­son­ders gern dort kreis­ten und sich nie­der­lie­ßen, wo einst Hin­rich­tungs­stät­ten wa­ren? Es war an­geb­lich die­se Fra­ge Her­mann Gö­rings, die Hein­rich Himm­ler, Reichs­füh­rer SS, end­gül­tig da­zu ver­an­lass­te, die Ns-wis­sen­schaft in den Di­enst der He­xen­for­schung zu stel­len. Für die He­xen­ver­fol­gun­gen hat­te sich der be­rüch­tig­te Ss-chef im­mer schon in­ter­es­siert; hin­zu kam ein per­sön­li­cher Be­zug: Ei­ne Vor­fah­rin Himm­lers soll einst als He­xe ver­brannt wor­den sein – so zu­min­dest die Fa­mi­li­en­fa­ma. NS-FOR­scher iden­ti­fi­zier­ten spä­ter tat­säch­lich ei­ne 1629 we­gen He­xe­rei hin­ge­rich­te­te Frau na­mens Mar­ga­reth Him­bler als Ah­nin des Reichs­füh­rers SS.

Be­reits kurz nach der Macht­er­grei­fung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nahm sich Himm­ler sei­nes Lieb­lings­the­mas in ganz gro­ßem Stil an: Er rief das bis da­to um­fas­sends­te He­xen­for­schungs­pro­jekt ins Le­ben – die ers­te sys­te­ma­ti­sche Er­for­schung der He­xen­ver­fol­gun­gen. Der so­ge­nann­te „H(exen)-son­der­auf­trag“wur­de als Ab­tei­lung in­ner­halb des Si­cher­heits­diens­tes ein­ge­rich­tet und nahm 1935 sei­ne Ar­beit auf. His­to­ri­ker, Ar­chi­va­re und zahl­rei­ches Hilfs­per­so­nal muss­ten sämt­li­che er­hal­te­nen Pro­zess­ak­ten al­ler auf deut­schem Bo­den als He­xen ver­ur­teil­ten Frau­en zu­sam­men­tra­gen und aus­wer­ten.

So am­bi­tio­niert das Pro­jekt war, so we­nig wis­sen­schaft­lich konn­te es sein. Denn das For­schungs­er­geb­nis stand be­reits fest, be­vor der ers­te Pro­zess­akt über­haupt auf­ge­schla­gen wur­de: Die wis­sen­schaft­li­che Au­f­ar­bei­tung soll­te

die He­xen­ver­fol­gun­gen auf ei­nen groß an­ge­leg­ten Plan der ka­tho­li­schen Kir­che zu­rück­füh­ren, die vor­ha­be, das ger­ma­ni­sche Kul­tur­gut des deut­schen Vol­kes und des­sen zen­tra­le Trägerin, die deut­sche Frau, aus­zu­rot­ten. Dass einst vor­wie­gend welt­li­che Ge­rich­te die To­des­ur­tei­le voll­streck­ten, igno­rier­te so­wohl Hein­rich Himm­ler als auch der Chef­ideo­lo­ge der NSDAP Al­f­red Ro­sen­berg, der 1930 in sei­nem Buch „Der My­thos des 20. Jahr­hun­derts“ei­ne ha­ne­bü­che­ne Er­klä­rung für das Phä­no­men der He­xen­ver­fol­gun­gen lie­fer­te, die per­fekt in die NSI­deo­lo­gie pass­te: Die Kir­che hät­te für die He­xen­ver­fol­gung kein re­li­gi­ös-kul­tu­rel­les Mo­tiv ge­habt, der Ab­fall vom christ­li­chen Glau­ben sei nur vor­ge­scho­ben. In Wahr­heit wä­re sie auf­grund ih­res „jü­di­schen Ur­sprungs“auf die Ver­nich­tung der hö­her­wer­ti­gen ger­ma­ni­schen Ras­se fi­xiert ge­we­sen. Folg­lich ha­be die „jü­disch-christ­li­che“Kir­che nicht Mil­lio­nen Frau­en, son­dern Mil­lio­nen Ger­ma­nin­nen, al­so Trä­ge­rin­nen des bes­ten ger­ma­ni­schen Erb­gu­tes, aus­ge­löscht.

Das In­ter­es­se der Ns-macht­ha­ber an den He­xen­ver­fol­gun­gen war ei­ne kru­de Mi­schung aus ei­nem ge­ziel­ten An­griff auf die ka­tho­li­sche Kir­che und ei­ner ideo­lo­gi­schen Wunsch­vor­stel­lung in Be­zug auf die Ger­ma­nen – so war Himm­ler da­von über­zeugt, dass die Chris­tia­ni­sie­rung die „un­ver­dor­be­ne“ger­ma­ni­sche Kul­tur ver- schüt­tet hät­te, die nun frei­zu­le­gen war – so­wie der Fan­ta­sie ei­nes an­geb­li­chen ger­ma­nisch-nor­di­schen Ur­ma­tri­ar­chats.

Von 1935 bis 1944 durch­kämm­ten Himm­lers Son­der­be­auf­trag­te un­zäh­li­ge Ar­chi­ve und Bi­b­lio­the­ken nach He­xen­pro­zess­ak­ten. Sämt­li­che er­hal­te­nen Da­ten zu den hin­ge­rich­te­ten Frau­en, ih­ren Ver­fol­gern und zum Pro­zess­ver­lauf wur­den in vor­ge­druck­te Kar­teiblät­ter ein­ge­tra­gen und in der be­rühm­ten „He­xen­kar­to­thek“zu­sam­men­ge­führt. Wäh­rend al­so in der glei­chen Be­hör­de der Ter­ror des Drit­ten Rei­ches, die Reichs­po­grom­nacht von 1938 und der Völ­ker­mord an den Ju­den Eu­ro­pas or­ga­ni­siert wur­den, tru­gen bra­ve Mit­ar­bei­ter des He­xenSon­der­kom­man­dos un­zäh­li­ge Nach­wei­se zu den He­xen­ver­fol­gun­gen in den deutsch­spra­chi­gen und an­gren­zen­den Län­dern zu­sam­men.

Im Jahr 1944 muss­te das He­xen-son­der­kom­man­do sei­ne Ar­beit auf­grund der Kriegs­la­ge ein­stel­len. Man hat­te rund 33.000 He­xen­pro­zes­se nach­ge­wie­sen, und da­mit wur­de un­ge­wollt Himm­lers The­se von den Mil­lio­nen er­mor­de­ten Ger­ma­nin­nen wi­der­legt. Nach Kriegs­en­de fand man die He­xen­kar­to­thek im Ba­rock­schloss der Gra­fen Haug­witz bei Glogau in Nie­der­schle­si­en, wo­hin sie die SS aus­ge­la­gert hat­te. Heu­te be­fin­det sich die Samm­lung in ei­nem pol­ni­schen Ar­chiv. Für die se­riö­se He­xen­for­schung ist die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten er­stell­te He­xen­kar­to­thek al­ler­dings kaum zu ge­brau­chen: Die will­kür­li­che, un­voll­stän­di­ge und auch schlam­pi­ge Er­he­bung der Da­ten hält den all­ge­mein gül­ti­gen For­schungs­kri­te­ri­en nicht stand.

Foto: Pic­tu­re­desk

Hein­rich Himm­ler, Reichs­füh­rer SS im Krei­se sei­nes To­ten­kopfor­dens.

Ei­ne Ori­gi­nal­k­ar­tei­kar­te aus der„he­xen­kar­to­thek“: Der To­ten­grä­ber­ge­hil­fe Hans Cle­ment wur­de we­gen „zau­be­ri­schen Um­gangs mit den To­ten“1606 in Fran­ken­stein „ge­schmaucht“

(auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt). Qu­el­le: Deut­sches Bun­des­ar­chiv Berlin, R 58/6619

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