„Die Asyl-Kri­se ist ein Weck­ruf

Zu lan­ge sei igno­riert wor­den, wie sehr sich die La­ge der Flücht­lin­ge in den Nach­bar­län­dern Sy­ri­ens ver­schlech­tert hat, sagt UNHCR-Spre­che­rin Me­lis­sa Fle­ming.

Kleine Zeitung Steiermark - - | POLITIK -

IN­TER­VIEW

Wie kommt es, dass heu­er so viel mehr Flücht­lin­ge nach Ös­ter­reich kom­men als vo­ri­ges Jahr? ME­LIS­SA FLE­MING: Die Mehr­zahl der Men­schen, die jetzt kommt, stammt aus Sy­ri­en. Die Nach­bar­län­der Sy­ri­ens ha­ben die­se Flücht­lin­ge bis­her groß­zü­gig auf­ge­nom­men – näm­lich vier Mil­lio­nen. Jetzt, nach fünf Jah­ren Krieg, ist der Punkt er­reicht, wo sie im­mer mehr die Gren­zen dicht ma­chen. Der Li­ba­non hat 1,2 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men – bei vier Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Dass man dort jetzt „Stopp“sagt, liegt auch dar­an, dass die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung weit un­ter­halb von dem liegt, was be­nö­tigt wür­de. Das UNHCR hat von der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft im heu­ri­gen Jahr bis­her nur 35 Pro­zent der Gel­der er­hal­ten, die für die Sy­ri­en-Hil­fe er­for­der­lich wä­ren – die Kri­se hat sich so sehr ver­schärft, dass der Be­darf enorm ge­stie­gen ist. Im Li­ba­non gibt es mitt­ler­wei­le kei­ne ein­zi­ge Stadt und kein ein­zi­ges Dorf mehr, in dem nicht be­reits sehr vie­le Flücht­lin­ge le­ben, und es gibt ganz we­nig in­ter­na­tio­na­le Hil­fe da­für. Weil die hu­ma­ni­tä­re Un­ter­stüt­zung nicht aus­reicht, lan­den nicht we­ni­ge auf der Stra­ße oder schla­fen in Cam­ping-Zel­ten auf Park­plät­zen oder in ver­las­se­nen Ge­bäu­den, oh­ne Sa­ni­tär­an­la­gen. Im Ver­gleich da­zu ist die Si­tua­ti­on in man­chen Flücht­lings­la­gern et­was bes­ser. Die Leu­te le­ben dort aber mit­ten in der Wüs­te, oh­ne Aus­sicht auf Ve­rän­de­rung. Die Sy­rer woll­ten im­mer zu­rück in ih­re Hei­mat, doch der Krieg dau­ert an, und die Be­trof­fe­nen se­hen: Kei­ner be­en­det die­ses Grau­en. Ein Teil Flücht­lin­ge, die jetzt Ös­ter­reich er­rei­chen, kommt aber auch di­rekt aus dem Kriegs­ge­biet in Sy­ri­en und ist zu­neh­mend auch vor der Ter­ror­mi­liz IS auf der Flucht. Man­gels Al­ter­na­ti­ve wäh­len sie jetzt auch den Weg nach Eu­ro­pa.

Wie soll Eu­ro­pa da­mit um­ge­hen, dass im­mer mehr Men­schen an sei­nen To­ren ste­hen und her­ein­strö­men? FLE­MING: 300.000 Men­schen sind bis­her heu­er nach Eu­ro­pa ge­kom­men – bei 500 Mil­lio­nen Ein­woh­nern in der EU und wäh­rend Mil­lio­nen von Flücht­lin­gen in Nach­bar­län­dern Sy­ri­ens un­ter­ge­bracht wur­den. Eu­ro­pa hat ei­ne gu­te In­fra­struk­tur. Ganz si­cher ist es in der La­ge, die Si­tua­ti­on zu meis­tern – so­fern man das eu­ro­päi­sche Asyl­sys­tem so re­for­miert, dass es prak­ti­ka­bel ist und die Las­ten auf mehr Län­der ver­teilt wer­den. Es kann kein Dau­er­zu­stand sein, dass Deutsch­land und Schwe­den 43 Pro­zent al­ler Asyl­wer­ber auf­neh­men. Auch Ös­ter­reich nimmt in Re­la­ti­on zur Ein­woh­ner­zahl ei­ne Spit­zen­po­si­ti­on ein. Man muss die Ver­ant­wor­tung ge­mein­sam schul­tern. So­lan­ge die Sy­ri­enFlücht­lin­ge nach Jor­da­ni­en oder in den Li­ba­non flo­hen, konn­te Eu­ro­pa sie prak­tisch igno­rie­ren. Das ist jetzt nicht mehr mög­lich.

Den­noch wirkt man in Eu­ro­pa über­rascht an­ge­sichts der Si­tua­ti­on. Hät­te es nicht längst ei­nen lau­ten Hil­fe­schrei von­sei­ten der UNO ge­ben müs­sen?

Län­der wie der Li­ba­non oder Jor­da­ni­en kön­nen kei­ne Flücht­lin­ge mehr auf­neh­men

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.