Die „Vam­p­irak­ten“

Hexen & Vampire - - INHALT -

Der His­to­ri­ker und Ar­chi­var Dr. Her­bert Hut­te­rer über die be­rühm­ten „Vam­p­irak­ten“des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chivs.

Herr Dr. Hut­te­rer, wor­um han­delt es sich bei den „ Vam­p­irak­ten“des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chivs?

Zu­erst ein­mal, die­se so­ge­nann­ten „ Vam­p­irak­ten“sind Ver­wal­tungs­ak­ten. Im frü­hen 18. Jahr­hun­dert sind neue Ge­bie­te in der Bal­kan­re­gi­on zur Mon­ar­chie da­zu­ge­kom­men. Als ers­ter Schritt wur­de dort ei­ne Ver­wal­tung ein­ge­rich­tet. Be­son­de­re Vor­komm­nis­se wur­den auf­ge­zeich­net und wei­ter­ge­lei­tet. Plötz­lich gibt es in die­sen von Ös­ter­reich ver­wal­te­ten Ge­bie­ten Un­ru­he, Ge­rüch­te. Be­rich­te über die „ Vam­pyrs und Blut­sau­ger“er­gin­gen an die Hof­kam­mer, heu­te­wür­dem­an­sa­gen: an­das­mi­nis­te­ri­um. Dar­aus kann man ab­lei­ten, dass­die­se­vor­komm­nis­se­als­so­wich­tig ein­ge­stuft­wur­den, dass­man sie an die obers­ten Be­hör­den be­rich­tet hat.

Was ge­nau steht in die­sen „ Vam­p­irak­ten?

Wir ha­ben Ak­ten aus dem Jahr 1732, dan­n­aus­dem­jahr1752und­ei­ni­ge wei­te­re aus spä­te­ren Jah­ren. Be­son­ders be­mer­kens­wert sind die Be­rich­te aus dem Jahr 1732, da­bei han­del­tes­sichum­be­rich­teaus­med­veđa, ei­ner Stadt im heu­ti­gen Ser­bi­en. Die­se Stadt war be­reits seit vier­zehn Jah­ren von Ös­ter­reich be­setzt. Doch im­mer wie­der kommt Un­ru­he in der Be­völ­ke­rung auf, Ge­rüch­te, und man merkt an­hand der Ak­ten, dass die ös­ter­rei­chi­schen Be­hör­den un­si­cher sind, wie sie die­ses Phä­no­men ein­schät­zen sol­len. Zu­erst schickt man ei­nen­arzt­für­an­ste­cken­de­krank­hei­ten in die­ses Ge­biet, der konn­te aber nichts­fest­stel­len, es­gab­dort­kei­ne­an­ste­cken­den Krank­hei­ten, die ei­ne Er­klä­rung ge­lie­fert hät­ten. Dann hat man ei­ne Mi­li­tär­kom­mis­si­on hin­ge­schickt, be­ste­hend aus so­ge­nann­ten „ Feld­schern“, al­so Mi­li­tär­wund­ärz­ten. Die­ha­ben­d­ann­al­le­ver­däch­ti­gen Lei­chen ex­hu­miert und un­ter­sucht und dar­über ei­nen Bericht ver­fasst. Aber auch hier merkt man: Auch die Mit­glie­der die­ser Kom­mis­si­on sind sich nicht si­cher, wo­mit sie es ge­nau zu­tun­ha­ben– ist es­a­ber­glau­be, ist es Hys­te­rie?

War­um in­ter­es­sier­te man sich in Wi­en über­haupt für die­sen Aber­glau­ben?

Das er­klärt sich aus der geo­gra­phi­schen­la­ge­und­der­po­li­ti­schen­si­tua­ti­on. Das Dorf Med­veđa et­wa liegt an der Gren­ze zu den os­ma­ni­schen Ge­bie­ten, es kann je­der­zeit wie­der Krieg ge­ben. Man will, dass Ru­he herrscht in die­ser Re­gi­on, man will al­les un­ter Kon­trol­le hal­ten.

Auf wel­che Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se kam­denn­die kai­ser­li­che Kom­mis­si­on?

Man­be­rich­tet, dass­die­ex­hu­mier­ten Lei­chen re­la­tiv un­ver­west wa­ren und ge­blu­tet ha­ben, das hat die Chir­ur­gen aber nicht ver­un­si­chert, sie fan­den dar­an nichts be­son­ders Auf­fäl­li­ges. Um aber die Er­war­tungs­hal­tung der dor­ti­gen Be­völ­ke­rung zu be­frie­di­gen, ha­ben die Chir­ur­gen aber dann doch das tra­di­tio­nel­le Ver­fah­ren an­ge­wen­det, näm­lich: Sie ha­ben die Lei­chen ge­pfählt, al­so ei­nen Pfahl durch das Herz ge­trie­ben.

Das­ha­ben­kai­ser­li­che­be­am­t­ein­of­fi­zi­el­ler Mis­si­on vor­ge­nom­men?

Ja, man woll­te, dass die Men­schen dort zur Ru­he kom­men: Die Lei­chen wur­den ex­hu­miert, un­ter­sucht, ge­pfählt und an­schlie­ßend ver­brannt und die Asche dann ver­streut – al­so das „ klas­si­sche Ver­fah­ren“, um der Be­völ­ke­rung zu zei­gen: Wir be­en­den das jetzt!

Das war aber nicht der ein­zi­ge Fall, in dem ös­ter­rei­chi­sche Be­am­te ge­gen Vam­pi­re ak­tiv ge­wor­den sind?

In ei­nem an­de­ren Akt aus dem Jahr 1753, dies­mal­geh­te­su­mei­nen­fal­lin Sie­ben­bür­gen, fin­det sich die lan­ge Ab­hand­lung ei­nes Chir­ur­gen. Man sieht deut­lich, wie sich jetzt, zwan­zig Jah­res­pä­ter– wir­s­ind­be­reit­sim­zeit­al­ter Ma­ria The­re­si­as –, der Zu­gang zu die­sem Thema deut­lich ge­än­dert hat: Nun­geh­tes­vor­ran­gig­um­die­wi­der­le­gung des Vam­pir­glau­bens. Die­ser Chir­urg spricht zum Bei­spiel von „ Un­sinn“, wo­bei, auch er kann nicht ge­nau­er­klä­ren, wor­u­mes­sich­bei­die­ser Vam­pir­hys­te­rie ge­nau han­delt. Dann gibt es in den 1770er Jah­ren wie­der Vam­pir­vor­kom­men, aber jetzt ge­lan­gen die Ak­ten nicht mehr nach Wi­en. Man kann nun dar­aus schlie­ßen, dass die­se Ak­ten und Vor­komm­nis­se­als­soun­be­deu­tend­ein­ge­stuft­wer­den, dass­si­e­n­icht­mehr­nach Wi­en ge­sandt wer­den son­dern von den, Be­hör­den vor Ort selbst ab­ge­han­delt wer­den.

Das heißt, in der letz­ten Pha­se der Re­gie­rungs­zeit Ma­ria The­re­si­as kommt die Vam­pir- Hys­te­rie zu ei­nem En­de?

Ge­nau, man hat frü­her die In­for­ma­tio­nen als so wich­tig ein­ge­stuft, dass man sie nach Wi­en ge­schickt hat, das tut man jetzt­nicht­meh­res gab­zwarauch­wei­ter­hin die­se Vam­pir­ge­schich­ten, aber nun lau­fen die­se Ein­ga­ben nicht mehr un­ter „ Vam­pi­ris­mus“, son­dern un­ter „ Gr­ab­schän­dung“und „ Stö­rung der To­ten­ru­he“.

Wie vie­le Ak­ten wer­den zu den be­rühm­ten „ Vam­p­irak­ten“ge­zählt?

Es sind vier Ak­ten, die aus den Be­stän­den raus­ge­zo­gen wor­den sind ( Anm., Ak­ten, die aus ih­rem ur­sprüng­li­chen Be­stand her­aus­ge­nom­men wur­den und als „ cu­rio­sa“lau­fen) und den „ Vam­p­irak­ten“zu­ge­rech­net wer­den. Da­zu ein klei­ne­rer Akt, der die Abrech­nung ei­ner Di­enst­rei­se be­trifft. Die Mit­glie­der je­ner Hof­kom­mis­si­on, die nach Med­veđa ge­reist sind, ha­ben spä­ter beim Hof­kriegs­rat ei­ne Spe­sen­ab­rech­nung ein­ge­reicht un­d­be­ka­men­er­höh­te­sät­ze­zu­ge­spro­chen, weil sie „ per­sön­li­ches Un­ge­mach“er­lit­ten hat­ten. Me­di­zi­ner, die sonst auf Schlacht­fel­dern ein­ge­setzt wa­ren, nun zum Lei­chen­ex­hu­mie­ren und – Pfäh­len ein­ge­teilt wa­ren, dar­über­war­m­an­sich­klar, müs­sen­für­die­se un­an­ge­neh­me Ar­beit auch ent­schä­digt wer­den. Heu­te wür­de man wohl von er­höh­ten Spe­sen­sät­zen spre­chen.

Dr. Her­bert Hut­te­rer, His­to­ri­ker und Ar­chi­var, ist Re­fe­rent für Fi­nanz­we­sen im All­ge­mei­nen­ver­wal­tungs-, Fi­nanz- und Hof­kam­mer­ar­chiv, ei­ner Ab­tei­lung des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chivs.

Ein Aus­zug aus den be­rühm­ten „Vam­p­irak­ten“des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chivs. Auf die weit­ver­brei­te­te Angst vor „Vam­py­ren“muss­ten die Be­hör­den re­agie­ren.

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