Ein ab­grün­di­ger Ver­gleich

Un­garns Vik­tor Or­bán eig­net sich treff­lich, um sich an ihm ab­zu­ar­bei­ten. Der Kanz­ler ist da­bei ent­gleist.

Kleine Zeitung Steiermark - - | TRIBÜNE -

Na­tür­lich kann man die Gan­gart Un­garns bei der Be­wäl­ti­gung des Flücht­lings­stroms rü­de, häss­lich und un­eu­ro­pä­isch nen­nen. Ei­ni­ge Bil­der, die um die Welt gin­gen, er­fül­len al­le drei Zu­schrei­bun­gen: der Mund­schutz, mit dem man den Schutz­lo­sen be­geg­net; das herz- und acht­los in die Men­ge ge­wor­fe­ne Es­sen; das Bein­stel­len; die Ir­re­füh­rung der Rei­sen­den, um ei­ne Re­gis­trie­rung zu er­mög­li­chen; die mar­tia­li­schen Ge­bär­den der schwer be­waff­ne­ten Po­li­zis­ten; die Zu­stän­de in den La­gern; der St­a­chel­draht. Das al­les ver­mit­telt ein Kli­ma schrof­fer Em­pa­thie-Ver­wei­ge­rung. Es ist po­li­tisch so ge­wollt. Es ist de­mons­tra­ti­ve Ruf­schä­di­gung an sich selbst, um den Zustrom zu brem­sen.

Die­sen Ver­such, der ei­ge­nen Ohn­macht und Über­for­de­rung Herr zu wer­den, mag man zy­nisch und ver­werf­lich fin­den. Aber das Vor­ge­hen Un­garns mit den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen De­por­ta­tio­nen der jü­di­schen Be­völ­ke­rung in die Gas­kam­mern zu ver­glei­chen, ist ab­grün­dig. Bun­des­kanz­ler Wer­ner Fay­mann hat sich zu die­ser Ent­glei­sung hin­rei­ßen las­sen, als er in ei­nem „Spie­gel“-In­ter­view wört­lich sag­te: „Flücht­lin­ge in Zü­ge zu ste­cken in dem Glau­ben, sie wür­den ganz wo­an­ders­hin fah­ren, weckt Er­in­ne­run­gen an die dun­kels­te Zeit un­se­res Kon­ti­nents.“In Un­garn wa­ren ei­ni­ge Hun­dert Flücht­lin­ge in ei­nen Zug ge­stie­gen, der vor­geb­lich nach Ös­ter­reich un­ter­wegs war. Er wur­de nach kur­zer Fahrt ge­stoppt, um die Pas­sa­gie­re in ei­nem na­hen La­ger be­hörd­lich zu er­fas­sen.

An der List mag man be­rech­tigt An­stoß neh­men, aber die Re­gis­trie­rung, der sich die Flücht­lin­ge wi­der­setzt hat­ten, ist EU-Recht und Teil des Schen­gen-Ab­kom­mens zur Si­che­rung der Au­ßen­gren­zen. Hier soll­te al­so, um ef­fi­zi­ent zu hel­fen, die Iden­ti­tät ge­klärt wer­den, da­mals wur­de sie durch Gas aus­ge­löscht. Das al- lein zeigt die Ab­we­gig­keit und das Bo­den­lo­se der An­spie­lung. ie un­ter­gräbt nicht nur die In­te­gri­tät des Kanz­lers, son­dern tor­pe­diert auch al­le Be­mü­hun­gen der Be­hör­den und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, sich mit dem Nach­bar­land halb­wegs zi­vi­li­siert ab­zu­stim­men und über Flücht­lings­be­we­gun­gen ra­scher in­for­miert zu wer­den. Der Af­front macht die­se An­stren­gun­gen zu­nich­te.

Es ist ein di­plo­ma­ti­scher Eklat, der die ei­ge­nen Ver­säum­nis­se der Re­gie­rung im Ma­nage­ment der Flücht­lings­kri­se über­deckt. Un­kla­re Zu­stän­dig­kei­ten, Kom­pe­tenz-Wirr­warr, Ha­der zwi­schen schwar­zem In­nen- und ro­tem Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, kei­ne wahr­nehm­ba­re ko­or­di­nie­ren­de Steue­rungs­in­stanz, kei­ne In­an­spruch­nah­me der In­fra­struk­tur des Hee­res: schon hel­den­haft, was Ein­satz­kräf­te und Bahn trotz die­ser po­li­ti­schen Un­zu­läng­lich­kei­ten ge­leis­tet ha­ben.

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