Dorf stößt an sei­ne Gren­zen

Kleine Zeitung Steiermark - - POLITIK -

gera­de drau­ßen im Gast­gar­ten. Seit Frei­tag ist „Gerry“auch au­ßer­halb der Ge­mein­de ziem­lich be­kannt. Der Grund: Der SPÖPo­li­ti­ker hat die Re­gie­rung via of­fe­nem Brief auf die „Es­ka­la­ti­on“in sei­ner Ge­mein­de hin­ge­wie­sen und zum Han­deln auf­ge­for­dert.

„Erst ges­tern sind wie­der 8.000 Asyl­wer­ber in Ni­ckels­dorf un­ter­wegs ge­we­sen, das ist ei­ne Völ­ker­wan­de­rung“, sagt er und or­dert ei­nen Cap­puc­ci­no mit Milch­schaum. Weil kei­ne Zü­ge mehr nach Wi­en fah­ren, irr­ten die An­kömm­lin­ge durch das Dorf, schlie­fen in Ein­fahr­ten und auf dem Bahn­hof. Der Schie­nen­er­satz­ver­kehr der ÖBB be­ginnt erst in der Nach­bar­ge­mein­de Zurn­dorf, zwi­schen­zeit­lich wa­ren zu­letzt auch die Stra­ßen nach Wi­en ge­sperrt. „Wir sind teil­wei­se vom Ver­kehrs­netz ab­ge­schnit­ten“, klagt der Bür­ger­meis­ter. Das al­les, sagt er, ge­fähr­de „den so­zia­len Frie­den“in sei­ner Ge­mein­de. „Die Leu­te ha­ben Angst, und das zu Recht.“Und sein Job sei es, die Ni­ckels­dor­fer zu schüt­zen, auch vor „un­fä­hi­ger Po­li­tik“.

Klar, sagt der Bür­ger­meis­ter, müs­se man den An­kömm­lin­gen hel­fen. „Aber ich brau­che die hier nicht“, fügt er hin­zu. Er ge­he au­ßer­dem da­von aus, dass „min­des­tens die Hälf­te von de­nen Wirt­schafts­flücht­lin­ge“sei­en. „Hör doch auf, Gerry. Und nenn’ sie bit­te Hil­fe­su­chen­de, das passt bes­ser“, ruft ihm der Wirt zu. Er ist ei­ner von de­nen, die hel­fen, prahlt er. Am Frei­tag ha­be er die Durch­rei­sen­den ih­re Han­dys in sei­nem Ca­fé auf­la­den las­sen, ih­nen Es­sen und Trin­ken ge­ge­ben und bei der Wei­ter­rei­se ge­hol­fen.

Der Ca­mel-Rau­cher mit dem Zopf und sei­ne Be­glei­tung er­zäh­len eben­falls Ge­schich­ten aus ih­rem Hel­fe­r­all­tag. „Über­haupt“, sagt die Frau, „ist die Si­tua­ti­on gar nicht schlimm.“Der Groß­teil der Ni­ckels­dor­fer ha­be kei­ne Angst, sagt sie. Es ge­be nur ei­ni­ge we­ni­ge „Het­zer“, aber die sei­en die Aus­nah­me. „Gerry“ist da schon skep­ti­scher. Das Falb sei ein Treff­punkt für Lin­ke, sagt er. „Beim Dorf­wirt drü­ben re­den die Leu­te ganz an­ders.“

„Mit der Ru­he ist es vor­bei“

Und er soll recht be­hal­ten. Ein grau­haa­ri­ger Mann mit ei­nem Kreuz-Tat­too auf dem Ober­arm und ei­ner Mi­schung aus Co­la und Rot­wein vor sich wirft in die Stamm­tisch-Run­de, dass sich „das Ges­in­del doch heim schlei­chen“sol­le. Sei­ne Sitz­nach­ba­rin nickt und er­zählt, dass sie neu­er­dings auch tags­über die Tü­re zu­sper­ren und die Fens­ter schlie­ßen müs­se. „Bei dem gan­zen Ge­schrei in der Nacht“kön­ne sie au­ßer­dem nicht mehr gut schla­fen. Ei­nig sind sich die bei­den über die „Gut­men­schen“, wie sie die frei­wil­li­gen Hel­fer am Wie­ner West­bahn­hof nen­nen: „Die Wappler klat­schen so­gar, wenn die Mi­gran­ten aus dem Zug stei­gen“, tönt der Tä­to­wier­te.

Vor dem Lo­kal spa­ziert ei­ne äl­te­re Frau in Rich­tung Bahn­hof. Als sie auf ei­ne am Stra­ßen­rand sit­zen­de Grup­pe jun­ger Sy­rer zu­geht, wech­selt sie die Stra­ßen­sei­te. Heu­te sei die Si­tua­ti­on „är­ger als 1989“, sagt sie. In Ni­ckels­dorf sei es im­mer so schön ru­hig ge­we­sen – „mit der Ru­he ist es jetzt vor­bei“. Ges­tern ha­be sie ge­se­hen, wie jun­ge Bur­schen mit Wie­ner Kenn­zei­chen durch den Ort ge­rast sei­en und Flücht­lin­ge be­schimpft ha­ben. „Das ist auch nicht in Ord­nung“, sagt sie.

Auch an die­sem Sams­tag über­quer­ten 6.600 Flücht­lin­ge die Gren­ze in Ni­ckels­dorf. Dort blei­ben die we­nigs­ten – fast al­le wol­len wei­ter nach Deutsch­land.

vor der ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze in Ni­ckels­dorf

Ger­hard Za­pfl, Ni­ckels­dor­fer Bür­ger­meis­ter (re.), mit dem Wirt des Ca­fé Falb

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