Wie vie­le sind wirk­lich „nicht ganz dicht“?

Wenn ei­ne 16-Jäh­ri­ge fragt: „Pa­pa, was be­deu­tet ei­gent­lich An­ti­se­mi­tis­mus?“

Kleine Zeitung Kaernten - - Österreich - Von Mensch zu Mensch Ca­ri­na Kersch­bau­mer ca­ri­na.kersch­bau­mer@klei­ne­zei­tung.at

Er wird jetzt wohl nicht in den Land­tag ein­zie­hen, der Spit­zen­kan­di­dat der FPÖ, der das ge­schwärz­te Lied sei­ner Ver­bin­dung „Ger­ma­nia“nie ge­sun­gen ha­ben soll. Und auch den Text, wie er sagt, nicht ge­kannt hat. Ein Text, der das Blut in den Adern ge­frie­ren lässt, ein Text, den man nicht erst ge­sun­gen ha­ben muss, um nie mehr in Ös­ter­reich ei­ne öf­fent­li­che Stel­le be­klei­den zu kön­nen. Es reicht wohl auch, nicht nach­ge­fragt zu ha­ben, wel­che Tex­te – wie „... ihr al­ten Ger­ma­nen, wir schaf­fen die sieb­te Mil­li­on ...“– hin­ter den ge­schwärz­ten Sei­ten ver­ber­gen. Wer heute noch „in die­ser Ka­te­go­rie denkt, ist nicht ganz dicht“, hat ges­tern ein FP-Lan­des­ob­mann er­klärt und dem Par­tei­freund sanft den Rück­tritt na­he­ge­legt. Er wer­de „das in Ei­gen­ver­ant­wor­tung re­geln müs­sen“.

Kanz­ler und Vi­ze­kanz­ler ha­ben ja auch be­tont, sich von die­sen Wi­der­wär­tig­kei­ten „zu dis­tan­zie­ren“. Die Toch­ter ei­nes Be­kann­ten hat nun ge­fragt: „Pa­pa, was be­deu­tet An­ti­se­mi­tis­mus?“Nach der Er­klä­rung hat sie ge­meint: „War­um sagt der Kanz­ler, dass er sich da­von dis­tan­ziert, das ist doch eh klar, da könn­te er auch sa­gen: Ich dis­tan­zie­re mich von Mör­dern.“

Ei­ne 16-Jäh­ri­ge, die sich spon­tan frag­te, war­um sich ein Kanz­ler von ei­ner Selbst­ver­ständ­lich­keit dis­tan­ziert. Wer das Grau­en der KZ, die mil­lio­nen­fa­sich che To­des­angst von Men­schen vor Au­gen ha­be, kön­ne sich doch nicht nur dis­tan­zie­ren.

W ie recht sie hat. Wer er­mor­de­te Men­schen vor Au­gen hat, wird nicht nur zwi­schen Tür und An­gel er­klä­ren, An­ti­se­mi­tis­mus ha­be kei­nen Platz. Was hoch an der Zeit ist, reg­te der Vi­ze­kanz­ler an: die scho­nungs­lo­se Au­f­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit der Kor­po­ra­tio­nen. Ei­ne spä­te Selbst­ver­ständ­lich­keit, die klä­ren wird, dass „Ger­ma­nia“-Sän­ger durch­aus „dicht“sind und wuss­ten, was die sieb­te Mil­li­on be­deu­tet.

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