Nach­rich­ten aus dem Pa­ra­dies

Kleine Zeitung Steiermark - - SPORT -

Ich ha­be mir das Pa­ra­dies im­mer wie ein Lu­xus­ho­tel vor­ge­stellt. Bei der An­kunft muss man in ei­ner Schlan­ge ste­hen, an ei­ner Re­zep­ti­on wer­den die Per­so­na­li­en an­ge­ge­ben, da­nach be­kommt man ei­nen wei­ßen Ba­de­man­tel, Ein­weg­pan­tof­fel und ein bun­tes Bänd­chen um das Hand­ge­lenk. In ei­ner kit­schi­gen Lob­by singt Udo Jür­gens und ei­ne Art Rei­se­lei­terEn­gel macht ei­nen mit der Haus­ord­nung ver­traut: Früh­stück von sie­ben bis zehn, Rauch­ver­bot am Zim­mer, kei­ne Tie­re im Well­ness­be­reich usw. s war dann doch an­ders. Ein Freund hat mich letz­ten Win­ter ein­ge­führt und mir Ein­tritt ins Pa­ra­dies ge­währt. Ein Sport­por­tal, das per Stream so ziem­lich al­le Spie­le zeigt, live, gra­tis und si­cher il­le­gal. So konn­te ich be­quem die Auf­hol­jagd der Min­ne­so­ta Wild mit­ver­fol­gen. Lei­der auch ihr Aus­schei­den in den Play-offs. Ich war da­bei, als mein 1. FC Kai­sers­lau­tern den fast si­cher schei­nen­den Auf­stieg ver­spiel­te, sah al­le Spie­le von Wer­der Bre­men und Sto­ke Ci­ty, au­ßer­dem Bil­bao, Juve, Ips­wich. Auch die Erst­run­den­spie­le von Do­mi­nic Thiem bei ir­gend­wel­chen Vor­be­rei­tungs­tur­nie­ren stan­den auf dem Pro­gramm, Box­kämp­fe, Dart-Aus­schei­dun­gen oder die­ser Ta­ge Fä­rö­er ge­gen Nord­ir­land oder das Heim­de­ba­kel der Hol­län­der ge­gen Is­land. Hin und wie­der gön­ne ich mir ja­pa­ni­sches Base­ball, in­di­sches Kri­cket oder ein Spiel der zwei­ten us­be­ki­schen Li­ga. Süd­ame­ri­ka­ni­sche Der­bys, je­des Ten­nis-Match! Die­ses

ES­port­por­tal ist fan­tas­tisch, ein Pa­ra­dies. Gut, manch­mal muss man Wer­be­ban­ner weg­kli­cken, und auch der rus­si­sche, ara­bi­sche oder tür­ki­sche Kom­men­tar ist bei ei­nem Spiel der zwei­ten deut­schen Li­ga ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, aber man darf nicht un­be­schei­den sein. atür­lich hat die­ses pa­ra­die­si­sche Le­ben auch Nach­tei­le. So ha­be ich et­wa seit Wo­chen mei­ne Frau nicht mehr ge­se­hen. Ich ver­mu­te, sie hat längst die Schei­dung ein­ge­reicht. Mein Ver­lag ruft stän­dig an, wo das Ma­nu­skript für den drit­ten Gro­schen-Kri­mi bleibt. Täg­lich ste­hen Ge­richts­voll­zie­her und Men­schen von der Haus­ver­wal­tung vor der Tür. Ich ma­che nicht auf, ge­he nicht zum Brief­kas­ten, er­näh­re mich vom Piz­za­di­enst . . . Nein, so schlimm ist es nicht, manch­mal las­se ich mir auch vom Tür­ken et­was brin­gen. Ne­ben mir ver­meh­ren sich Tie­re, gan­ze Zim­mer sind ver­müllt und von der De­cke brö­ckelt der Putz. an muss al­so gar kein sy­ri­scher Flücht­ling sein, um zu er­ken­nen, dass das ver­meint­li­che Pa­ra­dies kei­nes­wegs so glück­se­lig ma­chend ist wie ge­dacht. Selbst die ge­schaff­te EMQua­li­fi­ka­ti­on und der 13. Platz in der Welt­rang­lis­te, ein noch vor vier Jah­ren völ­lig un­vor­stell­ba­rer Zu­stand, sind in­zwi­schen All­tag. So ist je­des Pa­ra­dies nur so lan­ge er­stre­bens­wert, bis man es hat, weil dann kann es schnell zur Höl­le wer­den. Lei­der. Franz­o­bel, 1967 in Vöck­la­bruck ge­bo­ren, ist Schrift­stel­ler und Sport-Fan.

NM

Fünf To­re in ei­nem Spiel: Cris­tia­no Ro­nal­do war ge­gen Espan­yol Bar­ce­lo­na in ab­so­lu­ter Tor­lau­ne

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