Klas­si­sches und Ex­pe­ri­men­tel­les

Ger­mai­ne Krull (1897–1985) leb­te vie­le Le­ben in ei­nem. Das wohl wich­tigs­te als Fo­to­gra­fin.

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR - WAL­TER TITZ

Ge­bo­ren wur­de sie 1897 in Po­sen, 1985 starb sie in ei­nem Pfle­ge­heim in Wetz­lar. In den 88 Jah­ren da­zwi­schen leb­te Ger­mai­ne Krull vie­le Le­ben an vie­len Or­ten, dar­un­ter München, Berlin, Moskau, Pa­ris, Ams­ter­dam, Mon­te Car­lo, Braz­za­vil­le, Al­gier, Bang­kok. Un­ter an­de­rem als Fo­to­gra­fin, kom­mu­nis­ti­sche Ak­ti­vis­tin, Ho­tel­be­trei­be­rin. Die Lis­te ih­rer Freun­de ist so lang wie pro­mi­nent. Ei­ni­ge Na­men: Rai­ner Ma­ria Ril­ke, Max Hork­hei­mer, Jo­ris Ivens (den sie 1923 hei­ra­te­te), So­nia und Ro­bert De­lau­nay, André Mal­raux, Co­let­te, Je­an Coc­teau, André Gi­de, Lász­ló Mo­h­oly-Na­gy, Alex­an­der Rodt­schen­ko, Ge­or­ges Si­me­non, André Ker­tész, Man Ray.

1918 er­öff­ne­te Krull in München ihr ers­tes Fo­to­ate­lier, es folg­ten Stu­di­os in et­li­chen der ge­nann­ten Städ­te. Bis 1946 war die Fo­to­gra­fin aber nicht nur lo­kal tä­tig, son­dern welt­weit als Bild­re­por­te­rin un­ter­wegs. Im er­wähn­ten Jahr kauf­ten Krull und fünf Freun­de um je 250 Dol­lar (!) das her­un­ter­ge­kom­me­ne Ori­en­tal Ho­tel von Bang­kok. In der Bran­che völ­lig un­er­fah­ren, mach­te es Krull als Ma­na­ge­rin zum pro­mi­nen­tes­ten Haus der Stadt und lei­te­te es bis 1966.

Ei­ne gro­ße Re­tro­spek­ti­ve (bis 27. Sep­tem­ber im Pa­ri­ser Jeu de Pau­me, da­nach im Ber­li­ner Mar­tin-Gro­pi­us-Bau) fasst das im­po­san­te Werk ei­ner der gro­ßen Fo­to­gra­fin­nen (im Be­reich der Licht­bild­ne­rei ist die „Quo­te“er­freu­lich hoch) zu­sam­men. Ein fas­zi­nie­ren­des, äu­ßerst viel­fäl­ti­ges Werk, in dem das klas­si­sche Re­por­ta­ge­bild eben­so Platz hat wie das Ex­pe­ri­ment.

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem weib­li­chen Kör­per („Étu­des de Nu“, 1930, ist ein Klas­si­ker der Akt­fo­to­gra­fie) fin­det sich ne­ben „we­sent­lich mas­ku­li­nen Mo­ti­ven der In­dus­trie­land­schaft“, 1928 un­ter dem Ti­tel „Mé­tal“pu­bli­ziert. Spä­te Bild­bän­de der in den 1960er-Jah­ren zum Bud­dhis­mus kon­ver­tier­ten Künst­le­rin sind Bang­kok, Si­am und den Ti­be­tern in In­di­en ge­wid­met. Ger­mai­ne Krull. Vi­sio­nä­rin des 20. Jahr­hun­derts. Hat­jeCantz. 264 Sei­ten, 40,50 Eu­ro.

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