DER SALZ­BUR­GER ZAU­BE­RER- JACKL-PRO­ZESS

Hexen & Vampire - - DIE GRAUSAMSTEN HEXENPROZESSE -

Der Zau­be­rer-jackl-pro­zess war ei­ner der größ­ten und blu­tigs­ten He­xen-ket­ten­pro­zes­se Eu­ro­pas. Über ei­nen Zei­t­raum von fünf­zehn Jah­ren hin­weg wur­den über 230 Men­schen an­ge­klagt und 167 von ih­nen hin­ge­rich­tet – die Zah­len va­ri­ie­ren, je nach­dem, wel­che Ein­zel­pro­zes­se die­sem Ket­ten­pro­zess zu­ge­rech­net wer­den. Der Groß­teil der An­ge­klag­ten war nicht äl­ter als ein­und­zwan­zig Jah­re; vie­le wa­ren so­gar erst zwi­schen zehn und sech­zehn und ei­ni­ge we­ni­ge nur drei bis fünf Jah­re alt. Fast al­le ge­hör­ten dem Bett­ler- und Land­strei­cher-mi­lieu an. Na­mens­ge­ber die­ser Ket­ten­pro­zes­se war Ja­kob Kol­ler aus dem Lun­gau, „Zau­ber­jackl“ge­nannt – er wur­de nie ge­fun­den.

Aus­lö­ser die­ses Mam­mut-pro­zes­ses war die Fest­nah­me der et­wa fünf­zig­jäh­ri­gen Bar­ba­ra Kol­ler. Sie stamm­te aus ei­ner Ab­de­cker­fa­mi­lie und ge­hör­te da­mit zu ei­ner so­zi­al ge­äch­te­ten Grup­pe. Nach dem Tod ih­res Man­nes zog sie um­her und hielt sich und ih­ren Sohn mit Bet­teln und Dieb­stahl über Was­ser. Im Jahr 1675 wur­de sie bei ei­nem Op­fer­stock­dieb­stahl in Gol­ling ge­fasst und we­gen Dieb­stahl und Zau­be­rei an­ge­klagt. Un­ter der Fol­ter ge­stand sie, ei­ne He­xe zu sein; we­nig spä­ter wur­de sie in Salz­burg-gneis hin­ge­rich­tet. Ihr neun­zehn­jäh­ri­ger Sohn Ja­kob konn­te un­ter­tau­chen. Er hat­te an­geb­lich ei­ne Grup­pe Kin­der und Ju­gend­li­che aus dem Bett­ler-mi­lieu um sich ge­schart und zu ei­ner or­ga­ni­sier­ten Ban­de auf­ge­baut.

Sämt­li­chen Bur­schen aus dem Um­kreis des Zau­ber­jackls, de­rer man hab­haft wer­den konn­te, wur­de nun bald der Pro­zess ge­macht. Un­ter der Fol­ter er­zähl­ten sie, wie sie an­ge­wor­ben wur­den, und nann­ten im­mer neue an­geb­li­che Kom­pli­zen. So ge­stand der sech­zehn­jäh­ri­ge Ge­org Pu­cheg­ger, wie er zum Zau­ber­jackl ge­sto­ßen war: Ein ha­ge­rer Mann ha­be ihn an­ge­spro­chen und gu­tes Geld, Essen und Trin­ken ver­spro­chen. Als Auf­nah­me­ri­tus ha­be ihm der Jackl ei­nen Schnitt ver­setzt und mit dem Blut den Na­men des neu­en Ban­den­mit­glieds in ein Buch ge­schrie­ben. Der fünf­zehn­jäh­ri­ge Chris­ti­an Rei­ter sag­te aus, er sei zwei­wo­chen lang mit dem Zau­ber­jackl un­ter­wegs ge­we­sen, sie sei­en auf ei­ner ge­schmier­ten Ga­bel durch die Lüf­te ge­flo­gen.

Aus den­ver­hö­ren der zahl­rei­chen Kin­der und Ju­gend­li­chen, die mit Sug­ges­tiv­fra­gen aufs Glatt­eis ge­führt und mas­siv miss­han­delt wur­den und un­ter der Fol­ter al­les sag­ten, was man von ih­nen wis­sen woll­te, ent­stand das Bild des Zau­ber­jackls: Der Jackl scha­re Kin­der um sich und leh­re sie das Zau­bern. Er selbst kön­ne sich in ei­nen­wer­wolf­ver­wan- deln, aber auch un­sicht­bar ma­chen oder mit­hil­fe ma­gi­scher Sal­ben flie­gen so­wie al­ler­lei her­bei­zau­bern. Schwan­ge­ren Frau­en schnei­de der Jackl den Fö­tus aus dem Leib, um die Lei­bes­frucht für Zau­ber­zwe­cke zu ver­wen­den. Und er ver­wand­le re­gel­mä­ßig St­ei­ne, Stö­cke, aber auch Kü­he und Pfer­de in Rat­ten und Mäu­se, auf dass sie die Vor­rä­te der Recht­schaf­fe­nen ver­nich­te­ten. Da­zu ge­sell­ten sich al­ler­lei Aus­wüch­se sei­nes Pak­tes mit dem Teu­fel: Die Ban­de des Zau­ber­jackls wer­fe Bild­säu­len und Mar­terln um und ver­spot­te den Herrn und die Jung­frau Ma­ria.

Der Zau­be­rer-jackl-pro­zess lös­te ei­nen fa­ta­len Schnee­ball­ef­fekt aus: Zu­erst fol­ter­te man die Ju­gend­li­chen so lan­ge, bis man ein ge­neh­mes Ge­ständ­nis hat­te. Un­ter der Fol­ter be­las­te­ten An­ge­klag­te in der Re­gel ih­re un­mit­tel­ba­re Um­ge­bung so­wie ih­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der. So wur­den als Nächs­tes die Fa­mi­li­en der Ju­gend­li­chen un­ter An­kla­ge ge­stellt und ih­rer­seits so lan­ge ge­fol­tert, bis sie die Aus­sa­gen der Kin­der be­stä­tig­ten und wei­te­re Na­men aus ih­rem Be­kann­ten­kreis nann­ten – Per­so­nen, de­ren Na­men sie ir­gend­wo ge­hört hat­ten, Per­so­nen, die wie sie aus dem Bett­ler­mi­lieu stamm­ten.

Da vie­le aus dem Bett­ler- und Land­strei­cher-mi­lieu durch die Lan­de zo­gen, führ­te der Zau­ber­jack­lPro­zess zu Fol­ge­pro­zes­sen in Ti­rol und der Stei­er­mark. So wur­de et­wa in Li­enz der ehe­gat­ten­lo­sen Eme­r­an­zia Pich­ler auf­grund ei­ner be­las­ten­den Aus­sa­ge der Pro­zess ge­macht. Sie wur­de 1680 zu­sam­men mit ih­ren bei­den äl­tes­ten Kin­dern, ih­rer Mut­ter und ih­rem Bru­der hin­ge­rich­tet. Ih­re acht­jäh­ri­ge Toch­ter durf­te am Le­ben blei­ben, muss­te die Exe­ku­ti­on ih­rer Fa­mi­lie aber mit­an­se­hen, auf dass sie für ihr spä­te­res Le­ben ge­warnt sei. In der Krain er­wisch­te es die Fa­mi­lie De­bel­lak: Der­va­ter, ein er­blin­de­ter ehe­ma­li­ger Koh­le­ar­bei­ter, der sich und sei­ne Fa­mi­lie mit Bet­teln über Was­ser hielt, muss­te zwar frei­ge­spro­chen wer­den, da er al­le Fol­ter­gra­de über­stand, oh­ne ein Ge­ständ­nis ab­zu­le­gen, doch sei­ne Frau und sei­ne zwölf­jäh­ri­ge­toch­ter wur­den hin­ge­rich­tet. Die drei klei­ne­ren Kin­der wur­den ihm ab­ge­nom­men und er selbst nach Ober­ös­ter­reich ab­ge­scho­ben.

Ob der Ja­kob Kol­ler, ge­nannt Zau­ber­jackl, der nie aus­ge­forscht wer­den konn­te, wirk­lich mit all die­sen Op­fern auch nur in lo­sem Kon­takt war, ist höchst frag­lich. Die Kon­se­quenz die­ser An­nah­me führ­te al­ler­dings da­zu, dass gan­ze Fa­mi­li­en be­wusst de­zi­miert, manch­mal so­gar aus­ge­rot­tet wur­den – im Sin­ne der lo­ka­len Be­hör­den, de­nen die Hin­rich­tung „un­nüt­zen Ges­in­dels“oft durch­aus zu­pass kam.

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