„Sonst sit­zen die Al­ten al­lein am Frie­del­strand“

IN­TER­VIEW. Mar­kus Pis­tau­er, Chef der Soft­ware­schmie­de Cisc, hält beim Kla­gen­fur­ter Zu­kunfts­dia­log ein Plä­doy­er für mehr Tech­nik­freund­lich­keit.

Kleine Zeitung Kaernten - - Klagenfurt - Von Tho­mas Cik

Sie sind ei­ner der Keyno­teSpea­ker beim Kla­gen­fur­ter Zu­kunfts­dia­log, der mor­gen und am Di­ens­tag statt­fin­det. Der an­de­re ist Kon­rad Paul Liss­mann. Die­ser schrieb: „Tech­nik löst manch­mal, aber nicht im­mer, je­ne Fra­gen des Zu­sam­men­le­bens, die für ei­ne Stadt cha­rak­te­ris­tisch sind.“Tei­len Sie als Tech­ni­ker die An­sicht des Phi­lo­so­phen?

MAR­KUS PIS­TAU­ER: Es ist nicht grund­sätz­lich falsch, was er sagt. Auch wir ha­ben im Be­trieb ei­ne Psy­cho­lo­gin, die sich da­mit dass die Leu­te die Tech­nik auch an­neh­men. Was nützt ein aus­ge­reif­tes Pro­dukt, wenn es von den Leu­ten nicht an­ge­nom­men wird?

Sie tra­gen auch kei­ne Smart Watch, die Da­ten lie­fern wür­de, mit de­nen man ei­ne Smart Ci­ty bau­en könn­te.

Stimmt, heu­te tra­ge ich sie nicht. Aber ich ha­be ei­ne. Aber bei ei­ner Smart Ci­ty geht es um mehr, als um das Sam­meln von Da­ten und Al­go­rith­men. Ein we­sent­li­cher Punkt ist es, dass wir ei­ne le­bens­wer­te Stadt wer­den müs­sen, die An­zie­hungs­punkt für jun­ge Ge­ne­ra­tio­nen ist. Tech­nik ist nur der Er­mög­li­cher.

Die Pro­ble­me eu­ro­päi­scher Städ­te dre­hen sich aber eher um The­men wie ster­ben­de Zen­tren und Ver­kehrs­kol­lap­se.

Nicht nur in Eu­ro­pa. Auch in Ame­ri­ka sind die In­nen­städ­te au­ßer­halb der Bü­ro­zei­ten Geis­ter­städ­te. Und da­vor und da­be­schäf­tigt, nach hat man ei­nen Stau. Dre­hen wir die Fra­ge um: War­um ge­hen die Leu­te ins Si­li­con Val­ley? Sie hackln dort mehr als sonst wo, 80 St­un­den pro Wo­che sind nor­mal, es ist al­les ex­trem teu­er. Trotz­dem hat der Ort ei­ne An­zie­hungs­kraft – weil die Men­schen das Ge­fühl ha­ben, hier bau­en sie an et­was Neu­em mit. Reich wer­den auch ein paar, aber das ist nicht der ein­zi­ge An­trieb für die Men­schen, sich dort­hin zu be­ge­ben.

Sie or­ten ei­ne Tech­nik­feind­lich­keit in Eu­ro­pa, oder kon­kre­ter: in Kla­gen­furt?

Ich se­he, dass man In­no­va­tio­nen nicht offen ge­gen­über­steht. Es gibt schon öf­fent­li­che Ver­kehrs­net­ze, die man über Al­go­rith­men steu­ern kann. Dann weiß der Bus – er kann au­to­nom fah­ren oder mit Fah­rer – wo wie vie­le Men­schen ste­hen und wo­hin sie wol­len. Dann kann man ja klei­ne­re Bus­se das er­le­di­gen las­sen. In Hel­sin­ki in Finn­land funk­tio­niert das ja. Bei uns kauf- te man ge­ra­de Ge­lenk­bus­se, die dann mit­tags halb leer zur Uni­ver­si­tät kur­ven. Und selbst in der Früh, wenn sie rap­pel­voll sind, war­tet man 20 Mi­nu­ten. Hier könn­te man die Tech­nik zum Woh­le al­ler Bür­ger ein­set­zen, man schont und spart so ja Res­sour­cen.

Reicht das The­ma Ver­kehr aus, um die Städ­te le­bens­wert zu hal­ten?

Ver­kehr wird ei­nes der zen­tra­len The­men der Zu­kunft. Na-

tür­lich braucht es auch gu­te Luft, Na­tur, Si­cher­heit, vor al­lem aber auch Bil­dungs­mög­lich­kei­ten. Wir sind Teil des Si­li­con Alps Clus­ters, der hat cir­ca 2000 Mit­ar­bei­ter. Die Uni­ver­si­tät und die Fach­hoch­schu­le kön­nen die­se Zahl von nach­ge­frag­ten Ab­gän­gern ja nicht ein­mal lie­fern. Ent­we­der wir schaf­fen hier ei­ne Auf­bruch­stim­mung mit Sog­wir­kung oder sonst sit­zen wir Al­ten al­lei­ne am Frie­del­strand. Der ist dann rich­tig na­tur­be­las­sen, weil es oh­ne jun­ge Leu­te kei­ne In­fra­struk­tur wie Lo­ka­le ge­ben wird. Und zu den In­nen­städ­ten: Frü­her ver­la­ger­ten sich die Ge­schäf­te in Ein­kaufs­zen­tren an den Stadt­rand, heu­te ver­la­gern sie sich in das In­ter­net. Da­her muss man die Städ­te um­so le­bens­wer­ter er­hal­ten. Das reicht hin zum Park­platz­ma­nage­ment, dass sich Lo­ka­le ge­mein­sam or­ga­ni­sie­ren. Denn wenn die Leu­te nicht in Re­stau­rants ge­hen, son­dern on­line be­stel­len, hat die ge­sam­te Bran­che ver­lo­ren.

Zu Ih­ren Kun­den zählt auch San Jo­sé, die zehnt­größ­te Stadt der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Was ha­ben Sie de­ren Ver­ant­wor­tungs­trä­gern

auf dem Weg zur Smart Ci­ty ge­ra­ten?

Die Fra­ge „Was sol­len wir tun?“ha­be ich in der Tat ge­hört, aber es gibt kei­ne Stan­dard­ant­wort oder Maß­nah­men. E-Au­tos auf Bus­spu­ren fah­ren zu las­sen, ist je­den­falls nicht mehr als bil­li­ge Po­le­mik. Wich­tig ist es, mit den Men­schen in ei­nen Dia­log zu tre­ten, sie mit­zu­neh­men.

Vie­le Men­schen ha­ben Scheu vor der Di­gi­ta­li­sie­rung.

Be­rech­tigt, auch ich bin nicht im­mer zu­ver­sicht­lich. Aber Tat­sa­che ist: Der Wan­del pas­siert un­auf­halt­sam. Jetzt kön­nen wir uns zehn Jah­re lang ab­kap­seln, in Kla­gen­furt, Kärnten oder Österreich. Nur dann wür­den wir ir­gend­wann mer­ken: Hopp­la! Es ist et­was pas­siert. Oder wir ge­stal­ten von Be­ginn an mit. Dann ha­ben wir ei­ne Chan­ce auf neue Ge­sell­schafts- und Ge­schäfts­mo­del­le.

Sie ha­ben vier Kin­der, was ra­ten Sie die­sen?

Dass sie hin­aus sol­len in die Welt und dort et­was se­hen und ler­nen sol­len. Aber ich hof­fe auch, dass sie hier ei­ne Chan­ce auf ei­ne Zu­kunft se­hen.

WEICHSELBRAUN

Pis­tau­er beim Ge­spräch im Kla­gen­fur­ter La­ke­si­de Park, ei­nem der Fir­men­stand­or­te ne­ben Graz und dem ka­li­for­ni­schen Moun­tain View

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