Flücht­lings­ver­wei­ge­rung

„Dun­ke­l­eu­ro­pa“bes­ser ver­ste­hen: Wie kommt es, dass im Os­ten Eu­ro­pas so we­ni­ge Men­schen So­li­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen zei­gen?

Kleine Zeitung Steiermark - - | THEMA -

Der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck hat den Be­griff „Dun­kel­deutsch­land“ge­prägt. Er ziel­te da­mit auf den Frem­den­hass in Sach­sen. Nun macht in Berlin das Wort von „Dun­ke­l­eu­ro­pa“die Run­de. Ge­meint sind je­ne jun­gen öst­li­chen EU-Staa­ten, die sich ve­he­ment ge­gen Flücht­lings­quo­ten sper­ren, al­len vor­an Un­garn, das ei­nen Grenz­zaun er­rich­tet hat, aber auch Po­len, das Bal­ti­kum, Tsche­chi­en und die Slo­wa­kei. De­ren Pre­mier Ro­bert Fi­co sagt: „Ich will nicht ei­nes Mor­gens in ei­nem Land auf­wa­chen, in dem Hun­dert­tau­send Ara­ber le­ben.“

Die Um­fra­gen sind so ein­deu­tig wie die Aus­sa­gen öst­li­cher Re­gie­rungs­po­li­ti­ker. 94 Pro­zent der Tsche­chen sind für ei­ne Ab­schie­bung von Asyl­be­wer­bern aus der EU. Sie­ben von zehn Slo­wa­ken wol­len „kei­ne Mus­li­me im Land ha­ben“. In Un­garn, wo Pre­mier Vik­tor Or­bán re­gel­mä­ßig vor ei­ner „Is­la­mi­sie­rung des christ­li­chen Abend­lan­des“warnt, hal­ten zwei Drit­tel der Bür­ger Flücht­lin­ge für „ge­fähr­lich“.

Selbst die Auf­ru­fe höchs­ter mo­ra­li­scher Au­to­ri­tä­ten ver­hal- len un­ge­hört. Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Lech Wałe˛sa, der 1989 in Po­len die Frei­heits­be­we­gung So­li­dar­nos´c´ zum Sieg führ­te, for­dert: „Wenn wir Men­schen das Le­ben ret­ten kön­nen, müs­sen wir das tun.“Ähn­lich hat­te sich kürz­lich Papst Fran­zis­kus ge­äu­ßert. Doch im erz­ka­tho­li­schen Po­len do­mi­niert der­zeit nicht das Ge­bot der Nächs­ten­lie­be. Viel­mehr ha­ben 68 Pro­zent der Bür­ger „Angst, dass Flücht­lin­ge aus dem Na­hen Os­ten re­li­giö­se Kon­flik­te nach Eu­ro­pa tra­gen“.

Angst dürf­te der Schlüs­sel­be­griff zur Er­klä­rung je­nes kul­tu­rel­len Schocks sein, den die Flücht­lings­wel­le in Ost­eu­ro­pa aus­ge­löst hat: Angst vor Ge­walt, Über­frem­dung, vor dem Ver­lust der ei­ge­nen kul­tu­rel­len und na­tio­na­len Iden­ti­tät und Un­ab­hän­gig­keit. So je­den­falls sieht es der War­schau­er So­zio­lo­ge Aleksan­der Smo­lar, dem per­sön­lich je­der Na­tio­na­lis­mus fremd ist. Den­noch sagt Smo­lar: „Die eth­ni­sche, kul­tu­rel­le und re­li­giö­se Ho­mo­ge­ni­tät des Lan­des hat Po­len die Trans­for­ma­ti­on nach 1989 un­erhört er­leich­tert. Wir wa­ren da­mals be­reit, ei­nen ho­hen Preis für Ve­rän­de­run­gen zu be­zah­len, weil es um uns ging, um uns Po­len.“

Das Stich­wort „Ho­mo­ge­ni­tät“ver­weist auf ei­nen wei­te­ren Er­klä­rungs­an­satz, der in der So­zi­al­psy­cho­lo­gie als an­thro­po­lo­gi-

Zu Ser­bi­en steht der Grenz­zaun schon, nun will die un­ga­ri­sche Re­gie­rung mit Vor­be­rei­tungs­ar­bei­ten für die Ver­län­ge­rung

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