Ein Bild und sei­ne Ge­schich­te

Das Fo­to der Flücht­lings­mut­ter, die mit ei­nem Ba­by auf den Glei­sen im un­ga­ri­schen Bics­ke liegt, er­schüt­tert die Welt. Auf ei­nem Vi­deo ist zu se­hen, wie es zu die­ser Si­tua­ti­on kam.

Kleine Zeitung Steiermark - - | POLITIK - MANUELA SWOBODA

GRAZ. Ei­ne Mut­ter mit Kind. Ver­zwei­felt auf den Bahn­glei­sen im un­ga­ri­schen Bics­ke lie­gend. Ei­ne er­schüt­tern­de Auf­nah­me, die in der „New York Ti­mes“eben­so ab­ge­bil­det wur­de wie im „Dai­ly Te­le­graph“oder in der Klei­nen Zei­tung.

Das Flücht­lings­elend der Durch­rei­sen­den in Un­garn hat­te plötz­lich ei­ne zu­sätz­li­che scho­ckie­ren­de Kom­po­nen­te be­kom­men. Das Fo­to hat­te iko­no­gra­fi­schen Cha­rak­ter, war plötz­lich ein Sym­bol für das Un­fass­ba­re, das sich mit­ten in Eu­ro­pa ab­spielt: wie das Na­pal­mKind im Viet­nam-Krieg, wie die Staub­frau nach dem An­schlag von 9/11 in New York.

Auch ein Vi­deo gab es zu dem Fo­to aus Un­garn, das es von der BBC ab­wärts in fast al­le gro­ßen Me­di­en schaff­te – aber nicht über­all in vol­ler Län­ge.

So konn­ten nicht al­le um die wah­re Ge­schich­te da­hin­ter wis- sen; und viel­leicht woll­ten man­che auch gar nicht die wah­re Ge­schich­te da­hin­ter ken­nen, weil man mit Bil­dern ei­ne Stim­mung trans­por­tie­ren, ver­stär­ken, aber auch ma­ni­pu­lie­ren kann. Doch ob nun für den gu­ten oder für den schlech­ten Zweck: Ma­ni­pu­la­ti­on ist Ma­ni­pu­la­ti­on. Und im­mer falsch.

Die Ge­schich­te hin­ter dem Fo­to ist ei­ne an­de­re, als sie auf den ers­ten Blick vor­gibt zu sein: Auf dem Vi­deo in vol­ler Län­ge ist zu se­hen, wie sich un­ga­ri­sche Po­li­zis­ten um ei­nen Mann und sei­ne Frau scha­ren, die ihr Ba­by im Arm hält. Der Mann ges­ti­ku­liert wild, die Frau weint. Die Ver­zweif­lung ist al­len deut­lich ins Ge­sicht ge­schrie­ben.

Dann drückt der Mann die Frau mit dem Ba­by im Arm auf die Schie­nen. Sie sucht am Hals, im Na­cken ih­res Man­nes nach Halt. Mit der an­de­ren Hand hält sie ihr Kind fest. Der Mann legt sich über die Frau und das Kind, als ob er sie schüt­zen woll­te – doch er war der­je­ni­ge, der sie auf die Glei­se stieß.

Dann kommt die Po­li­zei, schnappt sich den Mann, zerrt ihn weg, Frau und Ba­by lie­gen auf den Glei­sen. In die­sem Mo­ment hat ein Fo­to­graf auf den Aus­lö­ser ge­drückt. Und ei­ne Ge­schich­te er­zählt. Aber nicht die gan­ze.

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