In­ter­view

Hexen & Vampire - - INHALT -

Prof. Ro­land Girt­ler über das Phä­no­men He­xe, per­ver­se He­xen­jä­ger und Rand­grup­pen um Mit­tel­al­ter.

Herr Pro­fes­sor Girt­ler, Sie sind Kul­tur­an­thro­po­lo­ge und So­zio­lo­ge. Wo­her kommt ei­gent­lich das gro­ße In­ter­es­se am Thema „He­xen“?

Das Phä­no­men He­xe ist ei­ne ei­gen­ar­ti­ge Sa­che. Am ehes­ten kann man es noch mit dem la­tei­ni­schen „fa­sci­ans et tre­men­dum“be­schrei­ben. Hier gibt es et­was, das den Men­schen Angst macht, sie aber gleich­zei­tig auch an­zieht: Die He­xe steht ja für das Über­sinn­li­che, für das Un­er­klär­li­che. Da­vor hat der Mensch per se Angst, aber es fas­zi­niert ihn auch. Die Be­schäf­ti­gung da­mit dient auch da­zu, mit die­ser Angst fer­tig zu wer­den. Vie­les in der Ge­schich­te der Men­schen hat pri­mär mit Angs­t­ab­wehr zu tun. His­to­risch ge­se­hen, kommt bis­wei­len bei der Angst vor der He­xe auch die Angst vor der Frau, vor dem Weib­li­chen da­zu. Star­ke Frau­en gal­ten be­reits in der An­ti­ke als ge­heim­nis­voll, aber auch als Pro­phe­tinn­nen. Ei­nes muss man aber auch ganz klar sa­gen: Die He­xen­ver­fol­gun­gen hat­ten auch viel mit Per­ver­si­on zu tun. Die­je­ni­gen, die Frau­en und Män­ner, Rand­grup­pen und Schwa­che er­nied­rigt und schließ­lich bru­tal be­sei­tigt ha­ben, wa­ren zu­meist Per­ver­se – dies er­gibt sich aus Be­rich­ten aus der Zeit der He­xen­ver­fol­gung.

Wie lan­ge ha­ben sich ma­gi­sche Vor­stel­lun­gen in un­se­ren Brei­ten er­hal­ten?

Die ha­ben sich bis heu­te er­hal­ten! Der Mensch ist nun mal ein We­sen, das an Ma­gie glaubt. Das ist auch ganz lo­gisch: Wir wis­sen nicht, wo­her wir kom­men und wo­hin wir ge­hen, un­ser Da­sein ist ein ewi­ges Rät­sel. Die Re­ak­ti­on des Men­schen dar­auf war und ist auch heu­te noch die Flucht in die Ma­gie. Ma­gie gibt den Men­schen das Ge­fühl, hand­lungs­fä­hig zu sein, denn bei der Ma­gie ver­sucht man, die Göt­ter durch be­stimm­te Ri­tua­le zu ei­ner be­stimm­ten Hand­lung zu zwin­gen. Das ist der we­sent­li­che Un­ter­schied zur Re­li­gi­on, denn in der Re­li­gi­on er­bit­tet man et­was von Gott. Ma­gi­sche Ri­tua­le und Sym­bo­le be­stim­men auch heu­te das Le­ben des Men­schen, da­zu ge­hö­ren z. B. das Auf­hän­gen von Huf­ei­sen, das Tra­gen von Amu­let­ten, ge­wis­se Sprü­che zum Ent­fer­nen von War­zen usw.

Die Al­pen­re­gi­on war von den Ket­zer­ver­fol­gun­gen be­son­ders be­trof­fen, spä­ter fan­den hier die ers­ten He­xen­pro­zes­se statt. Was weiß man über den All­tag die­ser Men­schen im 13. und 14. Jahr­hun­dert?

Es war ei­ne bäu­er­li­che Kul­tur, so wie das gan­ze Mit­tel­al­ter von ei­ner bäu­er­li­chen Kul­tur be­stimmt war. Das be­deu­tet zu­nächst ein­mal, dass die­se Men­schen bit­ter­arm wa­ren, wie wir es uns heu­te kaum mehr vor­stel­len kön­nen, die Bes­s­er­ge­stell­ten, die Aris­to­kra­ten und Rei­chen mach­ten ja nur ei­ne win­zig klei­ne Schicht der mit­tel­al­ter­li­chen Gesellschaft aus. Die­ser klei­nen Schicht hat­ten die Bau­ern zu die­nen, da­zu wur­den sie ge­zwun­gen. Freie Bau­ern gab es im Mit­tel­al­ter kaum. Die Bau­ern sa­hen sich per­ma­nent aus­ge­beu­tet, Bau­ern­auf­stän­de wa­ren da­her fast an der Ta­ges­ord­nung. Die­se Auf­stän­de wur­den bru­tal von der Aris­to­kra­tie nie­der­ge­schla­gen. Erst 1848 wird der Bau­er frei­er Herr über Grund und Bo­den. Zur Aus­beu­tung des Bau­ern im Mit­tel­al­ter kam und kommt noch die gro­ße Ab­hän­gig­keit der Bau­ern von der Na­tur, vom Wet­ter usw. Man ver­such­te da­her, die Na­tur mit­hil­fe der Ma­gie, da­zu ge­hör­ten Pro­zes­sio­nen und vie­les Be­ten, ge­fü­gig zu ma­chen.

Wenn wir uns ein klas­si­sches ös­ter­rei­chi­sches Dorf des 15. Jahr­hun­derts vor­stel­len: Wel­che Per­so­nen­grup­pen wur­den in Kri­sen­zei­ten am schnells­ten als „He­xen“oder „He­xer“de­nun­ziert?

Ganz klar die Rand­grup­pen! Die Bett­ler, die Va­ga­bun­den, al­le, die aus der Gesellschaft ge­fal­len sind und zum Her­um­zie­hen ge­zwun­gen wa­ren, wur­den schnell zum Ge­gen­stand der Ag­gres­si­on der Sess­haf­ten. Wenn z. B. in ei­nem Dorf ein Feu­er aus­brach, wur­den Ju­den, va­ga­bun­die­ren­de Frau­en und Bett­ler schnell ver­däch­tigt, durch Zau­be­rei oder He­xe­rei das Un­glück ver­ur­sacht zu ha­ben. Dies konn­te zur Fol­ge ha­ben, dass man die­se ar­men Men­schen auf den Schei­ter­hau­fen stell­te. Es gab im Mit­tel­al­ter über­haupt ei­ne Kul­tur des Her­um­zie­hens. Ob Bett­ler, Gau­ner, Pro­sti­tu­ier­te, die Men­schen sind in gro­ßen Grup­pen, in Sip­pen her­um­ge­zo­gen, um ihr Glück zu ver­su­chen. Sie hat­ten ja kei­ne an­de­re Mög­lich­keit, ihr Geld zu ver­die­nen. Was man ger­ne ver­gisst: Die­se Rand­grup­pen ver­brei­te­ten ja auch Kul­tur. Die­se Rand­grup­pen ha­ben span­nen­de For­men des Über­le­bens kul­ti­viert, sie

Der „Kro­ne“-ko­lum­nist , Kul­tur­an­thro­po­lo­ge und So­zio­lo­ge Ro­land Girt­ler über das Phä­no­men He­xe, per­ver­se He­xen­jä­ger, Rand­kul­tu­ren im Mit­tel­al­ter und kun­di­ge Kräu­ter­weib­lein.

hat­ten auch ei­ne ei­ge­ne Rang­ord­nung, Räu­ber wa­ren bei den Ar­men et­wa hoch an­ge­se­hen, weil sie die Fein­de der Rei­chen wa­ren. Die Kul­tur die­ser Aus­ge­sto­ße­nen, ih­re Ri­ten und Bräu­che sind kaum nie­der­ge­schrie­ben wor­den, wir ha­ben nur we­ni­ge Zeug­nis­se da­von. Spu­ren des All­tags­le­bens der um­her­zie­hen­den Va­ga­bun­den und Ga­no­ven wäh­rend des Mit­tel­al­ters fin­den sich heu­te noch z. B. in der Spra­che der Wie­ner Gau­ner, sie ver­wen­den bis heu­te Wör­ter und Fach­be­grif­fe aus dem Mit­tel­al­ter.

Un­ter­schied sich die Stel­lung der Frau in­ner­halb die­ser um­her­zie­hen­den Rand­grup­pen von der all­ge­mei­nen Stel­lung der Frau die­ser Zeit? Wa­ren die­se Frau­en un­ab­hän­gi­ger selbst­be­stimm­ter, weil au­ßer­halb der tra­di­tio­nel­len Gesellschaft, weil auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen?

Es gibt ein an­ony­mes Buch aus dem 16. Jh., das ist der „Li­ber va­ga­to­rum“( Buch der Va­ga­bun­den), wel­ches von Vög­ten bzw. Kri­mi­nal­be­am­ten ge­schrie­ben sein dürf­te, in dem das All­tags­le­ben und die Tricks von fah­ren­dem Volk, Ga­no­ven, Dir­nen usw. ge­schil­dert wer­den. Grund­sätz­lich wa­ren die Frau­en ge­nau­so ak­tiv wie die Män­ner. Sie be­nö­tig­ten sich ge­gen­sei­tig. Bei der ka­la­bri­schen Ma­fia heißt es heu­te noch, der Mann braucht zwei Sa­chen: die Lie­be ei­ner Frau und das Herz des Räu­bers. Bei den Wild­schüt­zen, sie gab es schon im Mit­tel­al- ter, gab es den Spruch: Was braucht denn der Schütz, er braucht nichts als ein schwarz­äu­gi­ges Mäd­chen und ein Ge­wehr zum Ab­schrau­ben. Die Frau­en wa­ren durch­aus dem Mann nicht un­ter­le­gen. Es scheint, dass die Frau­en der Gau­ner frei­er wa­ren als die Frau­en der Bür­ger und Aris­to­kra­ten. Es gibt Be­rich­te von Zech­ge­la­gen der Bett­ler und Die­be, bei de­nen die Frau­en sich eben­so auf­führ­ten wie die Män­ner. Dies ist auch in dem Buch von H. J. C. v. Grim­mels­hau­sen „Le­bens­be­schrei­bung der Erz­be­trü­ge­rin und Land­stör­ze­rin Cou­ra­ge“aus dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg zu le­sen, ei­ner sehr ei­gen­stän­di­gen Da­me, die so­gar mit Män­nern rauf­te.

Gab es je­mals die be­rühm­ten „Kräu­er­weib­lein“, die als He­xen de­nun­ziert wur­den?

Der be­kann­te „Kro­ne“-ko­lum­nist Univ.-prof. Dr. Ro­land Girt­ler lehrt und forscht am In­sti­tut für So­zio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Wi­en. Er ist Ver­fas­ser zahl­rei­cher Bü­cher und Auf­sät­ze zur Kul­tur­so­zio­lo­gie und ist Lei­ter des Wil­de­rer-mu­se­ums in St. Pankraz, OÖ.

Die­se „Kräu­er­weib­lein“wa­ren doch über­all: Es wa­ren er­fah­re­ne Frau­en, die ih­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der ge­pflegt und ge­heilt ha­ben – die Frau war im­mer die Hei­len­de. Sie ha­ben ge­wusst, wel­che Pflan­zen hel­fen. Die­ses Wis­sen wur­de von Frau zu Frau wei­ter­ge­ge­ben. Das wuss­te schon der be­rühm­te Arzt Pa­ra­cel­sus, der mein­te, man kön­ne bei den al­ten Frau­en und auch beim fah­ren­den Volk mehr ler­nen als bei den Ge­lehr­ten an der Uni­ver­si­tät. Die Kräu­ter­he­xe als bö­ses We­sen gibt es nur im Mär­chen.

Wann und wo­durch wur­den die­se kun­di­gen Frau­en in den Hin­ter­grund ge­drängt?

Mit dem Auf­kom­men der mo­der­nen Me­di­zin in der Neu­zeit wer­den Frau­en, die sich als Hei­le­rin­nen be­tä­tig­ten, ge­ra­de­zu als ge­fähr­li­che Kon­kur­ren­tin­nen ge­se­hen. Mei­ne Mut­ter je­doch, die Land­ärz­tin war, sym­pa­thi­sier­te mit die­sen Frau­en und hat oft in­ter­es­san­te Me­tho­den ein­ge­setzt, um z. B. Frau­en bei der Ge­burt zu hel­fen usw.

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