Sich die Sucht von der See­le re­den

Ge­schätz­te 52.000 Stei­rer sind al­ko­hol­krank. Bei den An­ony­men Al­ko­ho­li­kern weiß je­der aus schmerz­haf­ter Er­fah­rung, was das heißt. Be­trof­fe­ne kön­nen dort re­den, zu­hö­ren – und mit den an­de­ren mög­li­cher­wei­se ei­nen Weg aus der Sucht fin­den. Ein Be­such bei den

Kleine Zeitung Steiermark - - | STEIERMARK- THEMA - BEA­TE PICH­LER

Ge­schmeckt? Nein, „ich ha­be nie ge­trun­ken, weil es mir ge­schmeckt hat. Es ging mir von An­fang an nur um die Wir­kung.“Ma­ria* (Na­me ge­än­dert) sitzt an dem gro­ßen Tisch im „Mee­tin­g­raum“der An­ony­men Al­ko­ho­li­ker und er­zählt von ei­nem Le­ben, das über wei­te Stre­cken nur von ei­nem be­stimmt war: Al­ko­hol. „Ich war im­mer ängst­lich, ir­gend­was hat im­mer ge­fehlt“– und genau „die­ses Loch in der Brust“glaub­te sie „mit Al­ko­hol zu­schüt­ten zu kön­nen“. Mit 13 war’s noch ab und zu ein Bier, mit 16 trank sie schon re­gel­mä­ßig – und „ir­gend­wann dreh­te sich 24 St­un­den am Tag al­les nur noch um Al­ko­hol. Wie be­schaf­fe ich ihn, wie trin­ke ich ihn, oh­ne dass es je­mand merkt, wie ent­sor­ge ich die Fla­schen.“Der Al­ko­hol wur­de „zum Zwang. Man mag gar nicht mehr, man muss“, sagt sie und weiß aus bit­te­rer Er­fah­rung: „Der Al­ko­ho­li­ker geht zum Schluss durch die Höl­le.“

Ein Le­ben aus Tar­nen und Täu­schen – in der Mei­nung, al­le an­de­ren und sich selbst austrick­sen zu kön­nen. Ma­ria* er­zählt vom Ehe­mann, der ir­gend­wann merk­te, was los war, und ein­zu­grei­fen ver­such­te. In­dem er den ver­steck­ten Al­ko­hol such­te und weg­schüt­te­te, in­dem er das Wirt­schafts­geld kürz­te – oh­ne Er­folg. „Ha­be ich halt den Schmuck ver­setzt. Ein Al­ko­ho­li­ker hat vie­le Tricks.“Sie er­zählt von Ein­la­dun­gen, vor de­nen sie „vor­glüh­te“, da­mit dort nie­mand et­was merk­te. Vom Pa­pa­gei da­heim, der das Öff­nungszi­schen der Bier­do­se schon nach­ma­chen konn­te. Tie­fer geht’s nicht mehr. Heu­te ist sie tro­cken. Seit fast 20 Jah­ren. Statt des Al­ko­hols ha­ben die An­ony­men Al­ko­ho­li­ker ei­nen fes­ten Platz in ih­rem Le­ben. Ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe, die es welt­weit seit 80 Jah­ren gibt – und in der sie 1994 das ers­te Mal et­was We­sent­li­ches lern­te: „Dass ich nicht al­lein bin, dass an­de­re auch die­se Pro­ble­me ha­ben.“Ja, das kann hel­fen. Und nein, es ist kei­ne Ga­ran­tie, es zu schaf­fen. Das weiß auch Ma­ria*. „Nach zehn Mo­na­ten war ich so eu­pho­risch, ich ha­be ge­glaubt, ich weiß eh al­les.“Den Al­ko­hol, dach­te sie, hät­te sie im Griff. Und dann be­stell­te sie sich auf ei­nem Flug­ha­fen ei­nen Cam­pa­ri. Es folg­te ei­ne Fla­sche Gin im Du­ty Free . . .

Heu­te weiß die Stei­re­rin, dass ein Glas ge­nügt. Egal, wie lan­ge man schon tro­cken ist. Sie ist es seit 1996. „Für mich sind die An­ony­men Al­ko­ho­li­ker ei­ne Fa­mi­lie. Mit de­nen kannst du über al­les re­den. Wenn du die Schwel­le vom Mee­tin­g­raum über­schrei­test, weißt du, dass du zu Hau­se bist“– egal wo auf der Welt.

Längst auch in der Stei­er­mark und in Kärnten. Vor genau 40 Jah­ren hat ei­ne Ärz­tin, selbst Al­ko­ho­li­ke­rin, die Idee mit nach Graz ge­bracht und hier die ers­te „AA“Grup­pe ge­grün­det. Heu­te gibt es 20 in der Stei­er­mark, drei in Kärnten, ei­ne im Süd­bur­gen­land. Te­le­fo­ni­sche An­lauf­stel­le für die ge­sam­te Re­gi­on Süd ist Graz (sie­he links).

Am Tief­punkt

Ma­ria* ist nicht die Ein­zi­ge, die an die­sem Tag im Mee­tin­g­raum sitzt und er­zählt. Auch Ga­bi*, die von sich sagt, dass sie „lan­ge gut funk­tio­niert“ha­be – bis ihr mit 40 schön lang­sam ab­han­den­kam, was sie jah­re­lang ge­for­dert hat­te. Über­sied­lung, Ver­kauf der Fir­ma, er­wach­se­ne Kin­der . . . „Ich ha­be die Lee­re weg­ge­trun­ken“, sagt sie heu­te. Heim­lich. Und im­mer in der Hoff­nung, das Pro­blem al­lein in den Griff zu be­kom­men. Erst als sie ih­ren „Tief­punkt“er­reich­te, lan­de­te sie bei den An­ony­men Al­ko­ho­li­kern. Be­trun­ken.

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