Zu Fuß auf dem lan­gen Weg

3000 Flücht­lin­ge mar­schie­ren von Bu­da­pest nach Ös­ter­reich. Un­garn will sie in Bus­sen zur Gren­ze trans­por­tie­ren.

Kleine Zeitung Steiermark - - | THEMA - HAR­RI­ETT FE­RENC­ZI, BU­DA­PEST

Sa­dam, Sha­han und Kam­rul sit­zen im Schat­ten des Ost­bahn­hofs in Bu­da­pest. Die jun­gen Män­ner aus In­di­en und Ban­gla­desch war­ten hier seit Ta­gen wie wei­te­re Tau­sen­de Mi­gran­ten auf ei­ne Wei­ter­rei­se in den Wes­ten. Plötz­lich wird zu­sam­men­ge­packt, wer­den De­cken ver­staut und Schu­he an­ge­zo­gen. „Co­me, co­me“– und es geht in Rich­tung Vor­platz. Mi­gran­ten strö­men aus der Un­ter­füh­rung des Bahn­hofs, Män­ner ge­ben auf Ara­bisch An­wei­sun­gen – schrei­en zu­gleich Go, go!

Aus der Tran­sit­zo­ne in der Un­ter­füh­rung des Bahn­hofs zie­hen die Men­schen los. Tra­gen ihr ein­zi­ges Hab und Gut in Plas­tik­ta­schen, in De­cken ge­bun­den, in Ruck­sä­cken – auf dem Kopf, dem Rü­cken, in den Hän­den. „Wo wollt ihr hin?“, fra­gen Jour­na­lis­ten. Die Ant­wort: „Aus­tria“. Der Zug mar­schiert durch die In­nen- stadt, mit ei­ner Fröh­lich­keit, die die bis­he­ri­ge Trau­rig­keit, Aus­sichts­lo­sig­keit und Wut ver­drängt. Sie la­chen, freu­en sich, dass end­lich et­was ge­schieht. „Wir las­sen uns nicht mehr auf­hal­ten, wir sind Tau­sen­de, die hier mar­schie­ren“, sagt der 20jäh­ri­ge Munr. Un­garn wol­le sie nicht und sie woll­ten nicht in Un­garn blei­ben, son­dern nach Deutsch­land.

Si­che­res Ge­leit

Die Po­li­zei be­glei­tet den Marsch, ge­währt ihm si­che­res Ge­leit an den Kreu­zun­gen in Rich­tung Eli­sa­beth-Brü­cke. Aus Bus­sen und Au­tos win­ken Men­schen, ma­chen das Sie­ges­zei­chen „Vic­to­ry“. Die Hit­ze ist groß. Na­he der Zu­fahrts­stra­ße zur Au­to­bahn gibt es ei­ne Pau­se, zehn Mi­nu­ten, we­gen der vie­len klei­nen Kin­der. Das Trink­was­ser wird knapp, Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen sind zu­nächst nir­gend­wo zu se­hen. An ei­ner Ne­ben­stra­ße hält ein of­fe- ner Sport­wa­gen an, voll mit Mi­ne­ral­was­ser­fla­schen, die der Fah­rer ver­teilt. Die den Zug be­glei­ten­den Po­li­zis­ten hal­ten sich zu­rück, sor­gen le­dig­lich für das si­che­re Fort­kom­men. Wie weit „Aus­tria“noch sei, wird im­mer wie­der ge­fragt. Die Ant­wort, so an die 200 km, kann die Flücht­lin­ge nicht scho­cken. „Wir ha­ben Tau­sen­de Ki­lo­me­ter zu­rück­ge­legt“, er­klärt ein sy­ri­scher Va­ter, der sei­ne drei­jäh­ri­ge Toch­ter auf den Schul­tern trägt. Und der Zug der 3000 ent­schlos­se­nen Men­schen zieht wei­ter auf dem Pan­nen­strei­fen der Au­to­bahn M1. Am En­de al­te und ge­brech­li­che Men­schen, zum Teil mit Krü­cken, Roll­stüh­len die sich in der Hit­ze müh­sam hin­schlep­pen.

Po­li­ti­sche Ver­stim­mung

Am spä­ten Abend gab es die nächs­te Wen­dung: Un­garn er­klär­te plötz­lich, dass bis zu 100 Bus­se die Flücht­lin­ge vom Ost­bahn­hof und auch je­ne, die auf

3000 Men­schen zu Fuß von Bu­da­pest über Ös­ter­reich nach Deutsch­land: Vor­ne­weg trug ein Mann ei­ne EU-Flag­ge. Schil­der mit dem Bild der deut­schen Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel wur­den in die Luft ge­hal­ten

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