„Die­se In­va­si­on über­for­dert

Ni­ckels­dor­fer Orts­chef kri­ti­siert Kanz­ler und In­nen­mi­nis­te­rin: Die Re­gie­rung ha­be in der Flücht­lings­fra­ge ver­sagt. Si­tua­ti­on spitzt sich auch an an­de­ren Grenz­or­ten zu.

Kleine Zeitung Steiermark - - | POLITIK - HU­BERT HEI­NE

Dem Bür­ger­meis­ter von Ni­ckels­dorf reicht es. Ger­hard Za­pfl (SPÖ) schick­te ges­tern ei­nen wü­ten­den of­fe­nen Brief an Bun­des­kanz­ler und In­nen­mi­nis­te­rin: „Die Ent­wick­lung des Flücht­lings­stro­mes nimmt im­mer dra­ma­ti­sche­re For­men an“, schreibt Za­pfl. Das ver­gan­ge­ne Wo­che­n­en­de, an dem rund 13.000 Men­schen den Ort „be­la­gert“hät­ten, sei „von ei­ner Wel­le der Hilfs­be­reit­schaft von vie­len Frei­wil­li­gen aus un­se­rem Dorf“ge­prägt ge­we­sen. Doch die Si­tua­ti­on ha­be sich dras­tisch ver­än­dert. „Die vie­len Men­schen, die heu­te un­ser Orts­ge­biet be­völ­kern, wer­den zu ei­nem ernst­haf­ten Pro­blem“, spricht Za­pfl von ei­ner „wah­ren Völ­ker­wan­de­rung“, die zu gro­ßer Sor­ge und Angst füh­re. „Der Strom reißt nicht ab!“, so der Bür­ger­meis­ter.

Ni­ckels­dorf sei mit 1770 Ein­woh­nern „mit die­ser Men­schen­in­va­si­on rest­los über­for­dert“. Die Ent­wick­lung sei ab­seh­bar ge­we­sen, die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger auf Bun­des­ebe­ne hät­ten „lei­der nichts in der nö­ti­gen Form ent­ge­gen­ge­setzt“, kri­ti­siert der Bür­ger­meis­ter. Und: „Es kann nicht sein, dass das Ver­sa­gen der zu­stän­di­gen Po­li­tik auf dem Rü­cken der Ni­ckels­dor­fer be­zie­hungs­wei­se der bur­gen­län­di­schen Be­völ­ke­rung aus­ge­tra­gen wird!“

Den Bun­des­kanz­ler und die In­nen­mi­nis­te­rin for­dert Bür­ger­meis­ter Za­pfl – un­ter­stützt vom SPÖ-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Wer­ner Friedl – auf, „rasch ent­spre­chen­de Maß­nah­men zu set­zen, um die La­ge zu ent­schär­fen und den so­zia­len Frie­den in Ös­ter­reich nicht zu ge­fähr­den“. Wäh­rend sich ges­tern Nach­mit- tag die La­ge in Ni­ckels­dorf vor­über­ge­hend ent­spann­te und man von „nur noch ei­ni­gen Hun­dert Men­schen“sprach, ta­ten sich an der Gren­ze neue Fron­ten auf.

Ent­beh­rung

Et­wa im klei­nen Grenz­ort Mo­schen­dorf, wo an die­sem Frei­tag­nach­mit­tag der klei­ne Mo­ha­med mü­de und er­schöpft bei der Es­sens­aus­ga­be vor der Mehr­zweck­hal­le steht. Für den jun­gen Sy­rer ist es die ers­te war­me Mahl­zeit nach Ta­gen der Ent­beh­rung. „In Un­garn war es sehr schlimm. Ich will al­len Men­schen er­zäh­len, was uns pas­siert ist. Wir woll­ten et­was zu es­sen, und sie ha­ben uns ein Sa­ckerl mit Mist ge­ge­ben und laut da­bei ge­lacht“, er­zählt Mo­ha­med. Das Ro­te Kreuz und die bur­gen­län­di­sche Po­li­zei wa­ren am Frei­tag um halb acht Uhr in der Früh in Alarm­be­reit­schaft: „Es gab Ge­rüch­te von­sei­ten der un­ga­ri­schen Be­hör­den, dass 1000 Flücht­lin­ge auf dem Weg nach Mo­schen­dorf un­ter­wegs sind“, er­klärt Po­li­zei­spre­cher Ge­rald Kol­ler. An­ge­kom­men ist schließ­lich ei­ne Grup­pe von 110 Men­schen. „So et­was pas­siert in den letz­ten Ta­gen im­mer wie­der. Es heißt, es kom­men 5000 Men­schen, dann viel­leicht 2000. Es gibt kei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit den un­ga­ri­schen Be­hör­den, da funk­tio­niert über­haupt nichts“, är­ger­te sich Rot­kreuz-Ko­or­di­na­tor Hans Pe­ter Pol­zer am Nach­mit­tag, der in Mo­schen­dorf mit sei­nem 30 Mann star­ken Team in kür­zes­ter Zeit die Ver­pfle­gung für rund 1000 Flücht­lin­ge auf die Bei­ne ge­stellt hat­te.

Be­schimp­fun­gen

Un­ter­stüt­zung gab es auch von­sei­ten der Be­völ­ke­rung. Vie­le hal­fen spon­tan, doch die Hilfs­be­reit­schaft kennt Gren­zen, wie ges­tern ei­ni­ge Re­ak­tio­nen in Mo­schen­dorf zeig­ten. So man­cher Ein­woh­ner hat­te wüs­te Be­schimp­fun­gen und ab­schät­zi­ge Be­mer­kun­gen für die Flücht­lin­ge üb­rig – das ist für Hans Pe­ter Pol­zer vom Ro­ten Kreuz „ein Wahn­sinn“: „Ich wür­de ger­ne die Leu­te von den Stamm­ti­schen ein­la­den, dass sie sich die Si­tua­ti­on an­schau­en, dann wür­den sie an­ders den­ken. Nie­mand ver­lässt frei­wil­lig sei­ne Hei­mat und läuft mit Flip-Flops durch halb Eu­ro­pa.“

Un­ver­min­der­ter Zustrom ges­tern in Ni­ckels­dorf (r.), har­sche Kri­tik von Bür­ger­meis­ter Ger­hard Za­pfl (rechts un­ten), Po­li­zei­spre­cher Ge­rald Kol­ler am neu­en Hots­pot Mo­schen­dorf (u.)

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