Wie viel Tau­sen­de Eu­ro ist Über­le­ben wert?

Der Krebs­for­scher und Me­di­zi­ner Michael Gnant be­ant­wor­tet Fra­gen, die wir stel­len müs­sen.

Kleine Zeitung Steiermark - - | GESUNDHEIT -

Das Geld im Ge­sund­heits­sys­tem wird knapp. Ei­ni­ge Krebs­prä­pa­ra­te wir­ken ex­zel­lent und ver­län­gern Über­le­ben. Bald könn­te es aber auf die Fra­ge hin­aus­lau­fen: Sind we­ni­ge Wo­chen oder Mo­na­te Le­bens­ver­län­ge­rung Zehn- oder Hun­dert­tau­sen­de Eu­ro wert, die High­techK­rebs-Prä­pa­ra­te kos­ten – wenn die Mehr­le­bens­zeit manch­mal nur Da­hin­sie­chen be­deu­tet?

Letzt­lich ist das kei­ne me­di­zi­ni­sche, son­dern ei­ne ge­sell­schaft­li­che Fra­ge. Man er­war­tet sich Ant­wor­ten, die wir Ärz­te ge­ben sol­len, aber, wenn wir ehr­lich sind, nicht ge­ben dür­fen. Na­tür­lich darf man dis­ku­tie­ren, ob zwei Mo­na­te mehr Le­bens­zeit Tau­sen­de Eu­ro recht­fer­ti­gen. Aber dann müs­sen wir auch dis­ku­tie­ren, ob Schwer­ver­letz­te, die nach ei­nem Un­fall nur schlech­te Über­le­bens­chan­cen ha­ben, noch mit dem Hub­schrau­ber ins Spi­tal ge­flo­gen wer­den sol­len. Was wir nie ver­ges­sen dür­fen: In der all­ge­mei­nen Dis­kus­si­on ist das ein­fach, aber wenn man per­sön- lich be­trof­fen ist, ist es ei­ne ganz an­de­re Sa­che. Es gibt al­so kei­ne Ant­wort?

Ich ha­be ge­le­sen, dass, wenn je­der von uns 48 St­un­den frü­her stirbt – al­so Schwerst­kran­ke und Un­fall­op­fer nicht bis zum En­de the­ra­piert wer­den –, dann wür­den wir dem Ge­sund­heits­sys­tem so viel er­spa­ren, dass es kein De­fi­zit mehr hät­te. Ob ich da­zu be­reit wä­re? All­ge­mein ge­sagt: Ja. Wenn ich aber in mei­nem Blut nach ei­nem Un­fall auf der Stra­ße lie­ge und ums Über­le­ben kämp­fe, dann schaut die Sa­che an­ders aus.

Über Krebs­prä­pa­ra­te wird kon­tro­ver­si­ell dis­ku­tiert, auch auf­grund des Bu­ches „Die Krebs­In­dus­trie“des deut­schen Po­li­ti­kers Karl Lau­ter­bach, in dem er die Phar­ma­in­dus­trie an­pran­gert: Bei man­chen Prä­pa­ra­ten sei die Le­bens­ver­län­ge­rung um­strit­ten, die Prei­se aber ex­trem hoch.

Ich se­he das ent­spannt: Man darf die Phar­ma­in­dus­trie kri­ti­sie­ren, auch öf­fent­li­che For­schung. Mein Re­zept da­ge­gen ist Trans­pa­renz. In Ös­ter­reich weiß man nicht, was For­schung Gu­tes bringt, dass Pa­ti­en­ten, die in Stu­di­en sind, ex­zel­lent be­treut wer­den.

Lau­ter­bach wirft den Phar­ma­fir­men über­trie­be­ne Ent­wick­lungs­kos­ten vor, des­halb sei­en die Prä­pa­ra­te so teu­er.

Ich bin kein Me­di­zi­nöko­nom, aber die Ent­wick­lung ist nicht nur auf­grund der oft zi­tier­ten Raff­gier der In­dus­trie teu­er, son­dern weil wir in ei­nem über­re­gu­lier­ten Sys­tem for­schen, das durch das Si­cher­heits­be­dürf­nis der Men­schen ent­stan­den ist.

Lau­ter­bachs nächs­ter Haupt­vor­wurf: So gut wie al­le ent­schei­den­den Fort­schrit­te in der Krebs­for­schung stam­men nicht aus der von der Phar­ma­in­dus­trie fi­nan­zier­ten For­schung, son­dern von US-Unis, die mit öf­fent­li­chem Geld ar­bei­ten.

Das ist ag­gres­siv for­mu­liert, aber grund­sätz­lich nicht falsch. For­schungs­er­geb­nis­se kom­men aus aka­de­mi­schen Spit­zen­ein­rich­tun­gen. Gera­de in den USA stammt die For­schungs­fi­nan­zie­rung zu über 50 Pro­zent aus Steu­er­geld, in Eu­ro­pa sind es elf und in Ös­ter­reich nur ein Pro­zent. Es stimmt, dass die In­dus­trie nur be­stimm­te Sa­chen auf­greift, aber die Öf­fent­lich­keit ist nicht in der La­ge, Mil­li­ar­denin­ves­ti­tio­nen auf­zu­stel­len. Wir ma­chen ei­ne welt­wei­te ABCSG-Stu­die in Ko­ope­ra­ti­on mit ei­ner Phar­ma­fir­ma. Da­bei wird ei­ne drei­stel­li­ge Mil­lio­nen­sum­me be­wegt. Die­se Grö­ßen­ord­nung brin­gen staat­li­che Struk­tu­ren nicht zu­stan­de.

Die Ba­by­boo­mer-Ge­ne­ra­ti­on kommt in kri­ti­sche Al­ters­be­rei­che: Wird Krebs zu ei­ner Epi­de­mie? Die Hälf­te der zwi­schen 1950 und 1970 Ge­bo­re­nen soll an Krebs er­kran­ken.

Ja, wir wer­den äl­ter, das ist an und für sich er­freu­lich. Krebs wird häu­fi­ger wer­den, Ös­ter­reich wird da­bei aber nicht so schlimm be­trof­fen sein wie Schwel­len- oder Ent­wick­lungs­län­der. Aber die Er­kran­kung wird uns un­ter Druck set­zen und wir wer­den uns als Ge­sell­schaft ent­schei­den müs­sen: Wel­che Me­di­ka­men­te brin­gen et­was – und wie kön­nen wir wie sinn­brin­gend ein­set­zen? Aber: Kos­ten­her­aus­for­de­run­gen ent­ste­hen nicht nur durch Krebs, son­dern auch durch an­de­re Michael Gnant steht der ABCSG (Aus­tri­an­tri­an Bre­ast & Co­lo­rec­tal Can­cer Stu­dy Group)up) vor, das ist Ös­ter­reichs größ­te und be­kann­tes­te ntes­te aka­de­mi­sche For­schungs­or­ga­ni­sa­ti­on. n. Seit 1984 ha­ben mehr als 25.000 Pa­ti­en­ten en an ABCSG-Stu­di­en teil­ge­nom­men.

MICHAEL GNANT:

GNANT:

GNANT:

GNANT:

GNANT:

GNANT:

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.