Fran­zis­kus und die klei­ne So­phie

Der Tri­umph­zug des Paps­tes in den USA geht wei­ter. Der Pon­ti­fex trifft ein Ein­wan­der­er­mäd­chen und macht sich im US-Kon­gress zu sei­nem Für­spre­cher.

Kleine Zeitung Steiermark - - | POLITIK -

Beim ers­ten Mal klappt es noch nicht. Als das klei­ne Mäd­chen aus der Men­schen­men­ge tritt und auf den Herrn im wei­ßen Ge­wand zu­läuft, wird sie von ei­nem Po­li­zis­ten freund­lich ab­ge­führt. Erst ein Zei­chen des Paps­tes be­wirkt das Wun­der: Ein Be­am­ter packt So­phie Cruz um den Bauch und trägt das fünf Jah­re al­te Mäd­chen zum Ober­haupt der ka­tho­li­schen Kir­che, der in sei­nem of­fe­nen Pa­pa-Mo­bil steht und in die Heer­schar ju­beln­der Men­schen winkt. So­phie Cruz um­armt den Papst, drückt ihn, gibt ihm ein gel­bes T-Shirt und ei­nen Um­schlag in die Hand. Dann ist der Mo­ment schon vor­bei, und das Fran­zis­kus-Fie­ber in der USHaupt­stadt Washington steigt in schier un­mess­ba­re Hö­hen.

Spä­ter sagt die Toch­ter me­xi­ka­ni­scher Ein­wan­de­rer, die oh­ne Pa­pie­re in Ka­li­for­ni­en le­ben, sie wol­le nicht, dass ih­re El­tern ab­ge­scho­ben wer­den und sie zu­rück­las­sen. So­phie selbst muss sich nicht fürch­ten. Sie hat die USStaats­bür­ger­schaft. Das Mäd­chen er­zählt, sie ha­be den Papst ge­be­ten, das im US-Kon­gress zu sa­gen, wenn er sei­ne Re­de hält.

Die Re­ak­ti­on des Paps­tes ist im Ge­tüm­mel nicht zu hö­ren, aber schon ei­nen Tag spä­ter er­füllt der Pon­ti­fex den Wunsch des Mäd­chens. Am Don­ners­tag stellt sich Fran­zis­kus, der selbst Sohn ei­ner Ein­wan­de­rer­fa­mi­lie nach Ar­gen­ti­ni­en ist, ans Red­ner­pult im Ka­pi­tol und liest der US-Po­li­tik in ei­ner ele­gan­ten Re­de die Le­vi­ten.

Er ist nicht kon­fron­ta­tiv, aber klar und wuch­tig in sei­ner Aus­sa­ge. Er for­dert die Ab­schaf­fung der To­des­stra­fe, mehr Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del, mehr Ein­satz zur Be­wäl­ti­gung der welt­wei­ten Flücht­lings­kri­se.

Scho­nungs­los of­fen

Mit sanf­ter Stim­me sagt der Papst dann ei­nen Satz, der noch für Zünd­stoff im US-Wahl­kampf sor­gen dürf­te. Auch auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent ge­be es Tau­sen­de Men­schen, die im Nor­den ein bes­se­res Le­ben such­ten: „Wir dür­fen an­ge­sichts ih­rer Zahl nicht aus der Fas­sung ge­ra­ten, son­dern müs­sen sie als Men­schen se­hen, ih­nen ins Ge­sicht schau­en und ih­ren Ge­schich­ten zu­hö­ren.“Die Po­li­tik müs­se der Ver­su­chung wi­der­ste­hen, al­les aus­zu­schlie­ßen, was stö­re.

Das dürf­te So­phie ge­fal­len ha­ben. Aber was hält Do­nald Trump da­von? Der re­pu­bli­ka­ni­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat will al­le elf Mil­lio­nen Il­le­ga­len aus den USA ab­schie­ben und ei­ne Mau­er zu Me­xi­ko bau­en. Den­noch wird die ers­te Re­de ei­nes Paps­tes vor den Ab­ge­ord­ne- ten des Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses und des Se­nats selbst von hart ge­sot­te­nen Kri­ti­kern oh­ne Mur­ren hin­ge­nom­men. Auch in den USA reißt sich die Po­li­tik zu­sam­men, wenn der Papst spricht. Die Ab­ge­ord­ne­ten be­neh­men sich or­dent­lich, was an­ge­sichts der kri­ti­schen Wort­bei­trä­ge vor dem Be­such nicht un­be­dingt zu er­war­ten war. Der Papst ha­be sich um die Kir­che zu küm­mern, hieß es mit­un­ter, und nicht um die Po­li­tik, und schon gar nicht um An­ge­le­gen­hei­ten wie Kli­ma­schutz und Ein­wan­de­rung.

Re­spekt­vol­ler Um­gang

Viel­leicht ist des­we­gen Ru­he, weil Paul Go­sar – wie er­war­tet – der Re­de fern­bleibt. Der Re­pu­bli­ka­ner aus Ari­zo­na hat, ob­schon Ka­tho­lik, ge­sagt, er wer­de den Auf­tritt des Paps­tes boy­kot­tie­ren. Fran­zis­kus wir­ke we­gen sei­ner Kli­ma-Vor­stel­lun­gen wie ein „lin­ker Po­li­ti­ker“, sag­te Go­sar.

Viel­leicht hat aber auch der Brief ge­hol­fen, den die Füh­rung von Re­pu­bli­ka­nern und De­mo­kra­ten vor ei­ni­gen Ta­gen an ih­re Frak­ti­ons­mit­glie­der ge­schrie­ben hat. Dar­in ba­ten die Ober­ab­ge­ord­ne­ten et­was ver­klau­su­liert dar­um, dem Papst ge­gen­über re­spekt­voll auf­zu­tre­ten. Vor al­lem sol­le nicht ge­plap­pert wer­den.

Nach zwei von fünf Ta­gen, in de­nen sich der Papst in den USA auf­hält, lässt sich be­reits sa­gen: Fran­zis­kus will ein Papst des Vol­kes sein und ein po­li­ti­scher Papst. Der Je­su­it hat gro­ße Ide­en. Und die wird er auch heu­te wie­der un­ter die Leu­te brin­gen. Er nimmt in New York an ei­nem Got­tes­dienst an der Ge­denk­stät­te für die Op­fer des Ter­ror­an­schlags vom 11. Sep­tem­ber 2001 teil, hält ei­ne Re­de vor den Ver­ein­ten Na­tio­nen und führt schließ­lich ei­ne Pro­zes­si­on durch den Cen­tral Park an. Mehr als 80.000 Ein­tritts­kar­ten hat die Stadt in ei­ner Lot­te­rie da­für ver­teilt. Wo­mög­lich ist auch wie­der ein Mäd­chen wie So­phie Cruz dar­un­ter.

Der Tri­umph­zug des Jor­ge Bergo­glio, Sohn ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer nach Ar­gen­ti­ni­en, durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten geht je­den­falls noch bis Sonn­tag wei­ter.

Die fünf­jäh­ri­ge So­phie Cruz woll­te dem Papst un­be­dingt ei­nen Brief über­ge­ben und ließ sich durch nichts auf­hal­ten

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