„Die­se Ent­wick­lung zer­stört

Der Fil­me­ma­cher und Au­tor Kurt Lang­bein hat zwei Jah­re die Welt be­reist, um „Lan­d­raub. Die glo­ba­le Jagd nach Acker­land“zu do­ku­men­tie­ren. Eu­ro­pa sieht er in der Schuld.

Kleine Zeitung Steiermark - - WIRTSCHAFT WOCHENVORSCHAU -

Im Buch zu Ih­rem neu­en Film „Lan­d­raub“war­nen Sie vor ei­ner dro­hen­den Völ­ker­wan­de­rung. KURT LANG­BEIN: Wenn ei­ne grö­ße­re Zahl der 400 Mil­lio­nen Klein­bau­ern, die süd­lich der Sa­ha­ra le­ben und jetzt gera­de ih­re Exis­tenz er­wirt­schaf­ten kön­nen, kei­ne Per­spek­ti­ve mehr hat, dann wird das zu enor­men Be­völ­ke­rungs­be­we­gun­gen füh­ren. Des­halb muss man die­sen Klein­bau­ern Mög­lich­kei­ten ge­ben, von ih­rer ei­ge­nen Land­wirt­schaft le­ben zu kön­nen, ih­re Er­trä­ge zu stei­gern. Es gibt ge­nug Pro­jek­te, die zei­gen, dass das geht. Ich wuss­te um­ge­kehrt nicht, mit wel­cher Bru­ta­li­tät und in wel­chem Aus­maß Lan­dent­eig­nung heu­te im 21. Jahr­hun­dert statt­fin­det.

Wor­in se­hen Sie die we­sent­li­chen Ur­sa­chen für Lan­d­raub? LANG­BEIN: Mit der Fi­nanz­kri­se 2008 ha­ben die gro­ßen Ban­ken und Fonds Acker­land als schnell im Wert stei­gen­des In­vest­ment ent­deckt. Vor al­lem ent­lang des Äqua­tors. Im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung hat mehr Acker­land den Be­sit­zer ge­wech­selt, als es in ganz Eu­ro­pa gibt. 47 Pro­zent der welt­wei­ten In­ves­ti­tio­nen der Ag­ro­in­dus­trie kom­men aus Eu­ro­pa. Jetzt wer­den am Äqua­tor, wo die Men­schen je­den Hekt­ar zum Über­le­ben brau­chen, Pflan­zen für Eu­ro­pa an­ge­baut. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat Rah­men­be­din­gun­gen ge­schaf­fen, die das be­güns­ti­gen. Und 60 Pro­zent von dem, was in Eu­ro­pa kon­su­miert wird, wächst nicht mehr hier.

Die Zahl er­scheint mir schwer nach­voll­zieh­bar. LANG­BEIN: Sie stammt von der Hein­rich-Böll-Stif­tung. Al­so neh­me ich an, sie stimmt in et­wa.

Re­gie­run­gen ha­ben mas­si­ves In­ter­es­se, mit Agrar­kon­zer­nen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, um Zu­gang zum Welt­markt zu ha­ben, De­vi­sen zu er­wirt­schaf­ten. Das schafft man nicht mit Klein­bau­ern. LANG­BEIN: Das stel­le ich eben in­fra­ge. Die Agrar­in­dus­trie zer­stört das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht. Wenn man ein­mal sol­che Plan­ta­gen ge­se­hen hat, will man nicht mehr von Ent­wick­lung re­den, denn die­se Ent­wick­lung zer­stört Le­ben, Le­bens­grund­la­gen.

Wie vie­le Schau­plät­ze ha­ben Sie für die Re­cher­chen be­sucht? LANG­BEIN: Man könn­te 20

Fil­me dre­hen und 20 Bü­cher über Pro­jek­te schrei­ben, wo das Fi­nanz­ka­pi­tal oder gro­ße Kon­zer­ne rie­si­ge In­dus­trie­land­wirt­schaf­ten hin­ge­stellt ha­ben. Wir ha­ben zwölf Bei­spie­le aus­ge­wählt, die je­weils für ei­ne ganz be­stimm­te Pro­ble­ma­tik ste­hen. Von der bra­chi­als­ten Form von Lan­d­raub wie in Kam­bo­dscha bis zu ei­ner zi­vi­li­sier­te­ren Form in Sier­ra Leo­ne.

Pas­siert in Kam­bo­dscha schlimms­te Lan­d­raub? LANG­BEIN: Dort ist die Ge­walt am schlimms­ten. Olig­ar­chen ma­chen mit der Re­gie­rung ge­mein­sa­me Sa­che und ver­trei­ben Bau­ern mit Waf­fen, ei­ge­nen Ar­mee­ab­tei­lun­gen. Vor­an­ge­trie­ben durch ein EU-För­der­pro­gramm für die Er­rich­tung von Zu­cker­plan­ta­gen. Dort sind Hun­dert­tau­sen­de auf der Flucht. Es ist aber ge­nau­so em­pö­rend für mich, wenn mit schein­bar for­mal fai­ren Me­tho­den wie in Sier­ra Leo­ne Bau­ern an den Rand ih­rer Exis­tenz ge­drängt wer­den und we­nig Chan­cen ha­ben, sich zu weh­ren, weil die Pacht­ver­trä­ge für die In­ves­to­ren über 99 Jah­re ab­ge­schlos­sen wor­den sind. Nicht we­ni­ger him­mel­schrei­end ist auch un­ser Bei­spiel aus Äthio­pi­en, wo Ge­mü­se für Lu­xus­ho­tels in den Ara­bi­schen Emi­ra­ten an­ge­baut wird, die Bau­ern 24 Eu­ro im Mo­nat be­kom­men, da­von aber nicht le­ben kön­nen.

In Ih­rem Film kommt auch ein

der Ös­ter­rei­cher vor, der Stei­rer Andre­as Bar­deau. War­um? LANG­BEIN: Wir wol­len zei­gen, dass auch in Eu­ro­pa, vor al­lem in Ost­eu­ro­pa, in gro­ßem Aus­maß Land den Be­sit­zer wech­selt, wenn­gleich der Cha­rak­ter dort ein et­was an­de­rer ist. Herr Bar­deau ist kein an­ony­mer Fi­nanz­in­ves­tor, son­dern ein Mensch, der in Ru­mä­ni­en ei­ne Land­wirt­schaft be­trei­ben will, die er für rich­tig hält. Wir stel­len dem die An­sät­ze ei­ner klein­bäu­er­li­chen und öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft ge­gen­über, die es dort auch gibt, die durch die­se Groß­in­ves­ti­tio­nen, die über 40.000, 50.000 Hekt­ar ge­hen, al­ler­dings kei­ne Chan­ce ha­ben, weil sie zu­sätz­li­ches Land brau­chen wür­den, um ih­re wirt­schaft­li­che Ba­sis zu stär­ken.

Sie wer­fen Bar­deau nicht kon­kret Lan­d­raub vor? LANG­BEIN: Nein.

Sie se­hen Eu­ro­pa in der Ver­ant­wor­tung. Was er­war­ten Sie kon­kret von der EU-Kom­mis­si­on? LANG­BEIN: Sie muss end­lich die pro­ble­ma­ti­schen Aus­wir­kun­gen ih­res Pro­gramms „Ever­y­thing but arms“prü­fen. Es führt da­zu, dass Po­ten­ta­ten in die Groß­plan­ta­gen­wirt­schaft ein­stei­gen, um Zu­cker für Eu­ro­pa zu pro­du­zie­ren. Grund­sätz­lich er­war­te ich mir an­de­re Rah­men­be­din­gun­gen für AgrarIn­vest­ments in der Drit­ten Welt. Es braucht ei­nen kla­ren Kri­te­ri­en-

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