Ul­tra­links wie die Päps­te

Kleine Zeitung Steiermark - - | LESERFORUM -

Kurz vor sei­ner ful­mi­nan­ten Wahl zum neu­en Vor­sit­zen­den der bri­ti­schen La­bour Par­ty hat Je­re­my Cor­byn sei­ne Prio­ri­tä­ten dar­ge­legt: „Die Be­dürf­nis­se der Ar­men müs­sen Vor­rang ha­ben vor dem Ver­lan­gen der Rei­chen nach Lu­xus, die Rech­te der Ar­bei­ter vor der Pro­fit­ma­xi­mie­rung, die Er­hal­tung der Um­welt vor un­kon­trol­lier­tem in­dus­tri­el­lem Wachs­tum.“State­ments wie die­ses führ­ten da­zu, dass Cor­byn von po­li­ti­schen Geg­nern und Jour­na­lis­ten als rea­li­täts­fer­ner, rück­wärts­ge­wand­ter Ul­tra­lin­ker ab­ge­stem­pelt wird.

Wer durch­ge­hal­ten und bis hier­her ge­le­sen hat, hat ei­ne Be­loh­nung ver­dient: Ich ver­ra­te ihm oder ihr, dass das Cor­byn zu­ge­schrie­be­ne Zi­tat im ers­ten Ab­satz gar nicht von ihm stammt, son­dern von Papst Jo­han­nes Paul II. Die Wor­te wür­den je­doch gut zu Cor­byn pas­sen. Zahl­rei­che Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus eben­so. Des­sen pro­phe­ti­sches Dik­tum, das ge­gen­wär­ti­ge Ge­sell­schafts­und Wirt­schafts­sys­tem sei auf­grund sei­ner ex­tre­men Un­ge­rech­tig­keit und Un­gleich­heit für den Tod un­zäh­li­ger Men­schen ver­ant­wort­lich („Die­se Wirt­schaft tö­tet“), spricht Cor­byn zwei­fel­los aus der See­le. Um­ge­kehrt dürf­te der Papst nichts Un­mo­ra­li­sches dar­an fin­den, dass Cor­byn in ei­nem Land, in dem die Un­ter­schie­de zwi­schen Reich und Arm be­son­ders aus­ge­prägt und die so­zia­len Pro­ble­me dem­ent­spre­chend hoch sind, Spit­zen­ver­die­ner hö­her be­steu­ern will.

Cor­byn wird vor­ge­wor­fen, er wä­re ein Geg­ner ato­ma­rer Mas­sen­ver­nich­tungs­mit­tel. Wo liegt das Pro­blem? In sei­ner Bot­schaft an die „Kon­fe­renz über die hu­ma­ni­tä­ren Aus­wir­kun­gen von Nu­kle­ar­waf­fen“im De­zem­ber 2014 in Wi­en er­klär­te Papst Fran­zis­kus, die „An­dro­hung wech­sel­sei­ti­ger Zer­stö­rung“kön­ne nicht Grund­la­ge des Frie­dens sein. Erz­bi­schof Sil­va­no To­ma­si, der stän­di­ge Ver­tre­ter des Hei­li­gen Stuh­les beim Bü­ro der UNO in Genf, be­ton­te auf der Wie­ner Kon­fe­renz, die ka­tho­li­sche Kir­che sei heu­te da­von über­zeugt, „dass we­der Be­sitz noch Ge­brauch von Atom­waf­fen an­nehm­bar ist“.

Cor­byn for­dert ei­ne staat­li­che Kon­trol­le über das un­über­sicht­li­che und ex­trem teu­re Ei­sen­bahn­we­sen und plä­diert da­für, die Pri­va­ti­sie­rung der bri­ti­schen Was­ser­ver­sor­gung rück­gän­gig zu ma­chen. Da­ge­gen ist nichts ein­zu­wen­den. „Das Recht auf Pri­vat­ei­gen­tum“, hat schon das Zwei­te Va­ti­ka­ni­sche Kon­zil er­klärt, „schließt die Recht­mä­ßig­keit von Ge­mein­ei­gen­tum in ver­schie­de­nen For­men nicht aus.“ie Papst Fran­zis­kus lebt auch Je­re­my Cor­byn au­then­tisch, glaub­wür­dig und be­schei­den. Er über­trifft den Papst so­gar. Cor­byn hat kein Au­to und isst kei­ne Tie­re. Sei­ne Frei­zeit ver­bringt er nicht in Cas­tel Gan­dol­fo, son­dern in ei­nem Schre­ber­gar­ten im Nor­den Lon­dons.

Nur wer die po­li­ti­sche Mit­te weit rechts an­setzt, kann Cor­byn als ge­fähr­li­chen Ul­tra­lin­ken ein­stu­fen. Kurt Re­me­le lehrt Ethik und christ­li­che Ge­sell­schafts­leh­re an der Uni­ver­si­tät Graz

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