„Vie­le ha­ben das Zu­hö­ren ver­lernt“

Mit der Lei­tung der Dis­kus­si­ons­sen­dung „Im Zen­trum“im ORF er­füllt sich für die Stei­re­rin Clau­dia Rei­te­rer (48) heu­te Abend ein Le­benstraum.

Kleine Zeitung Steiermark - - INTERVIEW - Von Chris­toph St­ei­ner

Miss­er­folgs­quo­te ver­dop­pelst – zu­min­dest ist das ei­ne The­se aus der Wis­sen­schaft. Wer nichts macht, macht kei­ne Feh­ler. Aber das ist für mich nicht er­stre­bens­wert.

Zu­se­her, die sich bei uns te­le­fo­nisch oder schrift­lich mel­den, be­kla­gen oft die man­geln­de Ge­sprächs­kul­tur bei „Im Zen­trum“und ver­wei­sen ger­ne auf Talk­shows in ARD und ZDF, in de­nen es ge­sit­te­ter zu­gin­ge. Ver­ste­hen Sie die­sen Un­mut? Den ver­ste­he ich, aber an der Ge­sprächs­kul­tur sind na­tür­lich al­le be­tei­ligt. Die Gäs­te kom­men mit ei­nem völ­lig an­de­ren Ziel als dem, das ich als Mo­de­ra­to­rin ha­be. Das zu­sam­men­zu­füh­ren, ist die Kunst der Dis­kus­si­on. Ich möch­te künf­tig we­ni­ger Gäs­te ha­ben – vier bis fünf. Dass auf­grund der Par­tei­en­land­schaft sechs Dis­ku­tan­ten im Stu­dio sit­zen, soll eher die Aus­nah­me sein. Vie­le von uns ha­ben das Zu­hö­ren ver­lernt.

In deut­schen Dis­kus­si­ons­sen­dun­gen wird of­fen­kun­dig mehr zu­ge­hört und man lässt das Ge­gen­über zu­meist auch aus­re­den. Frank Elst­ner hat­te in sei­ner Talk­show et­wa 5000 Gäs­te und ich frag­te ihn ein­mal nach dem klügs­ten Satz, den er im Lau­fe der Jah­re zu hö­ren be­kom­men hat­te. Er zi­tier­te den Phi­lo­so­phen Hans-ge­org Ga­da­mer, der ge­sagt hat: „Der an­de­re könn­te recht ha­ben.“Der Satz ist so schön und er hat mich auch pri­vat er­wischt. Was wir der­zeit ha­ben, ist das Ge­gen­teil, näm­lich die Spal­tung von Ge­sell­schaft und Po­li­tik. Wir wol­len nur mehr un­se­re Ar­gu­men­te trom­meln und das im­mer lau­ter, wes­halb wir gar nicht mehr zu­hö­ren, ob nicht die Ar­gu­men­te des an­de­ren auch et­was für sich ha­ben. Wir müs­sen von die­sem Schwarz-weiß-den­ken wie­der weg­kom­men. Das gan­ze Le­ben ist ei­ne ein­zi­ge Grau­schat­tie­rung in al­len Nuan­cen.

Glau­ben Sie, dass es Ih­nen ge­lin­gen wird, die Dis­zi­plin in „Im Zen­trum“zu ver­bes­sern? Das wä­re ganz ver­mes­sen, wenn ich sa­gen wür­de, dass ich es schaf­fe. Denn es hängt nicht nur von mir, son­dern auch von der Ein­stel­lung der Gäs­te ab. Zu­hö­ren und ver­su­chen die Per­spek­ti­ve der an­de­ren ein­zu­neh­men – das ist die Ein­stel­lung, mit der man als Mo­de­ra­to­rin wie auch als Gast in die Sen­dung ge­hen soll­te.

Wer­den Sie und Ihr Team es schaf­fen, mehr Frau­en in die Sen­dung ein­zu­la­den? Wir wol­len die bes­ten Gäs­te, aber wir müs­sen uns nach der De­cke stre­cken. Bei den Frau­en ist es er­fah­rungs­ge­mäß häu­fig so: Wir fra­gen an, die Da­me fragt, wor­um es geht, und sagt Nein. Bei ei­nem Mann fra­gen wir an, er sagt so­fort zu und fragt erst da­nach, wor­um es geht. Ich bit­te je­de Frau, die wir an­ru­fen, so­fort Ja zu sa­gen. Wir sind aber ei­ne po­li­ti­sche Talk­sen­dung und sä­ßen in den höchs­ten po­li­ti­schen Po­si­tio­nen mehr Frau­en, hät­ten wir kein Pro­blem mit der Quo­te. Auch die Po­li­tik ist ge­for­dert, dass mehr Frau­en in Spit­zen­po­si­tio­nen vor­han­den sind.

Ist der Pool an in­ter­es­san­ten Dis­ku­tan­ten in Ös­ter­reich nicht sehr klein? Ei­gent­lich sind oft die­sel­ben Po­li­ti­ker und die­sel­ben Ex­per­ten zu Gast. Oder ist der Drang vor die Ka­me­ra nur bei sehr we­ni­gen Ex­per­ten stark aus­ge­prägt? Das mit den Po­li­ti­kern stimmt, so­lan­ge die­se in ih­rer Funk­ti­on sind. Die Ex­per­tin­nen- und Ex­per­ten­run­de will ich aber er­wei­tern und im­mer wie­der auch mit neu­en Gäs­ten über­ra­schen.

Wie soll denn das Fa­zit der Zu­se­her heu­te um 23 Uhr aus­se­hen? Er­fri­schend, in­ter­es­sant, die ei­ne oder an­de­re neue Er­kennt­nis, und ich schal­te am nächs­ten Sonn­tag wie­der ein.

Was ent­geg­nen Sie der Kri­tik der FPÖ, die ge­meint hat, Ih­re neue Auf­ga­be sei mit der Po­si­ti­on ih­res Ehe­man­nes Lothar Lockl, Alex­an­der Van der Bel­lens Wahl­kampf­ma­na­ger, un­ver­ein­bar? Her­bert Kickl hat in der be­sag­ten Aus­sen­dung ge­schrie­ben, ich sei ei­ne „pro­fes­sio­nel­le Jour­na­lis­tin“und da hat er ein­fach recht. Ich wer­de mit al­len Gäs­ten pro­fes­sio­nell um­ge­hen – egal von wel­cher Par­tei.

Wie wich­tig war es Ih­nen bis­her, die Sonn­ta­ge mit Ih­rer Fa­mi­lie zu ver­brin­gen? Die­se Fra­ge wird lei­der, lei­der kei­nem Mann ge­stellt, der in der Öf­fent­lich­keit steht, und erst, wenn die Män­ner das auch im­mer be­ant­wor­ten müs­sen, dann bin ich wie­der da­zu be­reit. Noch bes­ser wä­re es, Kran­ken­schwes­tern, Kell­ne­rin­nen, Kö­che, Po­li­zis­tin­nen zu fra­gen, wie sie das ma­na­gen. Da gä­be es für die Po­li­tik si­cher et­was zu tun.

Stimmt es, dass ge­gen Sie zwei­mal ein Mo­de­ra­ti­ons­ver­bot ver­hängt wur­de? Ja, das ei­ne Mal wur­de ich von ei­ner Mo­de­ra­ti­on des „Re­port“von der da­ma­li­gen Ge­ne­ral­di­rek­to­rin Mo­ni­ka Lind­ner ab­ge­setzt, weil ich mei­ne Haa­re nicht schnei­den woll­te, und das zwei­te Mal nach ei­ner „Pres­se­stun­de“, weil ich nach mei­ner Ka­renz zu vie­le Ki­los auf mei­ner Hüf­te hat­te.

Im Ma­ga­zin „News“heißt es, mit der Mo­de­ra­ti­on von „Im Zen­trum“gin­ge ein Le­benstraum für Sie in Er­fül­lung. Stimmt das? Ja, das ist so.

Dann ha­ben Sie sich jahr­zehn­te­lang auf den heu­ti­gen Abend vor­be­rei­tet? Ja. Ab dem Zeit­punkt, ab dem es die­se Sen­dun­gen ge­ge­ben hat, woll­te ich so et­was be­ruf­lich ma­chen. Und so­bald es in der Schu­le oder an der Uni­ver­si­tät dar­um ging zu dis­ku­tie­ren, ha­be ich mich im­mer so­fort für die Lei­tung ge­mel­det. Man darf aber auch die ein­ein­halb Jah­re in der Dis­kus­si­ons­sen­dung „Be­trifft“vor un­ge­fähr 16 Jah­ren nicht ver­ges­sen. Am An­fang lei­te­te ich die Sen­dung zu­sam­men mit Jo­han­nes Fi­scher, spä­ter ha­be ich auch ein paar al­lein be­strit­ten. Da­mals dach­te ich schon: Puh, das ist ei­gent­lich ei­ne Kö­nigs­dis­zi­plin, mit der ei­ne Mo­de­ra­ti­ons­lauf­bahn auf­hört und nicht be­ginnt. Es war zwar wahn­sin­nig schwie­rig, aber ich ha­be so­fort ge­merkt, das ist meins.

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