Die Frei­heit An­ders­den­ken­der

Kleine Zeitung Steiermark - - TRIBÜNE -

IDch te­le­fo­nie­re mit ei­nem Wert­kar­ten­han­dy. Wie das Ver­bre­cher üb­li­cher­wei­se tun. Denn nur dann blei­ben Ge­sprä­che an­onym. Und wer möch­te schon sei­ne klei­nen Ge­heim­nis­se ei­ner neu­gie­ri­gen Ob­rig­keit an­ver­trau­en? Wird doch schon je­des Mail zur Si­cher­heit vom ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­dienst NSA ge­gen­ge­le­sen. Dass trotz­dem wei­ter­hin An­schlä­ge pas­sie­ren, liegt auch dar­an, dass die wah­ren „Ge­fähr­der“an­de­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge wäh­len. In der Fül­le des Ma­te­ri­als und des­sen si­sy­phus­ar­ti­ger Aus­wer­tung geht re­le­van­te In­for­ma­ti­on of­fen­sicht­lich un­ter. Kaum wer­den Ru­fe nach wo­mög­lich „lü­cken­lo­ser“Über­wa­chung laut, mel­den sich ne­ben den Pflicht­ver­tei­di­gern wohl­er­wor­be­ner Bür­ger­rech­te auch Zeit­ge­nos­sen, die steif und fest be­haup­ten, es ha­be doch nie­mand et­was zu be­fürch­ten, der sich nichts zu­schul­den kom­men las­se. Was aber al­les als Ver­feh­lung gel­ten kann, wenn sich po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se än­dern, da­von ma­chen sich no­to­risch un­be­schol­te­ne Bür­ger zum Vor­teil ih­res ru­hi­gen Schlafs kei­ne Vor­stel­lung. Aus ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie kann durch recht­mä­ßi­ge Wah­len ei­ne „il­li­be­ra­le De­mo­kra­tie“wer­den, wie Vik­tor Or­bàn sei­ne Re­gie­rungs­form nennt. Weiß er doch die Mehr­heit sei­ner Lands­leu­te hin­ter sich wie Er­dog˘an, der sei­nem Gott für den Putsch dank­te, der ihn sei­ne un­ein­sich­ti­gen Geg­ner hin­ter Git­ter brin­gen und in ge­kränk­tem Stolz selbst Schul­kin­der an­zei­gen lässt, wenn sie sei­ne Wahl­pla­ka­te von den Wän­den rei­ßen. urch die Di­gi­ta­li­sie­rung ist das Schreck­ge­spenst des „glä­ser­nen Men­schen“Wirk­lich­keit ge­wor­den. Nur dass das kaum je­man­den schreckt, so­lan­ge die Durch­leuch­tung kei­ne spür­ba­ren Kon­se­quen­zen hat. Aber was, wenn Frei­heit nicht mehr „die Frei­heit An­ders­den­ken­der“ist, son­dern als Be­dro­hung der öf­fent­li­chen Ord­nung an­ge­se­hen wird? Dann fin­den sich schon gu­te Grün­de, Grund­rech­te ein­zu­schrän­ken. Si­cher­heit geht vor Frei­heit. Zwar ist es tau­send­mal wahr­schein­li­cher, mor­gen ei­nem Un­fall zum Op­fer zu fal­len als ei­nem An­schlag, aber das Si­cher­heits­ge­fühl will nichts von der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung wis­sen. Und da­mit geht die Rech­nung der Schre­ckens­ver­brei­ter auf. Gün­ter Eich­ber­ger lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Graz.

„Durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ist das Schreck­ge­spenst des glä­ser­nen Men­schen Wirk­lich­keit ge­wor­den.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.