Die fei­ne ro­te Li­nie

Der eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­ge­richts­hofs setzt dem An­spruch von Re­li­gi­on in ei­nem Ur­teil Gren­zen. Da­mit fes­ti­gen die Rich­ter die Grund­la­ge un­se­res Zu­sam­men­le­bens.

Kleine Zeitung Steiermark - - MEINUNGEN 11 - Götz Tho­mas tho­mas.goetz@klei­ne­zei­tung.at

Dass der Staat und sei­ne de­mo­kra­tisch ge­wähl­ten Ge­setz­ge­bungs­or­ga­ne die Re­geln für das Zu­sam­men­le­ben for­mu­lie­ren, nicht die Re­li­gi­on, ist kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich. We­der gilt der Satz übe­r­all noch hat er bei uns im­mer ge­gol­ten. Sei­ne Durch­set­zung war die Fol­ge jahr­hun­der­te­lan­ger geis­ti­ger und phy­si­scher Kämp­fe, von Kri­sen und zer­brech­li­chen Kom­pro­mis­sen.

Im Fall ei­ner Schwei­zer Fa­mi­lie tür­ki­scher Her­kunft, die ih­re Toch­ter un­ter Hin­weis auf den mus­li­mi­schen Glau­ben nicht zum ge­misch­ten Schwimm­un­ter­richt der Schu­le las­sen woll­te, hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te nun die­sen Grund­satz be­kräf­tigt. Die Be­ru­fung auf die Re­li­gi­on ge­nü­ge nicht, um die Teil­nah­me am Un­ter­richt zu ver­wei­gern. Die Schu­le sei ein Ort der so­zia­len In­te­gra­ti­on ins­be­son­de­re von Kin­dern aus­län­di­scher Her­kunft, be­schied das Ge­richt. Se­pa­ra­ti­on beim Schwim­men aber för­dert die Ab- und Aus­gren­zung auch in an­de­ren Le­bens­be­rei­chen, un­ter­stel­len die Rich­ter da­mit.

Die Ent­schei­dung wird Schul­be­hör­den den Rü­cken stär­ken, die auch in un­se­rem Land im­mer wie­der mit ähn­li­chen An­sin­nen kon­fron­tiert sind. Das Grund­satz­ur­teil be­harr­lich um­zu­set­zen, den Be­trof­fe­nen sei­nen Sinn zu er­klä­ren und da­für zu wer­ben, wird trotz­dem nicht ein­fach sein. Ein Ur­teil schafft ja Vor­be­hal­te nicht ein­fach aus der Welt. Dem Kon­flikt an die­sem Punkt aus­zu­wei­chen, ver­schiebt ihn aber nur auf spä­ter.

Auch der Streit um Kopf­tü­cher im öf­fent­li­chen Dienst, bei Leh­re­rin­nen und Rich­te­rin­nen, ver­misst die­se dün­ne ro­te Li­nie zwi­schen den An­sprü­chen von Re­li­gi­on und Staat. In die­sem Fall zeigt sich, dass wir selbst die Tren­nung der Be­rei­che nur un­voll­stän­dig voll­zo­gen ha­ben. Die Vi­ze­prä­si­den­tin der Rich­ter­ver­ei­ni­gung, Sa­bi­ne Ma­te­j­ka, be­zwei­felt im heu­ti­gen „Stan­dard“, dass ein Kopf­tuch­ver­bot in ih­rem Wir­kungs­be­reich mög­lich sei, oh­ne zu­gleich die Sym­bo­le an­de­rer Re­li­gio­nen

Jaus den Ge­richts­sä­len zu ent­fer­nen. Ma­te­j­ka geht so­gar so weit, auch An­steck­na­deln ver­ban­nen zu wol­len, die po­li­ti­sche Prä­fe­ren­zen ih­rer Trä­ger er­ken­nen las­sen.

Tat­säch­lich schei­nen die Kreu­ze in Ge­richts­sä­len ei­nen Rest von Miss­trau­en ge­gen­über der Trag­fä­hig­keit staat­lich ge­setz­ten Rechts aus­zu­drü­cken. Ir­gend­wie selt­sam wirkt die Ab­bil­dung des Lei­dens­man­nes in Räu­men, in de­nen um welt­li­che Ge­rech­tig­keit ge­run­gen wird. Die Rin­gen­den mö­gen in ih­rem per­sön­li­chen Le­ben Maß an Chris­tus neh­men oder nicht, es be­ein­flusst die Gül­tig­keit ih­rer Ur­tei­le nicht. us­tiz­mi­nis­ter Wolf­gang Brand­stet­ter ar­gu­men­tiert, in un­se­rer christ­li­chen Kul­tur sei man Kreu­ze ge­wöhnt, da­her hät­ten sie kei­nen „Auf­fäl­lig­keits­wert“im Ge­richt. Das ist ein schwa­ches Ar­gu­ment, weil es den Sta­tus quo mit dem Sta­tus quo ver­tei­digt.

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Is­lam wird uns zwin­gen, al­te, schein­bar end­gül­tig be­ant­wor­te­te Fra­gen neu zu stel­len und vi­el­leicht auch an­ders zu be­ant­wor­ten als ge­wohnt. Das muss nicht schlecht sein.

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