Vam­pir­jagd in Ös­ter­reich

Hexen & Vampire - - INHALT -

Die Lan­des­mut­ter Ma­ria The­re­sia sagt dem Aber­glau­ben den Kampf an und schickt ih­ren engs­ten Be­ra­ter auf Vam­pir­jagd.

Als in der Habs­bur­ger­mon­ar­chie ei­ne Vam­pir-hys­te­rie aus­bricht, schickt die Lan­des­mut­ter ih­ren Leib­arzt in den Kampf ge­gen die ver­meint­li­chen Blut­sau­ger. Am 1. März 1755 un­ter­zeich­net Ma­ria The­re­sia ih­ren be­rühm­ten „Vam­pir-er­lass“.

Der ers­te Vam­pir, der im Habs­bur­ger­reich na­ment­lich er­wähnt wur­de, hieß Gi­u­re Gran­do. Er wur­de 1656 ge­bo­ren und starb im Al­ter von 77 Jah­ren in Is­tri­en. Sech­zehn Jah­re nach sei­nem Tod ent­stieg Gran­do sei­nem Grab und klopf­te an die Haus­tü­ren sei­ner Be­kann­ten, die al­le kurz dar­auf star­ben. Er saug­te den Kin­dern sei­nes Dor­fes das Blut aus dem Leib und be­such­te auch sei­ne Wit­we. Die tap­fers­ten Dorf­be­woh­ner ta­ten schließ­lich, was ge­tan wer­den muss­te: Sie öff­ne­ten Gran­dos Sarg und hol­ten sei­nen Leich­nam her­aus, der so frisch und gut ge­nährt aus­sah wie ein Le­ben­der. Dann trie­ben sie Gi­u­re Gran­do ei­nen Pfahl durch das Herz. Wäh­rend des Pfäh­lens floss Blut aus sei­nem Kör­per, und der Un­to­te krümm­te sich. Da­mit stand für die Bau­ern fest, dass es sich bei Gi­u­re Gran­do um ei­nen ech­ten Vam­pir han­del­te. Die­ser ers­te Bericht über ei­ne Vam­pi­rer­schei­nung auf dem Ge­biet der Habs­bur­ger­mon­ar­chie stammt von Jo­hann Weichard Val­va­sor zu Gal­len­eck, ei­nem gro­ßen Uni­ver­sal­ge­lehr­ten. Ge­gen En­de des 17. und zu An­fang des 18. Jahr­hun­derts häuf­ten sich die Be­rich­te über an­geb­li­che Un­to­te, die ihr ehe­ma­li­ges Um­feld heim­such­ten. Vor al­lem in den Län­dern der Habs­bur­ger­mon­ar­chie brach ei­ne re­gel­rech­te Vam­pir­hys­te­rie aus – be­dingt durch po­li­ti­sche Ve­rän­de­run­gen. Nach dem

En­de des letz­ten „Tür­ken­krie­ges“im Jahr 1718 wa­ren ei­ni­ge Ge­bie­te auf dem

Bal­kan zu Ös­ter­reich ge­kom­men, et­wa Nord­ser­bi­en und Tei­le Bos­ni­ens.

Die­se Re­gio­nen, die auf­grund der vie­len Krie­ge re- ge­lecht ent­völ­kert wa­ren, wur­den von ös­ter­rei­chi­scher Sei­te mit so ge­nann­ten Wehr­bau­ern be­sie­delt: Die Wehr­bau­ern wa­ren von den üb­li­chen Ab­ga­ben be­freit, da­für muss­ten sie die Gren­zen si­chern und die Land­wirt­schaft wie­der auf­bau­en. Über die­se Aus­sied­ler ge­lang­ten die al­ten, re­gio­na­len My­then über Un­to­te in den deutsch- spra­chi­gen Raum und stie­ßen hier auf frucht­ba­ren Bo­den. Sie wur­den zu­erst durch Brie­fe hö­he­rer Be­am­ter in die al­te Hei­mat ver­brei­tet, vor Ort wei­ter­erzählt und fan­den dann Auf­nah­me in Zei­tun­gen und Flug­blät­ter – wo­durch sich die Vam­pir­ge­schich­ten ex­po­nen­ti­ell ver­brei­te­ten. Aus Spe­ku­la­tio­nen wur­den schließ­lich Tat­sa­chen, und bald glaub­te ein gro­ßer Teil der Be­völ­ke­rung: Vam­pi­re exis­tie­ren, und sie sind mit­ten un­ter uns.

Wie zu­vor schon die He­xen eig­ne­ten sich auch die Vam­pi­re blen­dend als Er­klä­rung für bis­her Un­er­klär­li­ches. Denn war­um man­che To­te, die wie­der ex­hu­miert wur­den, so „frisch“und „un­tot“aus­sa­hen, war­um manch­mal Gluck­sen und Schmat­zen aus Sär­gen zu hö­ren war, schien nun klar: Hin­ter den un­heim­li­chen Vor­komm­nis­sen muss­ten Vam­pi­re ste­cken! Dass der­lei ir­ri­tie­ren­de Phä­no­me­ne auf Ver­we­sungs­pro­zes­se zu­rück­zu­füh­ren sind – Fäul­nis­ga­se, die die to­ten Kör­per auf­bläh­ten, da­durch gut „ge­nährt“er­schei­nen lie­ßen und beim Ent­wei­chen zu „schmat­zen­den“Ge­räu­schen führ­ten –, wuss­te man nicht. Eben­so we­nig war be­kannt, dass auch aus­tre­ten­des Blut und das Wei­ter­wach­sen von Nä­geln und Haa­ren zum na­tür­li­chen Ver­we­sungs­pro­zess ge­hö­ren. Auch in Zei­ten stei­gen­der To­des­ra­ten wur­den eher Vam­pi­re zur Er­klä­rung her­an­ge­zo­gen als Seu­chen oder man­geln­de Hy­gie­ne.

Ei­ne Vam­pir­plage im süd­ser­bi­schen Dorf Med­veđa in den Jah­ren 1731/32 sorg­te nicht nur für Zei­tungs­mel­dun­gen im ge­sam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum, son­dern auch für das Ein­schrei­ten der obers­ten habs­bur­gi­schen Be­hör­den – ei­ne Kom­mis­si­on wur­de vor Ort ge­schickt, um sich der Sa­che an­zu­neh­men. Doch die Kom­mis­si­on fand we­der ei­ne Er­klä­rung, die die Angst der Be­völ­ke­rung zer­streu­en konn­te, noch ge­lang es ihr, die Vam­pir­hys­te­rie zu stop­pen. Und so ver­brei­te­te sich die Furcht vor den un­to­ten Blut­sau­gern im­mer wei­ter.

Den ent­schei­den­den

Vam­pi­re ent­sprin­gen nur den Köp­fen un­ge­bil­de­ter Men­schen. Ma­ria The­re­si­as Leib­arzt über die Ur­sa­chen der lan­des­wei­ten Vam­pir­hys­te­rie.

Schritt im Kampf ge­gen den Aber­glau­ben setz­te erst Ma­ria The­re­sia. Im Jahr 1755 lan­de­te auf ih­rem Schreib­tisch ein Bericht, dem­zu­fol­ge im na­hen Bis­tum Ol­mütz, in Mäh­ren, drei­ßig Lei­chen aus­ge­gra­ben wor­den wa­ren, die man als Vam­pi­re iden­ti­fi­ziert und mit der ent­spre­chen­den Be­hand­lung un­schäd­lich ge­macht ha­be. Als Ma­ria The­re­sia las, dass selbst Geist­li­che an die­sem un­wür­di­gen Ri­tu­al teil­ge­nom­men hat­ten, war für die tief­gläu­bi­ge Ka­tho­li­kin der Bo­gen end­gül­tig über­spannt.

Es reich­te al­so nicht mehr, den Glau­ben an Vam­pi­re als dum­men Aber­glau­ben an­zu­pran­gern. Und so be­auf­trag­te die Mon­ar­chin ih­ren Leib­arzt, Ver­trau­ten und, nach heu­ti­gem Jar­gon, „Ge­sund­heits­mi­nis­ter“Ger­ard van Swie­ten (1700-1772) da­mit, die­ser Vam­pir­sa­che auf den Grund zu ge­hen und die not­wen­di­gen Maß­nah­men zu set­zen. Van Swie­ten ent­sand­te die bes­ten Ärz­te und Ana­to­men nach Ol­mütz. Die­se be­rich­te­ten nach ih­rer Rück­kehr dem obers­ten Ge­sund­heits­ex­per­ten von ih­ren Un­ter­su­chun­gen, Ver­hö­ren und Ein­drü­cken. Dar­auf­hin ver­fass­te Ger­ard van Swie­ten sei­nen „Vam­py­ris­mus“-bericht für die Kai­se­rin und lis­te­te dar­in pe­ni­bel für al­le ver­meint­li­chen Vam­pir­vor­fäl­le me­di­zi­ni­sche Er­klä­run­gen auf. Van Swie­ten stell­te die lo­ka­len Be­hör­den und die lo­ka­le Geist­lich­keit an den Pran­ger, da sie, an­statt ih­ren Ver­stand zu ge­brau­chen und sich um ei­ne sach­li­che Er­klä­rung zu be­mü­hen, bei den übels­ten Ri­tua­len und Spek­ta­keln mit­ge­macht und so die Vam­pir­hys­te­rie un­ter den un­ge­bil­de­ten Dorf­be­woh­ner noch be­feu­ert hät­ten. Auch ver­ur­teil­te er die Un­wis­sen­heit der Dor­f­ärz­te, die kei­ner­lei Ah­nung von den ein­fachs­ten me­di- zi­ni­schen Zu­sam­men­hän­gen hät­ten. Es sei nichts an­de­res, so van Swie­ten, als man­geln­de Bil­dung, die die Men­schen zu sol­chen Phan­ta­si­en trei­be. Und die ge­schän­de­ten To­ten sei­en nichts an­de­res als „Schlacht­op­fer der Igno­ranz und des Aber­glau­bens“– deut­li­che Wor­te ei­nes Man­nes, der das Zeit­al­ter der Auf­klä­rung ge­ra­de­zu sym­bo­li­sier­te.

Auf Ger­ard van Swie­tens Emp­feh­lung hin gab Ma­ria The­re­sia ih­ren be­rühm­ten „Vam­pir-er­lass“vom 1. März 1755 her­aus. Al­le Ab­wehr­maß­nah­men ge­gen Vam­pi­re wur­den dar­in als Aber­glau­be ge­brand­markt und un­ter Stra­fe ge­stellt. Die Vam­pi­re­pi­de­mie klang dar­auf­hin schnell ab. Ma­ria The­re­sia und ihr Leib­arzt hat­ten ein­drucks­voll be­wie­sen, dass ge­gen Vam­pi­re nur Auf­klä­rung und Bil­dung hal­fen – und der Wil­le, Aber­glau­ben ge­zielt zu be­kämp­fen.

Als im Bis­tum Ol­mütz drei­ßig Lei­chen aus­ge­gra­ben, als Vam­pi­re iden­ti­fi­ziert und post­hum hin­ge­rich­tet wur­den, setz­te Ma­ria­the­re­sia­ei­ne hoch­ka­rä­ti­ge Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on ein.

Links:me­di­zi­ni­sche Ge­rä­te aus der Z eit Ma­rie The­re­si­as. Durch Ger­ard van Swie­ten er­leb­te das Ge­sund­heits­we­sen ei­nen ge­wal­ti­gen Mo­der­ni­sie­rungs­schub.

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