Die Bay­ern, ihr Kö­nig und die Kor­rup­ti­on

Franz Jo­sef Strauß wä­re heu­te 100 Jah­re alt ge­wor­den. Auch 27 Jah­re nach sei­nem Tod reibt man sich am Über­va­ter der CSU.

Kleine Zeitung Steiermark - - | INTERNATIONAL - I NGO HASEWEND

Hel­mut Schmidt hat 1980 im Bun­des­tags­wahl­kampf ge­sagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt ge­hen.“Ge­münzt war der Spruch aus dem Mund des da­ma­li­gen Kanz­lers wohl auf Vor­gän­ger Wil­ly Brandt, auch wenn er das spä­ter be­stritt. Doch der An­griff hät­te da­mals auch sei­nem Ri­va­len gel­ten kön­nen: Der CSU-Vor­sit­zen­de Franz Jo­sef Strauß rit­ter­te mit Schmidt eben­falls wort­ge­wal­tig und an­griffs­lus­tig ums Kanz­ler­amt. Denn: Der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent war ein Vi­sio­när, ein po­la­ri­sie­ren­der zwar, aber ei­ner, der gro­ße Din­ge auf den Weg brach­te – vor al­lem für den Frei­staat, der un­ter ihm vom Agrar­land zum High­techStand­ort wur­de. Strauß hat mit sei­ner Wirt­schafts­po­li­tik für den heu­ti­gen Wohl­stand Bay­erns den Grund­stein ge­legt.

Heu­te wä­re der lang­jäh­ri­ge CSU-Vor­sit­zen­de und Mi­nis­ter­prä­si­dent Bay­erns 100 Jah­re alt ge­wor­den. Und auch 27 Jah­re nach sei­nem Tod reibt man sich an sei­ner Per­son. Mit meh­re­ren Fest­ak­ten wür­di­gen die Christ­de­mo­kra­ten ih­re Par­teiiko­ne, den „Über­lan­des­va­ter“des Frei­staa­tes. Doch die Er­in­ne­rung ist von Miss­tö­nen über­schat­tet.

Da sind zum ei­nen die bis vor Kur­zem un­ter Ver­schluss ge­hal­te­nen Ta­ge­buch­no­ti­zen der Strauß-Wit­we Ma­ri­an­ne, die 1984 vier Jah­re vor ih­rem Mann starb. Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Pe­ter Sie­ben­mor­gen hat die Schrif­ten für ei­ne neue Strau­ßBio­gra­fie aus­ge­wer­tet. Dar­in schreibt die Braue­rei­be­sit­zer­sToch­ter von re­gel­mä­ßi­gem und maß­lo­sem Al­ko­hol­kon­sum mit Par­tei­freun­den, aber auch mit ihr selbst, die mit ihm trank, um we­nigs­tens et­was Zeit mit ih­rem Mann zu ver­brin­gen: „Der übl. Wo­che­n­endsuff“– so steht es in ih­ren No­ti­zen.

Sie­ben­mor­gen er­wähnt aber nicht nur die Al­ko­hol­ex­zes­se, son­dern auch ei­ne Af­fä­re mit ei­ner frü­he­ren Strauß-Mit­ar­bei­te­rin, über die die da­mals noch jun­ge Bun­des­re­pu­blik viel ge­mun­kelt hat. Sie­ben­mor­gen bringt et­was Licht ins Dun­kel, oh­ne das Rät­sel um die 30 Jah­re jün­ge­re Frau wirk­lich zu lö­sen.

Neue Spie­gel-Af­fä­re

Den größ­ten Wir­bel ver­ur­sach­te al­ler­dings wie­der ein­mal der „Spie­gel“– je­nes Nach­rich­ten­ma­ga­zin, das mit Strauß ei­nen le­bens­lan­gen Strauß aus­focht. Dem „Spie­gel“warf der da­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter nach ei­nem kri­ti­schen Ar­ti­kel über die Bun­des­wehr mit dem Ti­tel „Be­dingt ab­wehr­be­reit“1962 „Lan­des­ver­rat“vor und ließ die Re­dak­ti­on durch­su­chen. Über die „Spie­gel“-Af­fä­re stürz­te Strauß schließ­lich als Bun­des­mi­nis­ter. Dies­mal be­rich­tet das Ma­ga­zin, Strauß ha­be in den 60iger-Jah­ren Schmier­geld von Fir­men an­ge­nom­men – da­run- ter BMW, Daim­ler Benz und Flick KG. Auch wenn es kei­ne „Hin­wei­se auf Kor­rup­ti­on im en­gen, straf­recht­li­chen Sin­ne“gä­be, wie der „Spie­gel“un­ter Be­ru­fung auf Sie­ben­mor­gens Re­cher­chen ein­räumt, prü­fen die Strauß-Kin­der ei­ne Kla­ge, be­stä­tig­te Strauß-Toch­ter Mo­ni­ka Hohl­mei­er.

Letz­te­re Vor­wür­fe sind es, die die Op­po­si­ti­on zum Boy­kott ge­gen al­le Fest­lich­kei­ten be­wegt ha­ben – frei­lich im­mer mit dem Hin­weis, dies sei­en Par­tei-Ver­an­stal­tun­gen. Doch auch in­ner­halb der CSU wächst mit den jüngs­ten Vor­wür­fen die Angst, ihr Säu­len­hei­li­ger kön­ne Krat­zer be­kom­men. Viel­leicht ist das der Grund, war­um die Elo­gen von den Weg­ge­fähr­ten so eu­pho­risch aus­fal­len und Strauß zu­sätz­lich über­hö­hen.

Doch selbst Schmidt wür­digt sei­nen Ri­va­len: Der Alt­kanz­ler und Her­aus­ge­ber der „Zeit“schreibt: „Er hat­te das Zeug zum Kanz­ler.“Strauß ver­die­ne Re­spekt, auch wenn es schei­ne, als wür­de er „Din­ge ver­ant­wor­ten müs­sen, die ich nicht ge­macht hät­te“, so Schmidt. „Da war schon ein biss­chen un­kla­res Geld im Spiel.“

Ver­mut­lich wird es aber am My­thos Strauß ab­per­len, wie so vie­les zu­vor. In Bonn wur­de Strauß ein­mal als Mi­nis­ter ent­las­sen und ein­mal ab­ge­wählt. Es reich­te nicht zum Le­benstraum Kanz­ler­amt und selbst in der Staats­kanz­lei in München re-

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