Wie Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg in die Po­li­tik zu­rück­will.

RE­POR­TA­GE. Nach sechs Jah­ren Aus­zeit ist der ge­stol­per­te Ex-Mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg mit neu­em Stil und al­tem Charme in die gro­ße deut­sche Po­li­tik zu­rück­ge­kehrt. Er be­reut sei­ne Feh­ler, be­dankt sich de­mü­tig und greift in der al­ten Hei­mat kra­che

Kleine Zeitung Kaernten - - Vorderseite - In­go Ha­se­wend, Kulm­bach

Es ist kein epo­cha­ler Ein­zug. Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg muss sich durch die Rei­hen sei­ner Par­tei­an­hän­ger drän­geln, bleibt kurz ste­hen, um­armt die lo­ka­len Grö­ßen der bay­ri­schen CSU und weiß dann gar nicht genau, wo er hin­soll. Er – die eins­ti­ge Licht­ge­stalt der deut­schen Po­li­tik, der über ei­ne Pla­gi­ats­af­fä­re stol­per­te und zum Lü­gen­ba­ron wur­de – muss den Weg zur gro­ßen Büh­ne erst wie­der­fin­den.

Nach war­men Wor­ten des Bür­ger­meis­ters der frän­ki­schen Kle­in­stadt Kulm­bach tritt er an das Red­ner­pult. Das Pu­bli­kum in der Stadt­hal­le tobt. Der ver­lo­re­ne Sohn, wie es ein An­hän­ger vor der Kund­ge­bung aus­drückt, ist nach sechs Jah­ren selbst ver­ord­ne­ter Aus­zeit zu­rück in der Bun­des­po­li­tik. Doch der 45-Jäh­ri­ge lä­chelt fast et­was zu be­schei­den, ver­mei­det wäh­rend sei­ner Re­de gro­ße Ges­ten. Der Sohn ei­nes ver­mö­gen­den frän- Adels­ge­schlechts war schon in sei­nem ers­ten Le­ben als Po­li­ti­ker kein laut­star­ker Volks­tri­bun. Es war ge­ra­de sei­ne fei­ne, nach­denk­li­che, oft sebst­iro­ni­sche Art, die ihn bei den Deut­schen so be­liebt ge­macht hat. Die tief grei­fen­den Re­den wa­ren es nicht.

An die­sem Abend ist es an- ders. Gut­ten­berg rech­net ab – mit sich, mit an­de­ren, aber zeigt sich auch ge­läu­tert. „Mein Dank gilt auch je­nen, die mei­ne selbst ver­schul­de­ten Feh­ler zu Recht kri­ti­siert ha­ben“, sagt er. Selbst die Hä­me war ei­ne wich­ti­ge Leh­re. Er ha­be Kon­se­quen­zen ge­zo­gen und er­tra­gen. Und dann ern­tet er Ju­bel­ru­fe für je­ki­schen nen Satz, der die „schwe­ren Jah­re“seit dem Ab­gang im März 2011 ab­schlie­ßen soll: „Jetzt ist aber auch mal gut.“

Es ist je­ner Mo­ment, über den lan­ge spe­ku­liert wur­de, min­des­tens seit CSU-Chef Horst See­ho­fer ihn als Be­ra­ter in sein Kom­pe­tenz­team zu­rück­hol­te. Der ehe­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, der we­gen zahl­rei­cher Pla­gia­te in der Dok­tor­ar­beit sei­nen Ti­tel ver­lor, tritt mit ei­ner Re­de über Au­ßen­po­li­tik in Kulm­bach ak­tiv in den Bun­des­tags­wahl­kampf ein, und die Re­so­nanz auf den Auf­tritt hat selbst die Gran­den in der CSU ein 1 we­nig über­rascht. 00 Ki­lo­me­ter ent­fernt, in Er­lan­gen, wirbt Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mit Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann in Fran­ken um Wäh­ler­stim­men. Doch die gan­ze Auf­merk­sam­keit be­kom­men nicht sie, son­dern KTG, wie man ihn in der CSU ab­kürzt. Mehr als 80

Jour­na­lis­ten sind ge­kom­men, so­gar vie­le aus dem Aus­land. 62 In­ter­views woll­te man von ihm ha­ben, sagt sein Pres­se­spre­cher.

Schon ei­ne St­un­de vor dem Ein­lass drän­geln sich in der Hit­ze des wohl letz­ten ech­ten Som­mer­ta­ges in Bay­ern ei­ni­ge Hun­dert Men­schen auf dem Vor­platz der Stadt­hal­le. Nir­gends in Kulm­bach wirbt ein Pla­kat für die­sen Auf­tritt, und doch wol­len ihn an die­sem Abend mehr als 1500 Men­schen se­hen.

Auf dem Park­platz der ge­schlos­se­nen Burg ste­hen Au­tos aus al­len Tei­len Bay­erns und ei­ni­ge sind von noch wei­ter her­ge­kom­men. Ein knapp 80-jäh­ri­ges Ehe­paar ist aus Er­lan­gen an­ge­reist – von dort, wo Mer­kel auf­tritt. Sie sei­en ge­spannt dar­auf, was er nun zu sa­gen ha­be. Man müs­se nach ei­nem Feh­ler auch ver­zei­hen kön­nen, sagt die Frau, die es am En­de bis in die ers­te Rei­he schafft.

Ein Ehe­paar in den Sech­zi­gern hat sich für die­sen Abend ex­tra vio­let­te Schals mit Guttenbergs Fo­to her­stel­len las­sen. Dar­auf wird er als „un­ser al­ler Ret­ter“ge­prie­sen: „KTG komm zu­rück und hilf “. Als Heils­brin­ger wur­de er auch als Jung­po­li­ti­ker ge­se­hen. Er stand auf den Zet­teln vie­ler als ers­ter Nach­fol­ger von Mer­kel, weil er der Po­li­tik ei­nen neu­en Zau­ber ein­hauch­te. Und er über­zeug­te mit Sachthe­men. Die Re­form der Bun­des­wehr, die Nach­fol­ger Tho­mas de Mai­ziè­re um­setz­te, geht D auf sei­ne Plä­ne zu­rück. ann folgt der jä­he Ab­sturz. Gut­ten­berg zieht mit sei­ner Fa­mi­lie in die USA, grün­det in New York ei­ne Be­ra­ter­fir­ma. Doch in der Hei­mat wächst der Be­darf an ei­nem wie ihm und so spin­nen sich die Fä­den über den At­lan­tik wie­der fes­ter. Die Wel­len, die sei­ne Schum­mel­af­fä­re schlug, sind längst ver­ebbt. See­ho­fer braucht ei­nen ge­neh­men Nach­fol­ger, den er in den Rei­hen je­ner, die sich um den Platz des Thron­prin­zen bal­gen, nicht fin­den will. See­ho­fer hat des­halb die­sen Ter­min in Kulm­bach ein­ge­fä­delt. Er gilt als Test, wie gut der ge­läu­ter­te Lü­gen­ba­ron beim Pu­bli­kum an­kommt.

Doch nicht al­le in der CSU sind vom Wir­bel glei­cher­ma­ßen be­geis­tert. Der Kulm­ba­cher Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Lud­wig von Ler­chen­feld sagt, er freue sich über den Ter­min, er wis­se nur nicht, ob Gut­ten­berg mit ei­ner Rück­kehr in die Bun­des­po­li­tik gut be­ra­ten sei.

So al­so fängt er prak­tisch von vor­ne an. Er star­tet nicht in sei­nem Ge­burts­ort Mün­chen und nicht am Stu­di­en­ort Bay­reuth. Er be­ginnt in je­ner Stadt, in der er als 21-Jäh­ri­ger in den Kreis­tag zog. Denn zehn Ki­lo­me­ter vor den To­ren von Kulm­bach, das bei 30.000 Ein­woh­nern gleich sie­ben Braue­rei­en hat und als un­ge­krön­te Bier­haupt­stadt gilt, liegt der Ort Gut­ten­berg, aus dem die Fa­mi­lie stammt. Er nennt es noch im­mer sei­ne Hei­mat. Dann schlägt er den gro­ßen Bo­gen und re­det mi­nu­ten­lang über die glo­ba­len Kri­sen. Er spickt sei­ne au­ßen­po­li­ti­sche Sach­kennt­nis wie ein Ka­ba­ret­tist mit amü­san­ten An­ek­do­ten und de­mons­triert, wie sein neu­er DS­til aus­se­hen könn­te. en nächs­ten Auf­tritt ab­sol­viert er schon am Mon­tag beim le­gen­dä­ren po­li­ti­schen Gil­la­moos. Das Fest in Abends­berg ist nicht nur ei­ner der äl­tes­ten Jahr­märk­te der Welt, er ist auch ei­ne zünf­ti­ge Par­tie ähn­lich wie der Po­li­ti­sche Ascher­mitt­woch. Dort for­dert SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz her­aus – nicht Mer­kel, nicht See­ho­fer, nein, Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg. Schon dar­aus lässt sich ab­le­sen, was sich der CSU-Chef und die Kanz­le­rin er­war­ten.

Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg ge­nießt das Bad in der Men­ge: Der Po­li­tik-Ent­wöhn­te sprach vor ei­ner CSU-Wahl­ver­an­stal­tung in Bay­ern – ein ers­ter Schritt zu­rück?

Ab­gang nach dem Pla­gi­ats­skan­dal 2011

APA

Gro­ßer Auf­tritt mit Ehe­frau in Af­gha­nis­tan

APA, AP (2)

Der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter mit der Kanz­le­rin

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