Der Mord zum Sonn­tag

Heu­te star­tet der „Tat­ort“in sei­ne 45. Sai­son. War­um der Kri­mi­k­las­si­ker nicht um­zu­brin­gen ist. Ei­ne Lie­bes­er­klä­rung.

Kleine Zeitung Steiermark - - | TV & MEDIEN - J ULIA SCHAF­FER­HO­FER

Sonn­tag, 20.15 Uhr, ir­gend­wo auf der Couch in Deutsch­land, der Schweiz oder Ös­ter­reich: Das be­rühm­te Fa­den­kreuz, das zu Klaus Dol­din­gers psy­che­de­li­scher Fan­fa­re er­scheint, ist für Mil­lio­nen Zu­schau­er da­heim vor den Bild­schir­men das Start­si­gnal für den Mord zum Sonn­tag. 90 Mi­nu­ten lang le­be das bie­de­re Ri­tu­al des kol­lek­ti­ven Fern­se­h­er­leb­nis­ses – seit 45 Jah­ren.

Ein – sieht man von Sport­über­tra­gun­gen ab – zu­neh­mend vom Auss­ter­ben be­droh­tes Phä­no­men. Wäh­rend Un­ter­hal­tungs­sau­ri­er wie „Wet­ten, dass . . ?“lan­ge vor ih­rer Mid­life-Cri­sis vom Pu­bli­kum oder den Rund­funk­an­stal­ten be­gra­ben wer­den, ist der „Tat­ort“nicht um­zu­brin­gen. Im Ge­gen­teil: Der Kult um den Kri­mi wächst. Der „Tat­ort“wird bei wis­sen­schaft­li­chen Ta­gun­gen er­forscht,

Auf so vie­le Twit­ter­mel­dun­gen kam der „Tat­ort“-Fall „Im Schmerz ge­bo­ren“mit Ul­rich Tu­kur am 12. Ok­to­ber 2014 – ver­fasst von 7157 Au­to­ren. Das war der Twit­terRe­kord der vo­ri­gen Sai­son. auf dem Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter live kri­ti­siert, von Kri­mi­nal­be­am­ten ana­ly­siert („Tat­ort­si­che­rung“), tou­ris­tisch ver­mark­tet („Tat­ort“-Tou­ren, „Tat­ort“-Kö­che) und öf­fent­lich ze­le­briert – beim „Tat­ort“-Schau­en in Ki­nos oder Bars. Und wer (noch) kein Fan ist, be­kommt trotz­dem mit, wor­um es geht, da Twit­ter-Ti­me­li­nes zwi­schen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr von „Tat­ort“-Pos­tings ge­flu­tet wer­den.

Die Ge­wiss­heit

Der Sonn­tags­kri­mi hat et­was von ei­ner Er­satz­re­li­gi­on. Er ge­währt 1,5 St­un­den lang Ein­bli­cke in mensch­li­che und kom­mis­sa­ri­sche Ab­grün­de, macht­be­ses­se­nen Filz oder hand­fes­te po­li­ti­sche Skan­da­le – und es gibt trotz­dem die be­ru­hi­gen­de Ge­wiss­heit: Spä­tes­tens um 21.45 Uhr ist der Fall meist ge­klärt und die Gu­ten ha­ben über die Bö­sen ge­siegt. Ein kur­zer Ab­ste­cher ins Mi­lieu.

Der „Tat­ort“schont sei­ne Zu­se­her nicht: Er ver­han­delt la­sche Asyl­ge­set­ze, das Schlep­per­we­sen, das Bau­pro­jekt „Stutt­gart 21“oder Pro­blem­zo­nen wie Sexting in Schu­len, Dro­gen­schmug­gel durch Mu­lis, Crys­tal Meth, den kol­lek­ti­ven Rausch am Ok­to­ber­fest oder Neo­na­zis im Fuß­ball­sta­di­on. The­men, die auch die Schlagzeilen der Me­di­en dik­tie­ren. Ei­ne an­de­re Er­klä­rung: Der „Tat­ort“fügt sich ein­fach wun­der­bar in die Wo­che ein. Er ist, Sonn­tag­abend, der Ab­schluss des Wo­che­n­en­des, be­vor der All­tag uns Mon­tag­früh wie­der ein­holt. Wohl­tem­pe­rier­te Rea­li­tät, ge­würzt mit Zu­ta­ten der Un­ter­hal­tungs­kost – der So­zio­lo­ge Hen­drik Buhl nennt das „Po­li­tain­ment par ex­cel­lence“.

Und wirk­lich fan­tas­tisch dar­an ist: Je äl­ter der „Tat­ort“wird, des­to aus­ge­fuchs­ter, ex­pe­ri­men­tel­ler und mu­ti­ger kommt der Sonn­tag­abend­kri­mi plötz­lich da­her. Er ist manch­mal So­zi­al- oder Psy­cho­dra­ma, dann wie­der Actionthriller oder Bra­chi­al­ko­mö­die.

Die Er­neue­rung

Die Lahm­heit der 1990er ist zu En­de. Al­ters­ab­nüt­zungs­er­schei­nun­gen sind nur noch die Aus­nah­me in den Kom­mis­sa­ria­ten. Denn: Seit 2010 wird der „Tat­ort“kon­se­quent er­neu­ert und ver­jüngt, seit da­mals ha­ben zehn neue Er­mitt­ler­teams ih­ren Di­enst an­ge­tre­ten. Pu­bli­kums­lieb­lin­ge wie Til Schwei­ger, Wo­tan Wil­ke Möh­ring, No­ra Tschirner oder Chris­ti­an Ul­men sind eben­so dar­un­ter wie die er­le­se­nen Cha­rak­ter­dar­stel­ler Ul­rich Tu­kur, Me­ret Be­cker oder Fa­bi­an

Da­mit ist Mi­ros­lav Ne­mec als Haupt­kom­mis­sar Ivo Ba­tic in München der flei­ßigs­te Er­mitt­ler der „Tat­ort“-Run­de. Der dienst­äl­tes­te ist er nicht. Die­ser Ti­tel ge­bührt Le­na Oden­thal (Ulrike Fol­kerts).

Tweets. Es wird wie­der er­mit­telt: am 20. 9. in München (links) und heu­te in Lu­zern (rechts)

Ein­sät­ze.

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