Un­hei­li­ger Streit um hei­li­gen

Der Papst spricht mor­gen Jun­í­pe­ro Ser­ra heilig. Die AmahMut­sun-In­dia­ner ha­ben kein Ver­ständ­nis. Sie er­in­nern an die grau­sa­men Fol­gen sei­nes Wir­kens.

Kleine Zeitung Steiermark - - | POLITIK - VON UN­SE­REM KOR­RE­SPON­DEN­TEN

Va­len­tin Lopez weiß, dass er die Sa­che nicht mehr rück­gän­gig ma­chen kann. Es wird ge­sche­hen, so oder so. Aber er wol­le trotz­dem wei­ter­kämp­fen, sagt der Mann und zer­mahlt mit sei­nen Zäh­nen hör­bar ei­ne Nuss: „Ich sa­ge Ih­nen vor­aus, dass der Papst sich selbst und die Kir­che ganz schön bla­mie­ren wird.“Lopez ist 63 Jah­re alt, Vor­ste­her des Stam­mes der Amah-Mut­sun-In­dia­ner aus Ka­li­for­ni­en und ei­ne der zen­tra­len Fi­gu­ren ei­ner Wi­der­stands­be­we­gung, die die Hei­lig­spre­chung ei­nes ka­tho­li­schen Mis­sio­nars aus der Ko­lo­ni­al­zeit des 18. Jahr­hun­derts durch Papst Fran­zis­kus ver­hin­dern will. Mitt­woch, sagt Lopez, „wird ein Tag der Trau­er für un­ser Volk sein“.

Der Va­ti­kan sieht die Sa­che an­ders. Die Hei­lig­spre­chung von Pa­ter Jun­í­pe­ro Ser­ra soll ei­ner der Hö­he­punk­te wäh­rend des Be­su­ches des Paps­tes in den USA sein, der ges­tern be­gann. Seit Wo­chen lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen für die Hei­lig­spre­chungs­ze­re­mo­nie in ei­ner Ka­the­dra­le in der Haupt­stadt Washington. Es ist die ers­te Hei­lig­spre­chung, die auf US-Bo­den voll­zo­gen wird. Al­les wä­re schön, wenn da nicht der Streit um Jun­í­pe­ro Ser­ra wä­re.

Ser­ra, der auf Mallor­ca zur Welt kam, gilt dem Papst als ei­ner der Grün­dungs­vä­ter der USA und als ein Vor­bild für die Uni­ver­sa­li­tät der Kir­che. Er sei ein „be­son­de­rer Schutz­hei­li­ger“der Men­schen la­tein­ame­ri­ka­ni­scher Ab­stam­mung, sag­te das Ober­haupt der ka­tho­li­schen Kir­che, das selbst aus Ar­gen­ti­ni­en stammt. Ser­ra, ein Fran­zis­ka­ner­pa­ter, war vol­ler Ei­fer. En­de des 18. Jahr­hun­derts ließ er ei­ne Rei- he von Mis­sio­nen er­rich­ten, die sich wie ei­ne Per­len­ket­te ent­lang der Küs­te Ka­li­for­ni­ens von San Die­go bis San Fran­cis­co zie­hen. Es wa­ren die Vor­pos­ten der Zi­vi­li­sa­ti­on eu­ro­päi­scher Prä­gung im In­dia­ner­land.

Lopez muss la­chen: „Ha! Die Kir­che sagt: Wir ha­ben euch Gott ge­bracht. Wir brauch­ten Gott doch gar nicht. Wir hat­ten un­se­ren ei­ge­nen Schöp­fer. Wir wuss­ten selbst, was Mut­ter Er­de von uns ver­langt.“Dann legt er los und be­schreibt das Sys­tem der Ko­lo­ni­sie­rung und Chris­tia­ni­sie­rung der Ur­ein­woh­ner vor 250 Jah­ren. „Die Mis­sio­na­re wur­den von Sol­da­ten be­glei­tet. Sie zwan­gen un­se­re Vor­fah­ren, in den Mis­sio­nen zu le­ben. Erst lock­ten sie die Frau­en, weil sie wuss­ten, dass ih­nen Män­ner und Kin­der fol­gen wür­den. Sie muss­ten Klei­dung aus Stoff tra­gen, durf­ten ih­re Spra­che nicht spre­chen, ih­re Ze­re­mo­ni­en wur­den ver­bo­ten.“

An­fang ei­ner Mi­se­re

Die In­dia­ner wur­den, wenn sie die Mis­sio­nen ge­gen den Wil­len der Ko­lo­ni­al­her­ren und Mis­sio­na­re ver­lie­ßen, mit Ge­walt zu­rück­ge­bracht und zum Teil bru­tal be­straft. Sie star­ben an In­fek­ti­ons­krank­hei­ten, die die Eu­ro­pä­er mit­brach­ten und ge­gen die sie kei­ne Wi­der­stands­kräf­te hat­ten. Leb­ten Mit­te des 18. Jahr­hun­derts nach Schät­zung von His­to­ri­kern 300.000 In­dia­ner auf dem Ge­biet des heu­ti­gen Ka­li­for­ni­en, wa­ren es 80 Jah­re spä­ter noch 50.000. Vie­le star­ben in der Mis­si­ons­zeit, deut­lich mehr aber ver­lo­ren ihr Le­ben, als die Wei­ßen um die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts aus dem Os­ten der USA in den Wes- ten ka­men, nach Gold such­ten und die in­dia­ni­sche Kul­tur voll­stän­dig mar­gi­na­li­sier­ten.

Aber den An­fang ha­be eben Ser­ra ge­macht, sagt Lopez, der bis vor Kur­zem in der Per­so­nal­ab­tei­lung der Au­to­bahn­po­li­zei ar­bei­te­te. Er holt tief Luft und ruft: „Ser­ra war der Ar­chi­tekt des Mis­si­ons­sys­tems. Er woll­te un­se­re Kul­tur zer­stö­ren.“Es stim­me wahr­schein­lich, wenn His­to­ri­ker sag­ten, dass Ser­ra selbst nicht an Be­stra­fun­gen mit der Peit­sche be­tei­ligt ge­we­sen sei. „Aber er hat die Rich­tung vor­ge­ge­ben.“

Es ist nur ein klei­ner Kreis von Kir­chen­kri­ti­kern, die ge­gen die Hei­lig­spre­chung wet­tern. Ab und an de­mons­trie­ren In­dia­ner vor der Ka­the­dra­le von Los An­ge­les und hal­ten Schil­der in die Hö­he, auf de­nen Mis­sio­na­re Hit­ler­Bärt­chen tra­gen. Bü­cher sind er­schie­nen, in de­nen die Au­to­ren ver­such­ten, das Mis­si­ons­sys­tem als ei­ne Art ko­lo­nia­ler Gu­lag dar­zu­stel­len. Nur zö­ger­lich ha­ben US-Me­di­en da­mit be­gon­nen, die Ge­schich­te der Wi­der­stands­be­we­gung zu do­ku­men­tie­ren.

„Wir ha­ben eben kei­ne Lob­by“, sagt Lopez, des­sen Stamm seit ei­ni­gen Jah­ren mit ei­ner Psy­cho­lo­gin zu­sam­men­ar­bei­tet, die sich auf his­to­ri­sche Trau­ma­ta spe­zia­li­siert hat. Don­na Schind­ler sitzt in der ka­li­for­ni­schen Haupt­stadt Sa­cra­men­to in ei­nem Ca­fé und er­klärt, dass die In­dia­ner die Er­leb­nis­se ih­rer Vor­fah­ren von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben hät­ten. So sei­en über zwei Jahr­hun­der­te hin­weg tie­fe, see­li­sche Wun­den ent­stan­den.

Iden­ti­täts­pro­ble­me

Die Fol­ge: Die heu­ti­ge Ge­ne­ra­ti­on der Amah Mut­sun, es gibt rund 600 Stam­mes­mit­glie­der, er­lebt Ge­walt, Sucht und Iden­ti­täts­pro­ble­me. Der Stam­mes­äl­tes­te Lopez sagt, er kön­ne sich gut dar­an er­in­nern, dass ihn sei­ne Mut­ter an­ge­hal­ten ha­be, sei­ne wah­re Her­kunft zu ver­schwei­gen. „Ich soll­te im­mer sa­gen, dass mei­ne Vor­fah­ren aus Me­xi­ko kom­men, wenn mich je­mand frag­te.“

Ein paar Schrit­te von dem Ca­fé ent­fernt, in dem Schind­ler sitzt, lebt Fran­cis Quinn in ei­nem Se-

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.