LEIT­AR­TI­KEL Vir­tu­os, nicht als Kanz­ler

Chris­ti­an Kern leg­te in Wels ei­nen vir­tuo­sen Auf­tritt hin. Kern schwebt ein Mix aus star­kem und schwa­chem Staat vor. Der Auf­tritt hat­te ei­nen klei­nen Schön­heits­feh­ler.

Kleine Zeitung Steiermark - - MEINUNGEN 13 - Micha­el Jung­wirth micha­el.jung­wirth@klei­ne­zei­tung.at

Es war ein ful­mi­nan­ter Auf­tritt, den Chris­ti­an Kern ges­tern in Wels hin­leg­te. Mehr als 100 Mi­nu­ten lang roll­te er in frei­er, wenn auch sicht­lich ein­stu­dier­ter Re­de sei­nen Mas­ter­plan für Ös­ter­reich aus. In sei­ner Tour d’ho­ri­zon streif­te Kern fast al­le po­li­ti­schen Be­rei­che und leg­te den Ös­ter­rei­chern ein An­ge­bot für den To­tal­um­bau der Re­pu­blik vor. Sol­che weit­rei­chen­den kon­zep­tio­nel­len Über­le­gun­gen, über die man im De­tail hef­tigst strei­ten kann und die bei Wei­tem nicht al­le aus­ge­go­ren sind, hat­te man bei Kerns Vor­gän­ger jah­re­lang ver­misst.

Der gro­ße Schön­heits­feh­ler der gan­zen Übung: Mit der ÖVP war kein ein­zi­ger Punkt ab­ge­spro­chen. Kern trat ges­tern als SPÖ-CHEF vir­tu­os und gran­di­os auf, nicht als Bun­des­kanz­ler und Re­gie­rungs­chef. Statt Über­le­gun­gen über ei­nen To­tal­um­bau des Lan­des meis­ter­haft in­sze­niert an­zu­stel­len – wie ges­tern in der eins­ti­gen Ar­bei­ter­hoch­burg ge­sche­hen –, wä­re Kern nicht bes­ser be­ra­ten ge­we­sen, sich in stil­ler Klau­sur mit dem Ko­ali­ti­ons­part­ner zu be­ra­ten, um in ei­nem über­ra­schen­den Coup ganz kon­kre­te Vor­schlä­ge über ei­nen Um­bau vor­zu­le­gen? Die dann auch post­wen­dend um­ge­setzt wer­den? Al­so nicht Theo­rie und Vi­si­on, son­dern hand­fes­te kon­kre­te Vor­schlä­ge? Wor­auf war­ten, lau­te­te das Mot­to der Ver­an­stal­tung. Wor­auf die Ös­ter­rei­cher war­ten, ist hand­fes­te Po­li­tik.

Der Ver­dacht liegt na­he, dass in Wels der Auf­takt zum ro­ten Vor­wahl­kampf fiel – und im 200 Ki­lo­me­ter wei­ter öst­lich ge­le­ge­nen Pöllauberg, wo die ÖVP tag­te, der Start­schuss zum schwar­zen Wahl­kampf. Die spek­ta­ku­lä­re Hal­bie­rung der Ober­gren­ze auf 17.500 war eben­so we­nig mit dem Ko­ali­ti­ons­part­ner ab­ge­spro­chen. Mit ih­rem gest­ri­gen Vor­stoß ver­folg­te die Volks­par­tei auch den Zweck, der SPÖ bei der ge­plan­ten Rück­ho­lung in den letz­ten Jahr­zehn­ten ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Ge­nos­sen Prü­gel zwi­schen die Bei­ne zu wer­fen. Die Hal-

Wbie­rung der Ober­gren­ze auf 17.500 fin­det bei ehe­ma­li­gen Ge­nos­sen wo­mög­lich mehr Zu­spruch als so man­ches De­tail der Kern-re­de.

Ideo­lo­gisch leg­te der SPÖCHEF ei­nen Mix vor – aus klas­si­schen Spö-for­de­run­gen (Ver­mö­gens­steu­er, Gra­tis-kin­der­gar­ten von eins bis sechs) und ket­ze­ri­schen Vor­schlä­gen (Zu­gangs­re­geln auf Uni, 12 St­un­den Ar­beits­zeit), auch ei­nen Mix aus star­kem Staat und schlan­kem Staat. Auf der letz­ten Sei­te der ins­ge­samt 140 Sei­ten um­fas­sen­den Bro­schü­re wur­de aus­ge­wie­sen, dass al­le auf­ge­lis­te­ten Vor­schlä­ge dem Staat kei­nen zu­sätz­li­chen Eu­ro kos­ten, al­le Mehr­aus­ga­ben durch Ein­spa­run­gen kom­pen­siert sind. Die­se The­se be­darf in je­dem Fall noch ei­ner ein­ge­hen­den Prü­fung. ie lan­ge die Ko­ali­ti­on noch hält, weiß nie­mand. Die SPÖ, in ge­wis­ser Wei­se auch die ÖVP, hat ges­tern Pf­lö­cke für den Wahl­kampf ein­ge­schla­gen. Scha­de, dass bei­de nicht mehr be­reit sind, eben­so viel Hirn­schmalz für die Ar­beit in der Re­gie­rung auf­zu­brin­gen wie für die Pro­fi­lie­rung der ei­ge­nen Par­tei.

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