Die Il­lu­si­on fi­xer EU-Quo­ten

Kleine Zeitung Steiermark - - | LESERFORUM -

Wenn Re­geln nichts mehr re­geln, herrscht Cha­os. Ob die Du­blin-Ver­ord­nung über die Re­gis­trie­rung von Flücht­lin­gen und die Ab­wick­lung ei­nes Asyl­an­trags im Schen­gen-Raum noch gül­tig, bloß aus­ge­setzt, be­reits schein­tot oder längst ganz tot ist, ist ei­ne mü­ßi­ge Fra­ge. Fak­tum ist, dass das Sys­tem nicht funk­tio­niert. Al­so, wie kann es wei­ter­ge­hen?

Die Län­der in der Mit­te Eu­ro­pas, die der­zeit die Flücht­lings­strö­me auf­fan­gen, ru­fen im­mer lau­ter nach So­li­da­ri­tät. Die Staa­ten, die bis­her ab­seits stan­den oder sich ab­schot­te­ten, soll­ten ei­nen Bei­trag leis­ten. Das wur­de schon oft ge­for­dert, doch nie be­folgt. Jetzt wer­de man eben ei­ne Spra­che spre­chen, die auch die Schwer­hö­ri­gen ver­ste­hen, droh­te der ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler. Wenn Vik­tor Or­bán oder Da­vid Ca­me­ron Geld aus den EU-Töp­fen wol­len, wer­de man sich taub stel­len. Ob sich die ge­nann­ten Her­ren be­ein­druckt zei­gen, wenn Wer­ner Fay­mann in Brüssel bei der Ta­fel­run­de der Re­gie­rungs­chefs auf den Tisch haut, bleibt ab­zu­war­ten.

Ein­mal an­ge­nom­men, es kommt tat­säch­lich zu ei­ner ver­ord­ne­ten Auf­tei­lung der Flücht­lin­ge. Die EUKom­mis­si­on hat vor dem Som­mer ein Mo­dell prä­sen­tiert. Die Kri­te­ri­en für die Fest­le­gung der Quo­ten wa­ren die Grö­ße und die Wirt­schafts­kraft des je­wei­li­gen Lan­des, auch die Zahl der be­reits auf­ge­nom­me­nen Asy­lan­ten soll­te be­rück­sich­tigt wer­den. Der Vor­schlag schei­ter­te. Hat er mehr Chan­cen, wenn er leicht ver­än­dert im Herbst noch­mals vor­ge­legt wird?

Der Ap­pell, end­lich ver­bind­li­che Quo­ten fest­zu­le­gen, dürf­te wie­der oh­ne Echo blei­ben. Das liegt nicht nur am Ego­is­mus man­cher EU-Mit­glie­der, son­dern auch an den In­ter­es­sen der Flücht­lin­ge. Wer trifft die Aus­wahl, wel­che Asy­lan­ten nach Li­tau­en und Lett­land ver­schickt oder in Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en an­ge­sie­delt wer­den? Er­folgt die Zu­tei­lung frei­wil­lig oder gar zwangs­wei­se?

Und was ge­schieht, wenn die Flücht­lin­ge in den zu­ge­wie­se­nen Län­dern an­ge­langt sind und ih­nen Asyl zu­er­kannt wird? Es ist doch na­iv, zu glau­ben, sie wür­den im Bal­ti­kum oder ir­gend­wo in Ost­eu­ro­pa dau­er­haft blei­ben. Da in der EU Frei­zü­gig­keit im Per­so­nen­ver­kehr herrscht, wer­den sie bei ers­ter Ge­le­gen­heit dort­hin auf­bre­chen, wo sie im­mer hin woll­ten – nach Deutsch­land, Schwe­den, Ös­ter­reich und wie die Sehn­suchts­or­te al­le hei­ßen. Je­den­falls in Staa­ten, wo der Wohl­stand deut­lich grö­ßer ist als bei den Nach­züg­lern Eu­ro­pas. ußer­dem: Die Er­fah­rung zeigt, dass Aus­wan­de­rer dort­hin stre­ben, wo Ver­wand­te, Lands­leu­te le­ben, die es be­reits ge­schafft ha­ben. Auch des­halb wird die Idee, Flücht­lin­ge nach fi­xen Quo­ten in der EU zu ver­tei­len, Il­lu­si­on blei­ben. Er­win Zan­kel war Chef­re­dak­teur der Klei­nen Zei­tung

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