Des Kanz­lers neue An­sicht

Der His­to­ri­ker Gregor Schöll­gen hat die ers­te wis­sen­schaft­li­che Bio­gra­fie des deut­schen Kanz­lers Ger­hard Schrö­der ver­fasst. Es ist ein tie­fer Ein­blick in das Le­ben und ist gut für Über­ra­schun­gen.

Kleine Zeitung Steiermark - - TRIBÜNE - I NGO HASEWEND

An­ge­la Mer­kel hat es sich nicht neh­men las­sen, die Bio­gra­fie ih­res Vor­gän­gers Ger­hard Schrö­der per­sön­lich zu prä­sen­tie­ren. Sie nimmt schließ­lich ei­ne schick­sal­haf­te Rol­le ein. Weil sie es war, die den So­zi­al­de­mo­kra­ten am 18. Sep­tem­ber 2005 aus dem Kanz­ler­amt ka­ta­pul­tier­te, da­mit ei­nen un­ge­wöhn­li­chen, wenn nicht bei­spiel­haf­ten deut­schen Kar­rie­re­weg be­en­de­te und dann „Schrö­ders tes­to­ste­ro­ne Ex­plo­si­on“bei der le­gen­dä­ren Ele­fan­ten­run­de in ARD und ZDF mit­er­leb­te, wie es Bio­graf Gregor Schöll­gen be­schreibt. Doch nicht sie per­sön­lich ist der Grund für die Ex­plo­si­on an die­sem Wahl­abend, son­dern die „über Wo­chen an­ge­stau­te Span­nung“. Es ist „die an­ge­stau­te Wut über die kon­zer­tier­te Me­di­en­kam­pa­gne“, weil Schrö­der „den Chef­re­dak­teu­ren von ARD und ZDF stell­ver­tre­tend für die ge­sam­te Me­di­en­zunft“vor­hält, „mit Hoch­rech­nun­gen Wahl­kampf ge­macht zu ha­ben“. Al­ko­hol, so räumt der His­to­ri­ker mit ei­nem Ge­rücht auf, war je­den­falls nicht im Spiel.

Schöll­gen hat die ers­te wis­sen­schaft­li­che Bio­gra­fie über den drit­ten SPD-Kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik ver­fasst. Auf viel Raum span­nend be­schrie­ben und mit zahl­rei­chen un­be­kann­ten De­tails aus dem po­li­ti­schen Le­ben und von kom­pli­zier­ten Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­sen, de­nen Schrö­der ent­stamm­te. Sie un­ter­stüt­zen den Ein­druck, aus die­sem Mi­lieu kommt man nur mit ei­ser­nem Wil­len und gro­ßem Macht­in­stinkt bis ins Kanz­ler­amt.

Da­für hat­te der His­to­ri­ker voll um­fas­sen­den Zu­gang zu den Ak­ten je­nes Man­nes, der mit sei­ner „Agen­da 2010“Deutsch­land um­fas­send wirt­schafts­po­li­tisch re­for­miert hat. Er sprach zu­dem aus­führ­lich mit vie­len Weg­ge­fähr­ten Schrö­ders, was dem Bild ei­ne aus­ge­wo­ge­ne No­te ver­leiht. Ob­wohl Schrö­der schon vor­her aus­ge­leuch­tet wirk­te, bie­tet die Bio­gra­fie ei­ni­ge Über­ra­schun­gen – Über­ra­schun­gen, für die Schrö­der schon wäh­rend sei­nes po­li­ti­schen Han­delns be­kannt war. Und die Bio­gra­fie kommt eben­so hemds­är­me­lig da­her. Vor al­lem bei den De­tails über sei­ne Her­kunft. Schöll­gen greift da­für ein be­rühm­tes Zi­tat auf: Schrö­der woll­te da raus, um dann am Kanz­ler­amts­zaun rüt­teln zu kön­nen und dort zu ru­fen: „Ich will hier rein!“

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