Le­gen­den der Arm­se­lig­keit

Das neue Schau­spiel­haus­team be­schert sich mit Tank­red Dorsts „Mer­lin“ei­nen for­dern­den, aber ge­lun­ge­nen Ein­stand.

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR - UTE BAUMHACKL

Zu­ge­ge­ben, vier St­un­den sind re­la­tiv viel Le­bens­zeit. Aber gut zu­ge­brach­te bei die­sem „Mer­lin“am Gra­zer Schau­spiel­haus. Auch wenn das bei der Pre­mie­re am Don­ners­tag nicht je­der so ge­se­hen hat; da­von kün­de­ten et­li­che lee­re Plät­ze nach der Pau­se. Zu we­nig Sitz­fleisch? Oder doch sprach­lo­ser Pro­test selbst er­nann­ter Text­treu­e­wäch­ter? Denn wer um der Wort­macht des Dich­ters Tank­red Dorst wil­len ins Thea­ter ge­kom­men war, wur­de nicht gera­de über­ver­sorgt. Re­gis­seur Jan-Chris­toph Go­ckel, im Jahr nach der Urauf­füh­rung des Stücks (1981, Schau­spiel­haus Düsseldorf) ge­bo­ren, hat ei­ne Über­schrei­bung des Mo­nu­men­tal­dra­mas vor­ge­nom­men, die man drauf­gän­ge­risch oder schlicht an­ma­ßend fin­den kann; mit vie­len im­pro­vi­sier­ten Sze­nen, noch da­zu voll­ge­stopft mit al­lem Tra­ra, das der Thea­terap­pa­rat heu­te leis­ten muss, um die Auf­merk­sam­keits­span­ne sei­ner Zu­schau­er zu deh­nen: Pup­pen­spiel, Schau­spie­ler, die aus der Rol­le stei­gen, Tanz­ein­la­gen (z. B. ein moon­wal­ken­der Rit­ter – Kom­pli­ment an Ra­pha­el Muff), aus den Ku­lis­sen ge­zerr­te Tech­ni­ker und An­klei­de­rin­nen usw. Man kann das ner­vig fin­den; aber die­se Ins­ze­nie­rung ver­strömt auch ei­ne ner­vö­se Ener­gie, ei­ne über­dreh­te Ko­mik, die der In­ten­ti­on Dorsts viel­leicht doch ganz gut ent­spricht, auch wenn sie sei­nen grüb­le­ri­schen Grund­ton ab­ge­streift hat. Auf der Fo­lie von Ar­tus­sa­ge und Gral­ser­zäh­lung und vor dem ak­tu­el­len Hin­ter­grund von Flücht­lings­elend und Kri­sen­stim­mung ent­brei­tet sich auf der Büh­ne ei­ne Dys­to­pie, die den Men­schen als We­sen von arm­se­li­ger In­tel­li­genz und Lern­fä­hig­keit vor­führt. Go­ckel zeigt das oh­ne gro­ßen Be­trof­fen­heits­ges­tus, er wählt Bur­les­ke und Clow­ne­rie, um die be­kann­te The­se vom dün­nen Fir­nis der Zi­vi­li­sa­ti­on über der mensch­li­chen Bes­tia­li­tät vor­zu­tra­gen.

Glanz­voll auf­ge­spielt

Da­bei un­ter­stützt ihn nicht nur sein lang­jäh­ri­ger Com­pad­re, Pup­pen­spie­ler Michael Pietsch. Als Teu­fels­sohn Mer­lin, der mit­hil­fe sei­ner Zau­ber­kraft die Men­schen nicht „zum Bö­sen be­frei­en“, son­dern zum Gu­ten er­zie­hen will, schei­tert er im­mer wie­der an sei­nen Ver­suchs­ob­jek­ten. Durch­wegs in Mehr­fach­rol­len spie­len al­te und neue En­sem­ble­mit­glie­der glanz­voll auf – an­rüh­rend Evama­ria Sal­cher, Jan Fre­drik Hof­mann und Flo­ri­an Köh­ler im Lie­bes­drei­eck Gi­nev­ra – Ar­tus – Lan­ce­lot, Ju­lia Gräf­ner als stör­ri­scher Par­zi­val und Franz So­lar als sei­ne über­reiz­te Mut­ter Her­ze­lo­ide, Be­ne­dikt Gr­ei­ner als ödi­pa­ler Mor­d­red. Phä­no­me­nal das Büh­nen­bild von Ju­lia Kurz­weg: ein Mam­mut­baum, an dem un­ent­wegt ge­bohrt, ge­sägt, ge­ris­sen wird. Am En­de steht nur noch sein Stumpf, den­noch be­herrscht er die Büh­ne – ganz wie Dorsts Text. Ent­spre­chend ent­spannt lä­chelnd nahm der fast 90-jäh­ri­ge Au­tor auf der Büh­ne am En­de dann den lau­tes­ten Schluss­ap­plaus ent­ge­gen.

Jan Fre­drik Hof­mann: ein za­gen­der Ar­tus wird von Mer­lin (hier als Pup­pe, ge­führt von Michael Pietsch) zum Kö­nig ge­krönt. Wand­lungs­fä­hig: Ju­lia Gräf­ner (mit Ga­la­ha­dPup­pe)

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