Or­bán als Au­ßen­feind, was willst du mehr?

Ös­ter­reich und Un­garn sit­zen im sel­ben Boot.

Kleine Zeitung Steiermark - - | TRIBÜNE - MICHAEL JUNGWIRTH

Wenn man nicht ein­ge­la­den wird wie von Horst See­ho­fer, lädt man sich selbst ein. So weil­te Vik­tor Or­bán ges­tern we­ni­ge St­un­den in Wi­en, um den ös­ter­rei­chi­schen Wahl­kampf auf­zu­mi­schen. Das war wohl das Haupt­mo­tiv der Selbst­ein­la­dung, die in ei­nem me­di­en­wirk­sa­men Auf­tritt in der un­ga­ri­schen Bot­schaft gip­fel­te.

Or­bán ist ein Schlitz­ohr. 48 St­un­den zu­vor hat­te der in­ti­me Ken­ner un­se­rer In­nen­po­li­tik oh­ne­hin Fay­mann und Mit­ter­leh­ner in Brüssel ge­spro­chen. Stra­che in der Hoch­pha­se des Wahl­kamp­fes zu tref­fen, konn­ten schwar­ze Par­tei­freun­de dem un­ga­ri­schen Pre­mier gera­de noch ir­gend­wie aus­re­den.

Ei­nes muss man ihm las­sen. Statt her­um­zu­re­den und zu be­schö­ni­gen, steht Or­bán zu sei­ner Po­li­tik. Ge­gen­über den Flücht­lin­gen ver­folgt er ei­nen wi­der­li­chen Kurs. Ob die Ge­flo­he­nen dem Tod ent­ron­nen sind oder sich Asyl er­schlei­chen wol­len, ob sie von As­sad oder dem IS ver­trie­ben wor­den sind oder ob sie sich ein bes­se- res Le­ben in Eu­ro­pa er­hof­fen, ob es sich um Hei­mat­ver­trie­be­ne oder Wirt­schafts­flücht­lin­ge han­delt – Or­bán nimmt kei­ne Un­ter­schei­dung vor. Mit dem Zaun, der Ein­schüch­te­rung der Flücht­lin­ge und der Kri­mi­na­li­sie­rung von Asyl kommt er sei­nem Ziel nä­her: ein flücht­lings­frei­es Un­garn.

Dass Or­bán Zäu­ne er­rich­tet, ist auch ein Akt der Ver­zweif­lung. Nicht nur die Un­garn, auch Grie­chen, Kroa­ten, Slo­we­nen sind bei der Über­wa­chung der EU-Au­ßen­gren­ze völ­lig auf sich al­lein ge­stellt. Auch die Grie­chen ha­ben me­ter­ho­he Zäu­ne er­rich­tet, setz­ten Pfef­fer­spray und Gum­mi­knüp­pel ein. Wo ist der kol­lek­ti­ve Auf­schrei? Sind die Or­bá­nK­ri­ti­ker auf ei­nem Au­ge blind?

Den wahl­kämp­fen­den Par­tei- chefs kommt Herr Or­bán nicht ganz un­ge­le­gen. In Wi­en steht die SPÖ mit dem Rü­cken zur Wand, in Ober­ös­ter­reich die ÖVP. Fay­mann ar­bei­tet sich an Or­bán ab, um in lin­ken Krei­sen zu punk­ten und in­ner­par­tei­lich sein Hemd zu ret­ten. Or­bán als Au­ßen­feind, was willst du mehr? Sich mit ei­nem Hard­li­ner zu zei­gen, kommt jetzt auch plötz­lich Mit­ter­leh­ner zu­pass. och hält man – auch we­gen der Wah­len – mit den Zah­len hin­ter dem Berg. Re­gie­rungs­in­si­der rech­nen nicht nur heu­er, son­dern auch im nächs­ten Jahr mit wei­te­ren 80.000 Flücht­lin­gen. Ein di­rek­ter Draht nach Bu­da­pest, auch nach Zagreb, Bel­grad, Lai­bach wä­re ein Ge­bot der St­un­de, um bei der Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­strö­me nicht al­les dem Zu­fall und der ho­hen Im­pro­vi­sa­ti­ons­kunst zu über­las­sen. Ös­ter­reich und Un­garn sit­zen im sel­ben Boot. Man kann nur hof­fen, dass nach der Wahl wie­der Ver­nunft ein­kehrt.

NSie er­rei­chen den Au­tor un­ter

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.