ZUR PER­SON

Kleine Zeitung Steiermark - - | SONNTAGS-INTERVIEW -

Hans-Dietrich Gen­scher wur­de am 21. März 1927 in Hal­le ge­bo­ren. 1952 Flucht aus der DDR. Kar­rie­re: Seit 1952 FDP-Mit­glied, von 1965 bis 1998 Bun­des­tags-Ab­ge­ord­ne­ter, 1969 bis 1974 Bun­des­in­nen­mi­nis­ter, 1974 bis 1992 Au­ßen­mi­nis­ter. Das di­plo­ma­ti­sche Rin­gen um die Ein­heit Deutsch­lands ist mit sei­nem Na­men ver­bun­den. len oh­ne Be­dräng­nis. Dar­in liegt die Par­al­le­le. Der Un­ter­schied liegt in der da­ma­li­gen Auf­fas­sung. Na­tür­lich war es da­mals in Un­garn so, dass je­der wuss­te, dass die DDR-Bür­ger nicht in Un­garn blei­ben woll­ten. Sie woll­ten nach Deutsch­land, weil es Deut­sche wa­ren. Das ist jetzt nicht der Fall. Trotz­dem ist es na­tür­lich für den ein­zel­nen Be­trof­fe­nen das Glei­che.

Be­wegt Sie das per­sön­lich? Sie selbst sind 1952 aus Ih­rer Hei­mat­stadt Hal­le an der Saa­le in der DDR über West-Berlin in die Bun­des­re­pu­blik ge­flüch­tet. Sie spre­chen in Ih­rem neu­en Buch „Mei­ne Sicht der Din­ge“Ih­re ei­ge­ne Le­bens­ge­schich­te und die Ih­rer Frau an, die von der Flucht und ei­nem zer­ris­se­nen Deutsch­land und Eu­ro­pa ge­prägt ist. GEN­SCHER: Si­cher, na­tür­lich. Mei­ne Frau muss­te 1945 ih­re Hei­mat in Schle­si­en ver­las­sen. Ich ha­be et­was spä­ter mei­ne Hei­mat in der DDR ver­las­sen. Wir ken­nen ein sol­ches Schick­sal al­so genau. Auch die Grün­de, die Men­schen da­zu ver­an­las­sen, ei­ne nicht ein- fa­che Ent­schei­dung wenn man in ein Schick­sal geht.

Sie wid­men dem Na­hen Os­ten ei­nen gro­ßen Raum in Ih­rem Buch. Die Flucht­be­we­gung ist das Er­geb­nis des Ara­bi­schen Früh­lings und des Zu­sam­men­bruchs dik­ta­to­ri­scher Struk­tu­ren, die auch vom Wes­ten über Jahr­zehn­te hin­ge­nom­men wur­den. Hat der Wes­ten, hat Deutsch­land die Si­tua­ti­on dort falsch ein­ge­schätzt? GEN­SCHER: Nicht aus deut­scher Sicht. Die Ent­wick­lung be­ginnt viel frü­her mit der Ko­lo­ni­al­ge­schich­te und auch spä­ter mit der Grenz­zie­hung und auch mit dem Hin­ein­wir­ken frem­der Mäch­te in die Re­gi­on.

Die Flucht ist auch das Er­geb­nis zwei­er Krie­ge in die­ser Re­gi­on, in die der Wes­ten in­vol­viert war, und ei­nes ak­tu­el­len Krie­ges, in dem der Wes­ten kei­ne Ant­wort hat. Ha­ben der Wes­ten und die deut­sche Au­ßen­po­li­tik über Jahr­zehn­te ei­ne fal­sche Stra­te­gie ge­gen­über der is­la­mi­schen Welt ver­folgt? GEN­SCHER: Wir ha­ben uns über­all be­müht, die Kräf­te zu stär­ken, die zu tref­fen, un­ge­wis­ses für ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ent­wick­lung ein­tre­ten. Ich glau­be auch, dass man ins­ge­samt im Mitt­le­ren und Na­hen Os­ten da­für ein­tre­ten muss, dass die­ses Ge­biet nicht mit Waf­fen voll­ge­stopft wird. Son­dern im Ge­gen­teil al­les da­für tut, ei­ne fried­li­che Ent­wick­lung zu er­mög­li­chen.

Ha­ben Sie als Au­ßen­mi­nis­ter dar­auf ge­drängt, dass man sich mit Waf­fen­ver­käu­fen zu­rück­hält? GEN­SCHER: Ja. Ich ha­be mehr­mals mit der deut­schen Bun­des­re­gie­rung ver­hin­dert, dass der be­gehr­te deut­sche Kampf­pan­zer Leo II nicht nach Sau­di-Ara­bi­en ge­lie­fert wor­den ist. Zwei­mal ha­ben Bun­des­kanz­ler ei­ne Zu­sa­ge ge­macht, die ich dann auf­ge­hal­ten ha­be. Weil ich ge­sagt ha­be, wir stel­len nicht Waf­fen zur Ver­fü­gung, mit de­nen frei­heit­li­che Be­we­gun­gen un­ter­drückt wer­den kön­nen. Es gab da­mals ei­ne gol­de­ne Re­gel, die ich ver­wen­det ha­be: Al­les, was schwimmt, geht. Das heißt: Wenn ich ein Schnell­boot ver­kau­fe, dann kann man da­mit kei­ne Mas­sen­de­mons­tra­ti­on auf­hal­ten.

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