Netz­wer­ker oh­ne star­ke Sprü­che

Mit Fleiß und un­auf­fäl­li­ger Ge­las­sen­heit lenkt Jo­sef Pes­serl die stei­ri­sche Ar­bei­ter­kam­mer. Der 60-Jäh­ri­ge molk einst Kü­he und ern­te­te mit blo­ßen Hän­den Erd­äp­fel und Ge­trei­de.

Kleine Zeitung Steiermark - - STEIERMARK -

STEI­RER DES TA­GES. schen Dorf Wu­schan auf, der Va­ter war Berg­mann im Karls­schacht, muss­te aber nach ei­nem Ar­beits­un­fall sein Aus­kom­men als Kleinst­land­wirt fin­den. Es wa­ren ärm­lichs­te Ver­hält­nis­se – „zum Über­le­ben zu klein, zum Ver­hun­gern zu groß“, sagt Pes­serl. Er und zwei Ge­schwis­ter teil­ten sich ein Zehn-qua­drat­me­ter-zim­mer, das WC war ne­ben dem Haus, 50 Me­ter Fuß­weg im Frei­en. An Fließ­was­ser war nicht zu den­ken – die ers­ten 17 Jah­re sei­nes Le­bens hol­te Pes­serl das Was­ser vom Pump­brun­nen im Hof. Als der elek­tri­sche Strom kam, war er vier, da­vor wur­de mit Pe­tro­le­um­lam­pen be­leuch­tet.

Volks­schu­le, Haupt­schu­le, Po­ly­tech­ni­kum – das hat er mehr oder we­ni­ger ab­ge­ses­sen. Die Mecha­ni­ker­leh­re mach­te er nicht aus Be­ru­fung, son­dern als kleins­ten Nen­ner – die Hälf­te al­ler Bu­ben wähl­te die­sen Weg. „Schu­le war nichts Wich­ti­ges“, ge­steht der Kam­mer­prä­si­dent ein und lie­fert die plas­ti­sche Er­klä­rung gleich mit: „Ich hat­te wirk­lich an­de­re Sor­gen. Ich ha­be mit der Sen­se das Gras ge­mäht, die Kü­he ge­mol­ken, mit blo­ßen Hän­den Ku­kuruz ge­brockt, Erd­äp­fel aus­ge­gra­ben und Ge­trei­de ge­ern­tet.“

Und doch wa­ren das prä­gen­de Jah­re. Er ha­be da­mals er­lebt, „dass sich teil­wei­se die Men­schen ge­gen­sei­tig das Le­ben schwer ma­chen“. Dies ha­be ihn zur Ge­werk­schafts­be­we­gung ge­bracht. Wo­bei er lan­ge brauch­te, um in die Po­li­tik zu fin­den: Nach dem Lehr­ab­schluss folg­ten mehr als zehn Jah­re, in de­nen Pes­serl als Hilfs­ar­bei­ter, Schicht­ar­bei­ter, Fahr­ver­käu­fer, Lkw-fah­rer so­wie Bus- und Stra­ßen­bahn­chauf­feur jobb­te. So­zu­sa­gen ein Trai- durch die Wirk­lich­keit der Ar­beits­welt. Bes­ser kann sich ein Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter nicht vor­be­rei­ten.

Bei der Wä­sche­rei Habs­burg (heu­te Me­wa) hat­te er dann sein ers­tes Be­triebs­rats­man­dat, die Aus­ein­an­der­set­zung sei „un­glaub­lich in­ten­siv“ge­we­sen. Erst 1989, mit 32 Jah­ren, wech­sel­te er haupt­be­ruf­lich in die Tex­til­ge­werk­schaft, wur­de bald in den pa­ri­tä­tisch be­setz­ten „Ren­ten­aus­schuss“(heu­te Leis­tungs­aus­schuss) der Un­fall­ver­si­che­rung ent­sandt. Zehn Jah­re spä­ter war er Vi­ze­ob­mann der Ge­biets­kran­ken­kas­se, seit 2013 führt er die Ar­bei­ter­kam­mer – „vie­le Zu­fäl­le“hät­ten die­sen stei­len Weg ge­säumt.

Und die teils doch mas­si­ve Kri­tik an der Un­be­weg­lich­keit der Kam­mer, am Kam­mer­staat über­haupt, an der über­bor­den­den So­zi­al­ver­si­che­rung? Da hört man von Pes­serl nichts Über­ra­schen­des, nur sehr Kon­ven­tio­nel­les, oft Wie­der­hol­tes. Zwar müs­se man „die Din­ge wei­ter­ent­wi­ckeln“, aber die Selbst­ver­wal­tung fu­ße ja auf De­mo­kra­tie, die fö­de­ra­le Struk­tur ste­he im Ge­setz. Ja, aber: mo­der­ne Wirt­schaft, Ar­beits­zei­ten, Fle­xi­bi­li­sie­rung, Li­be­ra­li­sie­rung? „Wir müs­sen den Pro­zess der Ve­rän­de­rung vor­an­trei­ben, aber im­mer so, dass bei­de Sei­ten ei­nen Vor­teil da­von ha­ben.“Spricht’s und setzt sein ge­win­nends­tes Lä­cheln auf. Wer woll­te da bö­se sein?

Pes­serl mit Lan­des­rä­tin Ur­su­la Lack­ner (re.) und im Ge­spräch mit Ernst Sit­tin­ger ALLGUIDE/CESCUTTI

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