Ein ganz und gar nicht stum­mer Schrei

Die Ärz­te lan­den mit ih­rer Hym­ne ge­gen Neo­na­zis wie­der in den Charts.

Kleine Zeitung Steiermark - - TRIBÜNE - THO­MAS GOL­SER

An­no 1993 wa­ren sie wie­der zu­rück – und hat­ten ei­nen Ti­tel mit ge­wich­ti­gem State­ment mit im Ge­päck. „Schrei nach Lie­be“war die ers­te Ärz­te-Sing­le nach fünf Jah­ren Ban­dpau­se – und was für ei­ne: ei­ne iro­nisch wie un­miss­ver­ständ­lich an­ge­leg­te Hym­ne ge­gen Neo­na­zis und Frem­den­hass.

Vor­her hat­te man mit Spaß­punk, zwei Ak­kor­den und ei­nem hal­ben auf je­de Sperr­stun­de ge­pfif­fen. Nach ge­walt­sa­men Über­grif­fen in Deutsch­land woll­ten Be­la B., Fa­rin Ur­laub und Ro­d­ri­go Gon­zá­lez aber auch zum Ta­ges­ge­sche­hen nicht mehr schwei­gen. 22 Jah­re spä­ter ist der Ti­tel aus dem Al­bum „Die Bes­tie in Men­schen­ge­stalt“wie­der bei iTu­nes, Ama­zon und Co. in den Charts ver­tre­ten. Ei­ne Leis­tung für ei­ne Band im 33. Jahr – auch wenn es ihr wohl lie­ber wä­re, es gä­be kei­nen An­lass mehr, das Lied zu sin­gen. Der Text ist we­nig sub­til, pen­delt aber recht cle­ver zwi­schen ei­nem Quan­tum Mit­leid und viel Ver­ach­tung für ei­nen fik­ti­ven Rechts­ex­tre­mis­ten.

Den Zei­len „Dei­ne Ge­walt ist nur ein stum­mer Schrei nach Lie­be / Dei­ne El­tern hat­ten nie­mals für dich Zeit“folgt der zum Kult ge­wor­de­ne „Ar­sch­loch!“-Ruf aus vol­ler Keh­le. Dass das Lied noch im­mer funk­tio­niert, kann man ei­ner­seits der treu­en An­hän­ger­schaft der Ber­li­ner gut­schrei­ben. An­de­rer­seits trifft es auch heu­te den Nerv der Zeit. Auf Strö­me von Flücht­lin­gen hat so­wohl die na­tio­na­le als auch die eu­ro­päi­sche Po­li­tik bis­lang – wenn über­haupt – nur Tei­l­ant­wor­ten pa­rat: da­mals wie heu­te Keim­bo­den für Rechts­dre­hen­de. Im Netz schlägt das Pen­del zu­guns­ten der Neu­auf­la­ge aus, auch wenn es Stim­men gibt, wo­nach die Bot­schaft – so wie das Lied – all­zu pla­ka­tiv sei. An­de­re ät­zen: „End­lich ha­ben die auch mal wie­der ei­nen Hit.“

Die Ein­nah­men aus der „Ak­ti­on Ar­sch­loch“sol­len an „Pro Asyl“ge­hen. Die Ärz­te hiel­ten zu den vier Mi­nu­ten und 13 Se­kun­den akus­ti­schen Wi­der­stands fest: „Die Ak­ti­on wä­re auch mit je­dem an­de­ren An­ti-Na­zi-Song cool. Wenn es un­ser Lied sein soll, un­ter­stüt­zen wir das aber na­tür­lich ger­ne.“Auch ei­ne neue Wid­mung gab das Trio dem Lied mit auf den Weg: „Wir wün­schen al­len Na­zis und ih­ren Sym­pa­thi­san­ten schlech­te Un­ter­hal­tung.“

Fa­rin Ur­laub: Sän­ger, Gi­tar­rist – und „Arzt“im vier­ten Jahr­zehnt

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