„Es war sein Lust, und gab ihm Mut“

Hexen & Vampire - - INHALT -

Der his­to­ri­sche Dra­cu­la: Wie aus dem wa­la­chi­schen Fürs­ten Vlad III. ein un­to­ter Blut­sau­ger wur­de.

Für die Un­ab­hän­gig­keit sei­nes Rei­ches war ihm je­des Mit­tel recht: Der wa­la­chi­sche Fürst Vlad Te­pes ließ an­geb­lich je­den, der sich ihm in den Weg stell­te, grau­sam tö­ten. Aus „Vlad, dem Pfäh­ler“wur­de 400 Jah­re nach sei­nem Tod „Dra­cu­la“, der Vam­pir.

Vor der Stadt ver­we­sen die auf Pfäh­len auf­ge­spieß­ten Lei­chen. Der Gestank ist un­er­träg­lich. Als sich ein Ge­folgs­mann dar­über be­schwert, dass die Ge­tö­te­ten über Wo­chen an den Pfäh­len blei­ben, lässt ihn der Fürst eben­falls pfäh­len. Nun kann man auch sei­nen Kör­per vor den Stadt­to­ren be­sich­ti­gen. Als deut­li­che War­nung – nie­mand hat Fürst Vlads Ent­schei­dun­gen zu kri­ti­sie­ren.

Fürst Vlad III. (um 1431–1477) er­hielt auf­grund sei­ner be­vor­zug­ten Hin­rich­tungs­art den Bei­na­men

(„der Pfäh­ler“) und ist die his­to­ri­sche Gestalt hin­ter der Dra­cu­la-le­gen­de. Er ist der Herr über die Wa­la­chai, ein Fürs­ten­tum, das sich erst im 14. Jahr­hun­dert aus dem da­mals weit­rei­chen­den un­ga­ri­schen Kö­nig­reich her­aus­ge­bil­det hat. Es ist das Land der dunk­len Wäl­der, der tie­fen Kar­pa­ten­schluch­ten und der trans­sil­va­ni­schen Al­pen, an des­sen Spit­ze ein Wo­jwo­de herrscht.

Die Wa­la­chai ist ein

Puf­fer­staat zwi­schen dem un­ga­ri­schen Groß­reich und dem mäch­ti­gen Os­ma­ni­schen Reich. Die­ses wa­la­chi­sche Fürs­ten­tum mit sei­ner schwie­ri­gen geo­po­li­ti­schen La­ge zu ei­nem sou­ve­rä­nen, un­ab­hän­gi­gen Staat zu ma­chen, war das Le­bens­ziel von Vlad III.

Es ist ein küh­ner Plan an­ge­sichts die­ser über­mäch­ti­gen Geg­ner, sein Va­ter Vlad II. ist dar­an ge­schei­tert. Er trug den sei­ner­zeit eh­ren­vol­len, vom la­tei­ni­schen „dra­co“(„Dra­chen“) ab­ge­lei­te­ten Bei­na­men „Dra­cul“, weil er Mit­glied von Kai­ser Si­gis­munds Dra­chen­or­den war; sein Sohn Vlad III. wur­de des­halb auch Vlad Dră­cu­lea („der Sohn des Dra­chen“) ge- nannt. Weil das ru­mä­ni­sche Wort „drac“aber „Teu­fel“be­deu­tet, liegt hier ei­ner der Ur­sprün­ge des spä­te­ren Dra­cu­la-my­thos.

Als die tür­ki­schen Hee­re vor den Gren­zen der Wa­la­chai ste­hen, un­ter­wirft sich Vlad II., sein Fürs­ten­tum wird zum Va­sal­len­staat des Os­ma­ni­schen Reichs. Die Un­ter­wer­fung der Wa­la­chai hat für sei­nen Sohn Vlad Dră­cu­lea ei­ne dra­ma­ti­sche per­sön­li­che Kon­se­quenz: Der Zehn­jäh­ri­ge kommt als Gei­sel an den Hof des Sul­tans – als Faust­pfand, da­mit sein Va­ter sei­ne Treue­pflicht nicht ver­gisst. Als Vlad Dră­cu­lea sech­zehn Jah­re alt

ist, wird sein Va­ter von den Bo­ja­ren, dem wa­la­chi­schen Adel, der die ei­gent­li­che Macht im Fürs­ten­tum hat, er­mor­det und statt ihm ein pro-un­ga­ri­scher Kan­di­dat auf den Thron ge­bracht. Der Sul­tan dul­det die­se Ei­gen­mäch­tig­keit nicht, fegt den Thron­räu­ber hin­weg und setzt nun Vlad Dră­cu­lea als sei­nen neu­en Ma­rio­net­ten­fürs­ten über die Wa­la­chei ein.

Doch auch Vlad Dră­cu­leas Herr­schaft en­det bald, ihm

Er war nicht sehr groß, aber un­ter­setzt und mus­ku­lös. Sein Auf­tre­ten wirk­te kalt und hat­te et­was Er­schre­cken­des an sich. Be­schrei­bung des Fürs­ten Vlad Ţe­peș durch ei­nen päpst­li­chen Le­ga­ten.

wi­der­fährt das glei­che Schick­sal wie sei­nem Vor­gän­ger; nur dass ihn der un­ga­ri­sche Re­gent vom Thron fegt. Jah­re­lang lebt Vlad Dră­cu­lea nun im Exil, klap­pert die ost­eu­ro­päi­schen Hö­fe ab, auf der Su­che nach Un­ter­stüt­zung, schmie­det Al­li­an­zen und er­wirbt auf die­se Art ex­zel­len­te Kennt­nis­se der re­gio­na­len Macht­ver­hält­nis­se. Nach ei­ni­gen Jah­ren wird er mit un­ga­ri­scher Un­ter­stüt­zung wie­der zum Wo­jwo­den aus­ge­ru­fen, dies­mal ist er aber kein Fürst von Sul­tans Gna­den mehr.

Der neue Wo­jwo­de der Wa­la­chei hat nur ein Ziel: Es muss wie­der Ord­nung herr­schen in sei­nem Reich, denn mäch­ti­ge au­ßen­po­li­ti­sche Geg­ner kann man nur be­zwin­gen, wenn die in­ne­ren Ver­hält­nis­se stim­men. Als Ers­tes nimmt er sich vor, die Er­mor­dung sei­nes Va­ters zu rä­chen und den Bo­ja­ren zu zei­gen, wer der Herr im Haus ist. So lädt der Fürst die 500 mäch­tigs­ten von ih­nen zu ei­nem Fest­mahl. Als die Stim­mung auf dem Hö­he­punkt ist, stürmt die Leib­gar­de des Fürs­ten in den Raum, nimmt al­le an­we­sen­den Bo­ja­ren fest und pfählt je­den Ein­zel­nen von ih­nen. Da­nach sind ih­re Fa­mi­li­en an der Rei­he. Als spä- ter ein­mal ein Mönch den Fürs­ten fragt, war­um er sei­ne Schläch­ter nicht ein­mal vor Säug­lin­gen Halt ma­chen ließ, ant­wor­tet die­ser: „Die Kin­der von heu­te sind mei­ne Fein­de von mor­gen und wür­den nicht zö­gern, ih­re Vä­ter an mir zu rä­chen.“Ab nun nennt man ihn Vlad Ţe­peş – Vlad den Pfäh­ler. Ge­gen die Kri­mi­na­li­tät geht der Fürst ge­nau­so hart vor. Er braucht in sei­nem Reich ei­ne funk­tio­nie­ren­de Wirtschaft und si­che­re Han­dels­plät­ze, um sei­nen Kampf für die Un­ab­hän­gig­keit der Wa­la­chei zu fi­nan­zie­ren. Wenn et­wa Händ­ler die Wa­la­chei wei­ter­hin mie­den, weil sie dau­ernd über­fal­len wur­den, ver­lö­re das Land sei­ne wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le: den Zwi­schen­han­del. Als Stra­fe für Dieb­stahl setzt er des­halb eben­falls Pfäh­len fest. Um den Kauf­leu­ten zu de­mons­trie­ren, dass sie und ih­re Wa­re ab jetzt in sei­nem Land vor Dieb­stahl si­cher wä­ren, ließ Vlad Ţe­peş in sei­ner Re­si­denz­stadt Tâir­go­viş­te ei­nen gol­de­nen Be­cher auf den Rand des öf­fent­li­chen Brun­nen auf­stel­len – an­geb­lich trau­te sich nie­mand, ihn zu steh­len.

Auch wer nichts zum Wohl­er­ge­hen sei­nes Rei­ches bei­trug, soll­te eli­mi­niert wer­den. Die­sen Vor­satz ver­deut­lich­te der Fürst durch ein Ex­em­pel, von dem bald im gan­zen Land die Re­de war: Vlad Ţe­peş lud die Bett­ler der Haupt­stadt zu ei­ner Aus­spei­sung, ließ sie fürst­lich be­wir­ten und frag­te sie nach Speis und Trank, ob sie sich nicht wünsch­ten, nie wie­der Man­gel lei­den zu müs­sen. Die Bett­ler ant­wor­te­ten freu­de­strah­lend mit Ja. Dar­auf­hin ver­ließ der Fürst den Saal, ließ die Tür ver­sper­ren und den Saal nie­der­bren­nen. Doch trotz sei­ner – im Spät­mit­tel­al­ter nicht ex­trem auf­fäl­li­gen – Grau­sam­keit ist der Fürst bei vie­len sei­ner Un­ter­ta­nen be­liebt; die meis­ten hat­ten un­ter den ein­fluss­rei­chen Bo­ja­ren und der stei­gen­den Kri­mi­na­li­tät ge­lit­ten. In­zwi­schen herrsch­te Sta­bi­li­tät und ei­ne Ver-

bre­chens­quo­te, die ge­gen null ging – und ver­folg­te Rand­grup­pen, in­ter­es­sier­ten in der mit­tel­al­ter­li­chen Gesellschaft so­wie­so nie­man­den.

Bald for­dert Vlad Ţe­peş sei­nen mäch­tigs­ten Geg­ner her­aus: den neu­en Sul­tan Meh­med II. Die­ser hat im Jahr 1453 Kon­stan­ti­no­pel er­obert und plant nun wei­te­re

Feld­zü­ge. Vom wa­la­chi­schen Fürs­ten ver­langt der Sul­tan für sei­ne künf­ti­gen Ero­be­rungs­zü­ge 10.000 Du­ka­ten Tri­but und 500 Kn­a­ben, die zu Ja­ni­tscha­ren aus­ge­bil­det wer­den sol­len. Als Ant­wort lässt der Fürst die Ge­sandt­schaft des Sul­tans er­mor­den; al­le Tür­ken, die über die Do­nau auf wa­la­chi­sches Ge­biet über­tre­ten, lässt er pfäh­len.

Oh­ne jeg­li­che Hil­fe und nur mit der va­gen Zu­sa­ge von Un­ter­stüt­zung durch den neu­en un­ga­ri­schen Kö­nig Mat­thi­as Cor­vi­nus nimmt es der Fürst der Wa­la­chei mit dem mäch­ti­gen Heer des Sul­tans auf. Vlad Ţe­peş, der die os­ma­ni­sche Kriegs­füh­rung in sei­ner Ju­gend ge­nau stu­diert hat­te, rech­net da­mit, dass Meh­med II. die Wa­la­chei nur als Ne­ben­schau­platz be­trach­tet – schließ­lich hat Papst Pi­us II. eben zu ei­nem Kreuz­zug ge­gen die Os­ma­nen auf­ge­ru­fen. Mit der üb­li­chen Tak­tik, dem Zu­sam­men­tref­fen zwei­er Hee­re auf wei­tem Feld, wür­de er ge­gen das rie­si­ge Heer des Sul­tans nicht an­kom­men, aber ei­ne Gue­ril­la-tak­tik konn­te funk­tio­nie­ren: schnel­le Über­fäl­le aus dem Hin­ter­halt, schnel­le Rück­zü­ge, und vor al­lem, so mög­lich, ei­ne Blo­cka­de der feind­li­chen Ver­sor- gungs­we­ge. Tat­säch­lich schafft er es, den Tür­ken mas­siv zu scha­den: durch per­ma­nen­te Atta­cken, nächt­li­che An­grif­fe und psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung. Be­vor der Sul­tan die wa­la­chi­sche Haupt­stadt er­reicht, muss er ei­ne hal­be St­un­de lang an ei­nem „Wald der Ge­pfähl­ten“vor­bei­rei­ten – an­geb­lich hat­te Vlad Ţe­peş 20.000 tür­ki­sche Ge­fan­ge­ne pfäh­len las­sen.

Meh­med II. bricht den Feld­zug schließ­lich ab, Vlad Ţe­peş wird zum Kriegs­hel­den – er hat­te ge­zeigt, dass man das mäch­ti­ge os­ma­ni­sche Heer doch schla­gen konn­te. Aber der Preis für sei­nen Sieg ist hoch. Die Wa­la­chei ist ver­wüs­tet, und es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis die tür­ki­schen Hee­re wie­der­kom­men. In die­ser ver­letz­li­chen Si­tua­ti­on wie­der­holt sich die jüngs­te Ver­gan­gen­heit: Vlads Halb­bru­der Ra­du, ein Ver­bün­de­ter des Sul­tans, kann die Eli­te des Lan­des da­von über­zeu­gen, dass es bes­ser ist, ein fried­li­ches Le­ben als tür­ki­sche Va­sal­len zu füh­ren, als ein ver­wüs­te­tes Land in per­ma­nen­tem Kriegs­zu­stand zu hal­ten. Zum zwei­ten Mal wird Vlad Ţe­peş ge­stürzt, er­neut muss er Al­li­an­zen schmie­den, um die Herr­schaft über die Wa­la­chei zu­rück­zu­er- obern. Im Ver­bund mit dem Wo­jwo­den von Sie­ben­bür­gen schlägt er noch ein­mal das tür­ki­sche Heer zu­rück, und noch ein­mal, zum drit­ten und letz­ten Mal, wird er zum Wo­jwo­den der Wa­la­chai aus­ge­ru­fen.

Vlad Ţe­peş’ En­de kommt zur Jah­res­wen­de 1476/77. Wie ge­nau er ums Le­ben kam, ver­ra­ten die his­to­ri­schen Qu­el­len nicht, wahr­schein­lich fiel er im Kampf um sei­nen Fürs­ten­thron. Ein po­li­ti­scher Geg­ner, der mit den Os­ma­nen pak­tier­te, soll ihn von hin­ten ent­haup­tet ha­ben. Sein Kopf, heißt es, wur­de in Ho­nig kon­ser­viert und an den Sul­tan ge­schickt. Die­ser ließ Vlad Ţe­peş’ Haupt auf ei­ner Stan­ge auf­ge­spießt öf­fent­lich zur Schau stel­len. Der Kör­per des Fürs­ten wur­de im Klos­ter Sna­gov be­stat­tet. Als man das Grab in den 1980er-jah­ren öff­ne­te, war es leer.

Die Wa­la­chei ge­riet nach Vlad Ţe­peş’ Tod wie­der un­ter os­ma­ni­sche Ober­herr­schaft. Im Jahr 1859 schlos­sen sich die bei­den Donau­fürs­ten­tü­mer Mol­dau und Wa­la­chei zum Fürs­ten­tum – spä­ter Kö­nig­reich – Ru­mä­ni­en zu­sam­men.

In We­st­eu­ro­pa setz­te schon zu Vlads Leb­zei­ten die Pro­pa­gan­da ge­gen ihn ein. Die ost­eu­ro­päi­schen Ge­schich­ten über den Wo­jwo­den aus dem fins­te­ren Tal sind, trotz al­ler Er­wäh­nung der Grau­sam­kei­ten des Fürs­ten, im Ton­fall deut­lich sach­li­cher als et­wa die deut­schen. Nicht ver­ges­sen wer­den darf auch, dass die Le­bens­ge­schich­te Vlads III. – sei­ne Ta­ten wie Schand­ta­ten – nun, durch die noch jun­ge Er­fin­dung des Buch­drucks, in ei­ner Wei­se und Ge­schwin­dig­keit pu­blik ge­macht wur­de, die frü­he­ren De­s­po­ten er­spart blieb. Die un­zäh­li­gen, in Bü­chern und Flug­blät­tern ver­brei­te­ten, meist blut­rüns­tig aus­ge­schmück­ten Ge­schich­ten über Vlad Ţe­peş gin­gen 400 Jah­re spä­ter, als ei­ner sei­ner Ur­sprün­ge, in den My­thos von Dra­cu­la ein.

DIE GE­BURT DES DRA­CU­LA -MY­THOS. WIE AUS DEM HIS­TO­RI­SCHEN DRA­CU­LA EIN BLUT­SAU­GER WUR­DE

Wie konn­te der his­to­ri­sche Vlad Ţe­peş zur – an­fangs li­te­ra­ri­schen – Fi­gur des le­gen­dä­ren Blut­sau­gers Dra­cu­la wer­den? Zu­nächst ein­mal: Vlad Ţe­peş’ Ge­schich­te, mit­samt der da­zu­ge­hö­ri­gen Gräu­el­pro­pa­gan­da, ist nur ei­ne der Qu­el­len, die den iri­schen Schrift­stel­ler Bram Sto­ker zur Idee sei­nes über­mäch­ti­gen, aris­to­kra­ti­schen Vam­pirs Dra­cu­la in­spi­rier­ten. Hin­zu ka­men Be­rich­te über die jahr­hun­der­te­al­te Angst vor Wie­der­gän­gern, über­lie­fer­te Vam­pir­le­gen­den und der Ok­kul­tis­mus­boom des 19. Jahr­hun­derts. Al­les in al­lem kon­zen­trie­ren sich in der Fi­gur des un- to­ten Dra­cu­la, der sei­nen Op­fern das Blut aus­saugt, min­des­tens 400 Jah­re al­te, kol­lek­ti­ve Phan­ta­si­en und Ängs­te.

Die Furcht vor Wie­der­gän­gern aus dem To­ten­reich ist weit ver­brei­tet und in vie­len Re­gio­nen der Welt zu fin­den. Ihr liegt der Glau­be zu­grun­de, dass To­te un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen aus dem jen­sei­ti­gen Reich ins Dies­seits der Le­ben­den zu­rück­keh­ren – et­wa bei un­na­tür­li­chen To­des­fäl­len, wenn der To­te oh­ne die üb­li­chen Ri­tua­le be­stat­tet wur­de oder auch das Op­fer ei­nes Ver­bre­chens war. Man glaub­te et­wa, dass ein Wie­der­gän­ger er­schei­ne, um sich für frü­her er­lit­te­nes Un­recht zu rä­chen. Archäo­lo­gen ha­ben vor al- lem im ost­eu­ro­päi­schen Raum Be­wei­se für die­se ur­al­te Angst ge­fun­den: Leich­na­me, die im Sarg auf den Bauch ge­legt, dort an­ge­bun­den oder fest­ge­na­gelt wor­den wa­ren. Al­ler­dings schrieb man den Wie­der­gän­gern noch kein blut­sau­ge­ri­sches Ver­hal­ten zu.

Seit dem 16. und 17. Jahr­hun­dert be­flü­gel­te ei­ne wei­te­re his­to­ri­sche Gestalt die Phan­ta­si­en: die

„Blut­grä­fin“Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry, die der Le­gen­de nach das Blut jun­ger Mäd­chen trank, um da­durch ih­re Schön­heit zu be­wah­ren. Der My­thos des Blu­tes, sei­ner ver­jün­gen­den Wir­kung und sei­ner ma­gi­schen Ei­gen­schaf­ten stand jetzt im Mit­tel­punkt des all­ge­mei­nen In­ter­es­ses, und man be­gann, Men­schen, de­nen grau­sa­me – und auf ir­gend­ei­ne Wei­se mit Blut ver­bun­de­ne – Ta­ten zu­ge­schrie­ben wur­den, als Vam­pi­re zu be­zeich­nen. Der Vam­pir­my­thos, wie wir ihn heu­te ken­nen, ent­steht erst im 19. Jahr­hun­dert. Der Spi­ri­tis­mus kommt auf, Geis­ter­be­schwö­run­gen und „go­t­hic no­vels“, al­so ro­man­ti­sche Schau­er­ge­schich­ten, boo­men. Vor die­ser Ku­lis­se hat der iri­sche Schrift­stel­ler Bram Sto­ker (1847–1912) die Idee zu sei­nem Ro­man „Dra­cu­la“. Das Buch er­scheint 1897 und wird zum Best­sel­ler. Bram Sto­ker ver­bin­det dar­in Mo­ti­ve aus ihm be­kann­ten Vam­pir­ge­schich­ten, aus Rei­se­be­rich­ten sei­ner Zeit über den Bal­kan so­wie aus den Ge­schich­ten über Vlad Dră­cu­lea: Im rück­stän­di­gen, gru­se­li­gen Trans­sil­va­ni­en geht der un­to­te Graf (statt Fürst) Dra­cu­la um­her und saugt sei­nen Op­fern das Blut aus den Adern. Den Hin­weis auf den vor 400 Jah­ren ver­stor­be­nen Vlad Dră­cu­lea, der in den bis­he­ri­gen Vam­pirer­zäh­lun­gen nie­mals vor­ge­kom­men war, er­hielt Bram Sto­ker vom un­ga­ri­schen Ori­en­ta­lis­ten Ár­min Vám­bé­ry. Der Er­folg von Bram Sto­kers Werk ver­dankt sich un­ter an­de­rem sei­nem An­schein von Au­then­ti­zi­tät. Da Sto- ker den Ro­man in Form von Ta­ge­buch­ein­trä­gen und Be­rich­ten ge­stal­tet hat – so­gar die Rei­se­rou­ten sei­ner Fi­gu­ren sind nach­voll­zieh­bar –, er­weckt er den Ein­druck, dass das Er­zähl­te auf Tat­sa­chen be­ru­hen könn­te. Ei­ne breit an­ge­leg­te mo­der­ne Pr-kam­pa­gne des Ver­lags, die sug­ge­rier­te, dass es in Trans­sil­va­ni­en tat­säch­lich Vam­pi­re ge­ben kön­ne, tat ein Üb­ri­ges.

Sto­kers li­te­ra­ri­sche Fi­gur Dra­cu­la wird im 20. Jahr­hun­dert durch das neue Me­di­um Film mo­der­ni­siert: mit viel Blut und je­der Men­ge Ero­tik. Der ers­te Film-dra­cu­la sieht zwar noch nicht wie der blut­sau­gen­de Ver­füh­rer spä­te­rer Jah­re aus, da­für gilt der glatz­köp­fi­ge Nos­fe­ra­tu aus dem gleich­na­mi­gen 1922 in die Ki­nos ge­kom­me­nen, deut­schen Stumm­film von

Fried­rich Wil­helm Murnau als Film­ju­wel. Die ers­te Hol­ly­woo­dVer­fil­mung des Dra­cu­la-stoffs im Jahr 1931 mit dem ge­bür­ti­gen Un­garn Bela Lu­go­si in der Rol­le des Blut­sau­gers setz­te dann Maß­stä­be: ma­gne­ti­scher Blick, schwar­zer Fle­der­maus­man­tel und dra­ma­ti­sche Mu­sik bei je­dem Biss. Bela Lu­go­si wur­de durch sei­ne Darstel­lung des Dra­cu­la welt­be­rühmt. Ge­gen En­de sei­nes Le­bens iden­ti­fi­zier­te er sich an­geb­lich so sehr mit sei­ner Rol­le – im­mer­hin hat­te er den Su­per­vam­pir auch rund 5000-mal auf der Büh­ne ge­spielt –, dass er sich manch­mal selbst für Dra­cu­la hielt. Auf Wunsch sei­ner Fa­mi­lie wur­de er schließ­lich in sei­nem schwarz-ro­ten Film­kos­tüm be­gra­ben.

Ei­nen wei­te­ren Po­pu­la­ri­täts- schub für den Über­vam­pir brach­ten die Tv-fil­me der Lon­do­ner Ham­mer-pro­duc­tions aus den 1960er-jah­ren. Chris­to­pher Lee biss sich hier als Graf Dra­cu­la durch un­zäh­li­ge Fil­me. Die li­te­ra­ri­sche Vor­la­ge war zwar nicht mehr er­kenn­bar, da­für gab es je­de Men­ge Kunst­blut und Frau­en, die an­läss­lich der se­xu­el­len An­zie­hungs­kraft Dra­cu­las da­hin­san­ken, noch ehe er sei­ne Reiß­zäh­ne in ih­re Häl­se ver­sen­ken konn­te – der Dra­cu­la-hy­pe hat­te ei­nen Hö­he­punkt er­reicht.

1967 zeig­te Ro­man Polan­ski mit sei­nem „Tanz der Vam­pi­re“, dass sich der Dra­cu­la-stoff bes­tens für Ko­mö­di­en eig­net, und schuf da­mit ei­nen zeit­lo­sen Klas­si­ker. Das gleich­na­mi­ge Mu­si­cal wur­de 1997 in Wi­en ur­auf­ge­führt. 1992 brach- te der Star-re­gis­seur Fran­cis Ford Cop­po­la ei­ne Film­ver­si­on von „Dra­cu­la“her­aus, die sich erst­mals ge­nau an Bram Sto­kers Ro­man ori­en­tier­te.

Seit ei­ni­gen Jah­ren er­le­ben Vam­pi­re wie­der ein Re­vi­val. Ste­phe­nie Mey­er hat mit ih­ren „Twi­light“Best­sel­lern samt da­zu­ge­hö­ren­den Hol­ly­wood-block­bus­tern ei­nen völ­lig neu­en Typ Vam­pir er­schaf­fen. Der Blut­sau­ger ist jetzt blut­jung, gut aus­se­hend und ge­sell­schaft­lich bes­tens in­te­griert. Er hat ein gro­ßes Herz und zeigt sei­ne wil­de Sei­te nur, wenn es gilt, sei­ne Lie­ben zu ver­tei­di­gen. In die­sen Vam­pir­fil­men gibt es kaum Blut, kei­nen Sex, da­für je­de Men­ge Ro­man­tik und Weich­zeich­ner – Dra­cu­la ist zum Te­enager-idol auf­ge­stie­gen.

Foto: Fo­to­lia

Oben: Der wa­la­chi­sche Fürst Vlad Dră­cu­lea galt als er­folg­rei­cher Kriegs­herr.

Links: „dra­coll“– ei­ne der ers­ten Er­wäh­nun­gen des Vlad Dră­cu­lea.

„Grau­sam­ke it als po li­ti­sche s Pro­gramm: Vlad der Pfäh­ler nimmt sein Mahl im Schat­ten sei­ner ge­pfähl­ten Op­fer ein, deut­scher Holz­stich um 1500.

Burg Hu­n­e­do­a­ra in Sie­ben­bür­gen: Hier wur­de der Wo­jwo­de nach sei­nem ers­ten Thron­ver­lust ge­fan­gen ge­hal­ten.

In der „Bau­ern­burg“von Râș­nov soll sich V lad Ţe­peş m eh rm als auf­geh al­ten h aben.

„Nos­fe­ra­tu“, der ers­te er­folg­reich e Film -Dra­cu­la. Klei­nes Bild: Der irisch e

Sch rift­stel­ler Bram Sto­ker. Sein Rom an „Dra­cu­la“aus dem Jah r 18 97be­grün­de­te den Dra­cu­la-myth os.

Die be­kann­tes­ten Vam­pi­re der Film­ge­schich­te: Chris­to­pher Lee (ganz links) in ei­nem Strei­fen der be­rühm­ten Ham­merPro­duc­tions aus den 19 60er-jah­ren. Bela Lu­go­si (Mit­te) war 19 31der ers­te Hol­ly­wood-vam­pir. Ro­bert Pat­tin­son (re.) als ed­ler Vam­pir Ed­ward in der „Twi­light“Ver­fil­mung.

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