OF­FEN GE­SAGT Das miss­brauch­te Volk

Wenn Po­li­ti­ker das Wort Volk in den Mund neh­men, ist Vor­sicht ge­bo­ten. Wer den schwam­mi­gen Be­griff be­schwört, meint meis­tens et­was an­de­res.

Kleine Zeitung Steiermark - - MEINUNGEN 13 - Tho­mas Götz tho­mas.goetz@klei­ne­zei­tung.at

Der Letz­te in ei­ner lan­gen Rei­he war Do­nald Trump. In sei­ner Re­de zur In­au­gu­ra­ti­on sag­te der 45. Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit aus­la­den­der Ges­te auf die schüt­te­re Men­ge der Zu­hö­rer deu­tend: „Heu­te ge­ben wir die Macht euch, dem Volk, zu­rück.“Zu­vor hat­te er all je­ne als kor­rupt ge­schmäht, die eben­je­nes Volk in ei­ner De­mo­kra­tie zu ver­tre­ten ha­ben, Kon­gress- und Se­nats­ab­ge­ord­ne­te, mit de­nen Trump die nächs­ten vier Jah­re wird re­gie­ren müs­sen.

Wen aber meint die di­rek­te An­re­de des „Volks“über­haupt? Das Volk oder bes­ser die Be­völ­ke­rung ist ja kei­ne kom­pak­te, klar um­ris­se­ne Mas­se, son­dern ei­ne bun­te Mi­schung aus Men­schen mit höchst un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen, Be­dürf­nis­sen und po­li­ti­schen Mei­nun­gen. Die De­mo­kra­ti­en west­li­chen Zu­schnitts ent­wi­ckel­ten kom­pli­zier­te Re­gel­wer­ke, die den Aus­gleich die­ser In­ter­es­sen oh­ne Krieg mög­lich ma­chen. Die Su­che nach die­sem Aus­gleich ist ein müh­se­li­ger, lang­sa­mer und auch nicht sehr auf­re­gen­der Pro­zess, der am En­de zu Kom­pro­mis­sen führt, die na­tur­ge­mäß bei­de Sei­ten nicht völ­lig zu­frie­den­stel­len. Das ist die Schwä­che der De­mo­kra­tie und zugleich ih­re un­ver­gleich­li­che Stär­ke. Die In­sti­tu­tio­nen und ih­re tat­säch­lich vom „Volk“als Gan­zem ge­wähl­ten Prot­ago­nis­ten ma­dig­zu­ma­chen, war oft der Auf­takt zum Un­ter­gang die­ser Re­gie­rungs­form.

Trump ist nicht der Ein­zi­ge, der mit die­sem Be­griff fahr­läs­sig han­tiert. Im ers­ten In­ter­view nach dem Putsch­ver­such in der Tür­kei ver­wen­de­te der tür­ki­sche Prä­si­dent Er­dog˘an das Wort Dut­zen­de Ma­le, im­mer im Be­mü­hen, „das Volk“ge­gen all je­ne aus­zu­spie­len, de­nen er den le­gi­ti­men Ver­tre­tungs­an­spruch ab­spre­chen woll­te. Wla­di­mir Pu­tin geht das Wort eben­so leicht so von der Zun­ge wie Vik­tor Or­bán oder Ma­ri­ne Le Pen, die FPÖ hat gan­ze Wahl­kämp­fe da­mit be­strit­ten.

Der po­le­mi­sche Ge­brauch des Vol­kes durch Par­tei­en igno­riert de­ren Na­tur. Par­tei kommt

Wvom la­tei­ni­schen Wort „pars“, Teil. Par­tei­en kön­nen schon von ih­rem Grün­dungs­zweck her nie für sich be­an­spru­chen, „das Volk“zu ver­tre­ten. Je­de ein­zel­ne ver­tritt ei­nen Teil da­von. Je ge­schick­ter Po­li­ti­ker er­spü­ren, was die Men­schen be­wegt, um­so grö­ßer ist die Teil­men­ge, die zu ver­tre­ten sie be­an­spru­chen kön­nen. „Das Volk“aber kann es nicht sein, nie. „Das Volk“als po­li­ti­scher Kampf­be­griff ge­hört üb­ri­gens kei­nes­wegs nur zum Kern­vo­ka­bu­lar rech­ter Be­we­gun­gen. „Volks­de­mo­kra­ti­en“er­streck­ten sich über den ge­sam­ten Herr­schafts­be­reich des Kom­mu­nis­mus. Wo er sich hal­ten konn­te, un­ter­schei­det man bis heu­te zwi­schen Volk und Volks­fein­den. Die Gren­ze ver­läuft dort, wo sich Un­ter­wer­fung vom Wi­der­stand ge­gen die to­ta­li­tä­re Herr­schaft schei­det. er al­lein das Volk ver­tritt, er­spart sich die müh­sa­me Su­che nach Kom­pro­mis­sen und scheint Ein­deu­tig­keit und Klar­heit zu schaf­fen, die es in der De­mo­kra­tie nicht gibt und ge­ben kann. Ganz ne­ben­bei fül­len sich die Ge­fäng­nis­se mit all je­nen, die an­ders den­ken.

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