„Al­les drin, nur die DDR fehlt“

Cle­mens J. Setz über sei­nen 1000Sei­ten-Ro­man, die Nor­ma­li­tät der Simpsons und die Fra­ge, ob es au­ßer­halb von Graz über­haupt et­was gibt. Samt Ge­dan­ken, war­um es Zeit wä­re, un­se­ren Pla­ne­ten neu zu star­ten.

Kleine Zeitung Steiermark - - | KULTUR - LE­SUNG

ge­bo­ren am 15. No­vem­ber 1982 in Graz. Frei­er Au­tor und Über­set­zer. 2007 ver­öf­fent­lich­te er sei­nen ers­ten, in­ter­na­tio­nal ge­lob­ten Ro­man „Söh­ne und Pla­ne­ten“. Sein Ro­man „Die St­un­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re“steht auf der Lon­glist für den Deut­schen Buch­preis. Sai­son­er­öff­nung des Gra­zer Li­te­ra­tur­hau­ses mit Cle­mens J. Setz: 21. Sep­tem­ber, 19 Uhr. In­for­ma­ti­on, Kar­ten: Tel. 0676 67 101 66. li­te­ra­tur­haus- graz. at

Herr Setz, ein Kri­ti­ker mein­te nach der Vor­ab-Lek­tü­re, na­tür­lich et­was sar­kas­tisch, Ihr Buch die­ne vor al­lem da­zu, ihn wahn­sin­nig zu ma­chen. Wie steht es mitt­ler­wei­le um den Ge­sund­heits­zu­stand des gu­ten Man­nes? CLE­MENS J. SETZ: Oh. Ich hof­fe, er nimmt den Wahn­sinn mit. Es ist ja kein ge­fähr­li­cher Wahn­sinn, son­dern ein zah­mer, maus­för­mi­ger, der sich auf der ei­ge­nen Schul­ter ein­rollt und schläft.

Gen­re-Be­zeich­nun­gen fal­len bei Ih­ren Wer­ken be­son­ders schwer, aber könn­te auch das Eti­kett „rea­ler Hor­ror-Ro­man“halb­wegs dar­an haf­ten? SETZ: Es pas­sen be­stimmt ei­ni­ge Eti­ket­ten auf den Ro­man, er ist ja recht lang. Und es kommt fast al­les dar­in vor. Au­ßer die DDR, glaub ich.

Ei­ne zen­tra­le Rol­le im Buch neh­men das Stal­king und die Stal­ker ein. Han­delt es sich da­bei, an­ge­sichts der Be­ses­sen­heit, pri­va­tes­te Din­ge im In­ter­net oder in den so­zia­len Me­di­en kur­sie­ren zu las­sen, nicht um Aus­lauf­mo­del­le? SETZ: Nein, glaub ich nicht, dass das Aus­lauf­mo­del­le sind. Stal­ker sind ja nicht nur an Ein­sicht in Pri­vat­ver­hält­nis­se in­ter­es­siert, son­dern dar­an, ein Pro­blem im Le­ben ei­ner Per­son zu wer­den. Sie drän­gen sich ins Zen­trum.

In ei­ner Pas­sa­ge des Bu­ches schrei­ben Sie iro­nisch, das In­ter­net re­de stän­dig mit vol­lem Mund. An­de­rer­seits zap­peln wir al­le mehr oder we­ni­ger im Netz. Steu­ern wir nicht al­le reich­lich di­rekt auf ein Le­ben in Par­al­lel­wel­ten zu? SETZ: Ich hof­fe doch sehr. Ich be­grü­ße das. In ei­ner Par­al­lel­welt wer­den wir we­ni­ger Scha­den an­rich­ten, glau­be ich. Ei­ne Par­al­lel­welt könn­te man, an­ders als un­se­ren rea­len Pla­ne­ten, viel­leicht ein­fach neu star­ten, wenn wir dar­in al­les ka­putt ge­macht ha­ben.

Zu Ih­ren Mar­ken­zei­chen zählt es, die so­ge­nann­te Nor­ma­li­tät aus den An­geln zu he­ben. Dies­falls dient ein Be­hin­der­ten­heim als Haupt­schau­platz, in dem, um nicht all­zu viel zu ver­ra­ten, auch die Tä­ter-Op­fer-Be­zie­hun­gen mehr­mals wech­seln. Aber gera­de des­halb ge­fragt: Gibt es für Sie über­haupt ei­nen halb­wegs in­tak­ten Nor­mal­zu­stand in der Ge­sell­schaft? SETZ: Bei den „Simpsons“gibt es ei­ne Sze­ne, wo – wenn ich mich recht er­in­ne­re – Ho­mer sich sei­ne ei­ge­nen Kin­der als „Freaks“vor­stellt. Er hat ei­ne Vi­si­on von nor­ma­len, lä­cheln­den Kin­dern „oh­ne Vor­biss“, mit ro­sa Haut und fünf Fin­gern an je­der Hand. Und er er­schrickt und schreit ent­setzt.

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