Ei­ne Idee am Ab­grund

Das Ver­sa­gen der EU in der Flücht­lings­kri­se zer­setzt al­les, was Eu­ro­pa aus­macht.

Kleine Zeitung Steiermark - - | TRIBÜNE -

Die Eu­ro­päi­sche Uni­on ist drauf und dran, sich selbst bis zur Un­kennt­lich­keit zu ent­stel­len. Das un­wür­di­ge Hin- und Her­schie­ben der Men­schen­strö­me, um die Bür­de wei­ter­zu­rei­chen, ist ab­sto­ßend. Wie Ös­ter­reich mit Deutsch­land ver­fuhr, als Berlin in ei­nen mo­ra­li­schen Rausch ver­fiel, un­ter­schei­det sich nur sti­lis­tisch von der Vor­gangs­wei­se der Bal­kanlän­der. So ent­seelt hat sich die­se EU noch nie dar­ge­bo­ten. Na­tio­na­le Selbst­sucht hat in ihr im­mer wie­der ge­wu­chert, aber noch nie so häss­lich und to­xisch. Das Gift hat et­was Zer­set­zen­des. Die EU ist im Be­griff, sich ide­ell und po­li­tisch auf­zu­lö­sen. Ih­re Rechts­nor­men sind au­ßer Kraft ge­setzt, die Be­grif­fe Schen­gen und Du­blin blo­ße Städ­te­na­men. Die Au­ßen­gren­zen wur­den ent­si­chert und ver­pflich­ten­de Rück­stel­lungs­ver­fah­ren in si­che­re Her­kunfts­län­der nicht mehr an­ge­wandt. Dem Asyl­recht ent­zog man den Bo­den, in­dem nicht mehr un- ter­schie­den wur­de zwi­schen je­nen, die dem Tod ent­ran­nen und je­nen, die Ar­mut hin­ter sich las­sen. Wer auf Dif­fe­ren­zie­rung pocht, ist nicht rechtstreu, son­dern ein treu­er Rech­ter. Die EU hat als Rechts­ge­mein­schaft und Wer­te­ge­mein­schaft ka­pi­tu­liert. Sie ka­ri­kiert sich in bei­dem. Der Wer­te­ka­non pen­delt zwi­schen Trä­nen­gas und Will­kom­men­s­ta­ferln, zwi­schen of­fe­nen, blu­men­ge­säum­ten Gren­zen für al­le und krie­ge­risch ge­si­cher­ten. Lö­sung ist we­der das ei­ne noch das an­de­re.

Ei­ne Lö­sung kann es nur ge­ben, wenn Eu­ro­pa zu sich kommt. Es gibt nur ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung oder gar kei­ne. Gar kei­ne hie­ße: das En­de der Idee und der Be­ginn des Zer­falls. Klar soll­te al­len sein: Man kann nicht un­kon­trol­liert Men­schen in Län­der strö­men las­sen, oh­ne zu wis­sen, wer sie sind. Das ist nicht Hu­ma­nis­mus, son­dern die Preis­ga­be staat­li­cher Ord­nung. Oh­ne sie lässt sich Hu­ma­ni­tät nicht or- ga­ni­sie­ren. Wer sagt, es ge­be kei­ne Ober­gren­zen, un­ter­spült das Fun­da­ment an sich in­tak­ter Hilfs­be­reit­schaft und ar­bei­tet je­nen zu, die mit der aus­ge­brei­te­ten Schür­ze be­reit­ste­hen. er gest­ri­ge Tag hat ge­zeigt: Die Er­fas­sung und Steue­rung der Flücht­lings­strö­me kann nicht im In­ne­ren statt­fin­den, son­dern muss an den Au­ßen­gren­zen er­fol­gen, in ge­mein­sa­men Auf­fang­zen­tren. Von dort sind die Kon­tin­gen­te, auf die man sich hof­fent­lich im Auf­wach­zim­mer am Mitt­woch ei­ni­gen wird, so­li­da­risch den Staa­ten zu­zu­tei­len. Richt­schnur muss ein groß­zü­gi­ger, nüch­ter­ner Prag­ma­tis­mus sein, der Maß nimmt an dem, was mach­bar und zu­mut­bar ist, den An­säs­si­gen wie den Zuflucht­su­chen­den. Da­zu ge­hört, Letz­te­ren zu­ge­wandt zu sa­gen: Wir ge­wäh­ren euch über­all in Eu­ro­pa Schutz, aber wir müs­sen sa­gen, wo, sonst ist das Über­all am En­de nir­gend­wo. Sie er­rei­chen den Au­tor un­ter

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