Schön lang­sam reicht es

Kleine Zeitung Steiermark - - | LESERFORUM -

Der Ser­ben-Freund Pe­ter Hand­ke hat vor fast zehn Jah­ren von der Büh­ne des Burg­thea­ters her­un­ter ei­nem Jour­na­lis­ten, der sich über das Mas­sa­ker von Sre­bre­ni­ca be­trof­fen ge­zeigt hat, wort­wört­lich ge­ra­ten: „Ge­hen Sie nach Hau­se mit Ih­rer Be­trof­fen­heit, ste­cken Sie sich die in den Arsch!“Pe­ter Tur­ri­ni, der da­mals zu ei­nem Abend der Völ­ker­ver­stän­di­gung ge­la­den hat­te, war – ne­ben­bei ge­sagt – kon­ster­niert. Ich sel­ber war – als Be­ob­ach­ter der Sze­ne – ent­geis­tert und fas­sungs­los – so jung war ich da­mals wohl noch.

Heu­te, äl­ter ge­wor­den, möch­te ich al­len Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­kern, die in den letz­ten Ta­gen pro­fes­sio­nell be­stürzt und trä­nen­un­ter­drückt we­gen der 71 auf ei­ner bur­gen­län­di­schen Au­to­bahn ver­stor­be­nen Mit­men­schen büh­nen­wirk­sam nach Be­trof­fen­heit ge­run­gen ha­ben, laut­hals das Hand­ke-Zi­tat zu­ru­fen. Die Be­trof­fen­heit al­lein hilft nie­man­dem, der er­stickt ist.

Ich ge­be zu, dass ich sel­ber bis­her auch nicht mehr zu bie­ten ha­be als mei­ne Be­trof­fen­heit. Ich ha­be noch kei­nen Völ­ker­wan­de­rer bei mir auf­ge­nom­men. Ich ha­be aber nicht mei­ne Er­grif­fen­heit öf­fent­lich zur Schau ge­stellt.

Es geht in un­se­ren Ta­gen be­stimmt nicht mehr um Flucht, sei es aus po­li­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen Grün­den, son­dern um ei­ne Völ­ker­wan­de­rung, die nüch­tern be­trach­tet das Maß der his­to­ri­schen längst über­steigt und nicht mehr auf­zu­hal­ten sein wird. Und dar­auf wird ad­äquat zu re­agie­ren sein.

In die­sem Zu­sam­men­hang ver­ste­he ich die Ös­ter­rei­che­rin­nen und Ös­ter­rei­cher nicht, die of­fen­sicht­lich ex­pli­zit ei­ne Par­tei brau­chen, die ih­re Xeno­pho­bie als al­lein se­lig­ma­chen­de Wahl­stra­te­gie auf ih­re – im­mer im güns­tigs­ten Wind we­hen­de – Fah­ne ge­schrie­ben hat. Ich ver­ste­he nicht, dass man im 21. Jahr­hun­dert Mau­ern auf­zie­hen will, die aus mei­ner Sicht am 9. No­vem­ber 1989 in Berlin sym­bo­lisch ein für al­le­mal nie­der­ge­ris­sen wur­den. Heu­te soll­te man Wän­de nur für sein Ei­gen­heim er­rich­ten und in die­ses – nach der je­wei­li­gen Mög­lich­keit – völ­ker­wan­dern­de Mit­men­schen auf­neh­men. oli­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­ker ha­ben die Auf­ga­be – und für die­se wer­den sie gut be­zahlt –, den Staat or­dent­lich zu ver­wal­ten, die Ge­sell­schaft wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und nicht Öl ins Feu­er zu gie­ßen. Und ei­nes sei auch klar und deut­lich ge­sagt: Die so­ge­nann­ten Aus­län­der und Flücht­lin­ge sind, wo­her im­mer sie kom­men, Mit­men­schen, nein, Men­schen. Kein Mensch ist in un­ser al­ler Welt il­le­gal ge­bo­ren, je­der hält sich im­mer und über­all le­gal auf, viel­leicht nicht im recht­li­chen, be­stimmt aber im mensch­li­chen Sinn. Selbst­re­dend über­se­he ich nicht, dass un­se­re Ge­set­ze und Re­geln für je­den ein­zel­nen Men­schen gel­ten, des­glei­chen für je­nen, den wir in un­se­rer Mit­te auf­neh­men. Ir­gend­wie füh­le ich mich je­den Tag schul­di­ger. Jan­ko Ferk ist Schrift­stel­ler, Ju­rist und lehrt an der Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt

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