Er­in­ne­run­gen an ges­tern lö­sen heu­te kein Pro­blem

Un­garn liegt et­was nä­her als Sy­ri­en oder Af­gha­nis­tan.

Kleine Zeitung Steiermark - - | TRIBÜNE - CHRIS­TI­AN WE­NI­GER

Ein biss­chen darf man stolz sein auf die­ses Ös­ter­reich, wenn man die­ser Ta­ge im­mer wie­der zu hö­ren be­kommt, wie groß­ar­tig die Be­völ­ke­rung sich bei den Flücht­lings­strö­men der Ver­gan­gen­heit ver­hielt. 1956, als die Kom­mu­nis­ten den Auf­stand in Un­garn nie­der­schlu­gen und sich 180.000 Ma­gya­ren nach Ös­ter­reich ret­te­ten. Oder 1968, als so­wje­ti­sche Pan­zer den Pra­ger Früh­ling nie­der­walz­ten und 162.000 Tsche­chen und Slo­wa­ken Schutz such­ten. 1992 gab es kei­nen Wi­der­stand ge­gen die Auf­nah­me von 90.000 Men­schen aus dem von Krieg ge­pei­nig­ten Bos­ni­en.

Das po­li­ti­sche Um­feld, die Prä­gung der Ge­sell­schaft wa­ren an­ders. Mit den Un­garn ver­band uns die Jahr­hun­der­te dau­ern­de ge­mein­sa­me Ge­schich­te, sie wa­ren wie Ver­wand­te. Un­se­rer Be­völ­ke­rung saß das Grau­en des Zwei­ten Welt­krie­ges noch in den Kno­chen, das Wis­sen, wie mit „An­de­ren“um­ge­gan­gen wur­de. Der Wie­der­auf­bau war im Gan­ge, man leb­te durch­wegs be- schei­den, aber es ging auf­wärts. Die Welt war ge­teilt in West und Ost, der Ei­ser­ne Vor­hang um­grenz­te Ös­ter­reich teil­wei­se. Die Al­pen­re­pu­blik war ein Jahr zu­vor die So­wjet­uni­on als Be­sat­zungs­macht los­ge­wor­den und fand sich da­mit ab, ein Schau­platz des Kal­ten Krie­ges zu sein. Man wähn­te sich dank Neu­tra­li­tät ei­ni­ger­ma­ßen in Si­cher­heit, sah sich aber in der Li­ga ge­gen den Kom­mu­nis­mus.

Al­so fühl­te sich Ös­ter­reich den mu­ti­gen Un­garn, die sich ge­gen die So­wjets auf­bäum­ten, in­nigst ver­bun­den und half ih­nen. Eben­so Flücht­lin­gen aus der Tsche­cho­slo­wa­kei, die ver­geb­lich ver­sucht hat­ten, die Fes­seln Mos­kaus ab­zu­strei­fen. Schließ­lich wa­ren auch Tsche­chen und Slo­wa­ken kei­ne Frem­den, sie hat­ten bis 1918 zur Fa­mi­lie des Habs­bur­ger­rei­ches ge­hört. Wie auch die Bos­ni­er – Bos­nia­ken, sag­ten die Al­ten.

In der Zwi­schen­zeit veränderte sich un­se­re Ge­sell­schaft. Man hört stets, die Ar­mut in Ös­ter­reich stei­ge dra­ma­tisch an. Tei­le der Be­völ­ke­rung ver­ste­hen sich als Ver­lie­rer und ver­ste­hen nicht, dass man jetzt Flücht­lin­gen aus Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan, aus dem Irak hel­fen soll, Men­schen, die ganz an­ders sind als sei­ner­zeit die­se Un­garn, die Tsche­chen, die Bos­ni­er, die al­le einst zur Groß­fa­mi­lie ge­hör­ten. as Flücht­lings­pro­blem heu­te lässt sich mit dem Be­schwö­ren der Ver­gan­gen­heit nicht be­wäl­ti­gen. Da­mals gab es auch kei­ne so­ge­nann­ten so­zia­len Netz­wer­ke als Dreh­schei­be für Het­zer. Man kann nur aus heu­ti­ger Sicht ver­su­chen, Ver­ständ­nis zu schaf­fen. Und die Hilfs­be­reit­schaft, die ha­ben vie­le in Ös­ter­reich oh­ne­hin qua­si ver­erbt be­kom­men – die am West­bahn­hof ge­stran­de­ten Flücht­lin­ge er­leb­ten es.

DSie er­rei­chen den Au­tor un­ter

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