Kern er­teilt al­ten Re­zep­ten Ab­sa­ge

In der ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­hoch­burg Wels leg­te SPÖ-CHEF Chris­ti­an Kern ei­nen Mas­ter­plan für Ös­ter­reich vor.

Kleine Zeitung Steiermark - - THEMA DES TAGES - Von Micha­el Jung­wirth, Wels

Die Ins­ze­nie­rung er­in­ner­te mehr an Oba­ma als an Ös­ter­reich. Wie bei ei­nem Box­kampf mar­schier­te Chris­ti­an Kern in die Are­na, hef­tig be­klatscht von mehr als 1500 Zu­se­hern, die links, rechts und hin­ter der kreis­run­den Büh­ne auf den Tri­bü­nen Platz ge­nom­men hat­ten. In der Mit­te der Büh­ne ein ein­sa­mes Pult, wo die Notizen aus­ge­brei­tet la­gen. Mehr als 100 Mi­nu­ten lang brei­te­te Kern hier in Wels sei­nen um­fang­rei­chen „Plan für Ös­ter­reich“, sei­nen „Plan A“aus. Die meis­te Zeit sprach der Bun­des­kanz­ler frei, in den letz­ten Ta­gen soll er mehr­fach im Kanz­ler­amt sei­nen Auf­tritt vor Sta­tis­ten ge­probt ha­ben. Fünf Ka­me­ras sorg­ten da­für, dass der Kanz­ler im­mer ka­me­rataug­lich auf dem über­di­men­sio­nier­ten Bild­schirm er­schien. Ei­ne gu­te Ins­ze­nie­rung ist schon die hal­be Mie­te.

Die Re­de war weit mehr als der von den meis­ten Par­tei­en rou­ti­ne­haft ri­tua­li­sier­te po­li­ti­sche Jah­res­auf­takt: Kern leg­te ein um­fas­sen­des Pro­jekt zum Um­bau Ös­ter­reichs vor. Dass dies in Wels über die Büh­ne ging, ist wahr­lich kein Zu­fall: Im Herbst 2015 er­ober­ten die Frei­heit­li­chen in der einst stol­zen Ar­bei­ter­hoch­burg nach sieb­zig­jäh­ri­ger ro­ter Herr­schaft das Rat­haus. Sei­ne Re­de be­gann Kern mit ei­ner be­acht­li­chen Ent­schul­di­gung bei den Spöwäh­lern. „Vie­le von euch ha­ben uns den Rü­cken ge­kehrt, weil sie das Ge­fühl hat­ten, das Land ent­wick­le sich nicht in die rich­ti­ge Rich­tung. Dass ihr euch ab­ge­wen­det habt, ist nicht eu­re Schuld, es ist un­se­re Schuld. Ich will mich für die Ent­täu­schun­gen ent­schul­di­gen.“

Um sei­ne Vor­stel­lun­gen den Men­schen an­schau­li­cher dar­zu­le­gen, prä­sen­tier­te Kern bei sei­ner Tour d’ho­ri­zon im­mer wie­der ein­zel­ne Le­bens­schick­sa­le – sehr nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild. Bis­wei­len wirk­ten die­se Kurz­por­träts von Li­sa oder Re­né et­was künst­lich, un­ös­ter­rei­chisch. The­ma­tisch roll­te Kern in Wels al­ler­dings kein rein lin­kes, klas­si­sches Spö-kon­zept vor, der SPÖCHEF brach auch mit ro­ten Ta­bus und mach­te auch schwar­zen, grü­nen, pin­ken Wäh­lern ein An­ge­bot – et­wa bei Selbst­stän­di­gen und Ein­per­so­nen­un­ter­neh­men. Dem Geis­te der SPÖ ent­spra­chen et­wa sei­ne Vor­schlä­ge zur An­he­bung des Min­dest­lohns auf 1500 Eu­ro, die Ar­beits­ga­ran­tie für Be­schäf­tig­te über 50, die Ab­schaf­fung des Selbst­be­halts für Selbst­stän­di­ge beim Arzt­be­such, der Gra­tis­kin­der­gar­ten für Ein- bis Sechs­jäh­ri­ge, Gra­tis-ta­blets für al­le Schü­ler (in Fort­set­zung der Kreis­ky’schen Gra­tis­schul­bü­cher), die Ein­füh­rung von Erb­schafts- und Ver­mö­gens­steu­ern ab ei­ner Mil­li­on Eu­ro so­wie die Ab­schaf­fung des Pfle­ge­re­gres­ses.

Gleich­zei­tig sprang Kern auch über den ro­ten Tel­ler­rand. „Die Fra­gen der Zu­kunft kön­nen nicht mit den Re­zep­ten der Ver­gan­gen­heit be­ant­wor­tet wer­den.“So kann er sich vor­stel­len, dass die SPÖ nun doch die For­de­rung von ÖVP und Wirtschaft nach Ein­füh­rung ei- nes 12-St­un­den-ar­beits­ta­ges zu­stimmt. Der SPÖ-CHEF kann sich auch Zu­gangs­re­geln an Uni­ver­si­tä­ten vor­stel­len, die Lohn­ne­ben­kos­ten soll­ten deut­lich um drei Mil­li­ar­den ge­senkt wer­den. Ganz ge­ne­rell leg­te er ein Be­kennt­nis zu ei­ner Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung der Ver­wal­tung ab – und ging da­bei auf den Brand­schutz ein, der durch 13 Ge­set­ze, mehr als 40 Ver­ord­nun­gen und 493 Nor­men ge­re­gelt ist. „80 Pro­zent der Re­geln stam­men aus ei­ner Zeit, wo die ak­tu­el­len Be­ru­fe noch gar nicht exis­tiert ha­ben.“Der Wel­ser Re­de wur­de auch ei­ne mehr als 140-sei­ti­ge Bro­schü­re bei­ge­legt.

Zum Schluss ging er dann mit be­son­de­rer Ernst­haf­tig­keit auf die Flücht­lings­the­ma­tik und die Zu­wan­de­rung auf. Zwar leg­te Kern ein Be­kennt­nis zu ei­nem hu­ma­nen Um­gang mit Flücht­lin­gen ab, gleich­zei­tig er­klär­te er: „Un­se­re Auf­nah­me­fä­hig­keit hat Gren­zen.“Au­ßer­dem er­teil­te er dem Auf­kom­men von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten („wenn Mäd­chen nicht zum Schwimm­un­ter­richt ge­hen dür­fen“) ei­ne kla­re Ab­sa­ge. „Im Na­men der To­le­ranz ha­ben wir In­to­le­ranz nicht zu to­le­rie­ren.“Aus­drück­lich lob­te er Po­li­zei, Ge­heim­diens­te, Bun­des­heer, den Grenz­schutz.

Für das Fi­na­le hob sich Kern die ra­di­kals­te For­de­rung auf: „Wir müs­sen un­ser po­li­ti­sches Sys­tem re­no­vie­ren und über­ho­len.“Zu die­sem Zweck brach er ei­ne Lan­ze für ein Mehr­heits­wahl­recht. Je­ne Par­tei, die bei der Wahl auf Platz eins lan­det, soll­te au­to­ma­tisch den Kanz­ler stel­len dür­fen. Die Wel­ser Hal­le wur­de zur Are­na Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern

Wir müs­sen wissen, dass die Auf­nah­me­fä­hig­keit un­se­rer Ge­sell­schaft Gren­zen hat.

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