LEIT­AR­TI­KEL To­ten­glo­cke ge­läu­tet

Nur die Tür­ken selbst kön­nen sich in ei­nem Re­fe­ren­dum noch vor dem En­de der De­mo­kra­tie schüt­zen, denn das Par­la­ment hat den Weg für ei­nen all­mäch­ti­gen Er­dog˘an frei ge­macht.

Kleine Zeitung Steiermark - - MEINUNGEN 7 - Frank Nord­hau­sen re­dak­ti­on@klei­ne­zei­tung.at

In der Tür­kei läu­ten die To­ten­glo­cken für die De­mo­kra­tie. In Miss­ach­tung ih­res Auf­trags als Volks­ver­tre­ter hat ei­ne is­la­misch-na­tio­na­lis­ti­sche Ko­ali­ti­on im tür­ki­schen Par­la­ment be­schlos­sen, sich selbst zu ent­mach­ten und die Au­to­kra­tie ein­zu­füh­ren. Die mit Drei­fünf­tel­mehr­heit ge­bil­lig­ten Ver­fas­sungs­än­de­run­gen kon­zen­trie­ren die Ge­walt über Exe­ku­ti­ve, Le­gis­la­ti­ve und Ju­di­ka­ti­ve weit­ge­hend in der Per­son des Staats­prä­si­den­ten und sind ganz auf Amts­in­ha­ber Re­cep Tay­yip Er­dog˘an zu­ge­schnit­ten. Jetzt ist die letz­te Pha­se ein­ge­lei­tet: das Re­fe­ren­dum des tür­ki­schen Vol­kes, das An­fang April statt­fin­den soll.

Im­mer­hin: Das Par­la­ment in An­ka­ra glich seit Di­ens­tag ei­nem Box­ring. Die Bi­lanz der Faust­kämp­fe wäh­rend des Streits un­ter den 550 Ab­ge­ord­ne­ten um 18 Ar­ti­kel der Ver­fas­sung, die ge­rän­dert wer­den soll­ten, ver­zeich­ne­te ei­ne ge­bro­che­ne Na­se, ei­nen blu­ti­gen Wa­den­biss, zahl­rei­che Prel­lun­gen und ein ge­klau­tes 15.000Eu­ro-mi­kro­fon. Ab­ge­ord­ne­te der is­la­misch-kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rungs­par­tei AKP und der Op­po­si­ti­on gin­gen sich buch- stäb­lich an die Keh­le. Die Här­te des Streits spie­gel­te die Bri­sanz des The­mas wi­der. Es han­del­te sich wohl um die be­deut­sams­te Par­la­ments­de­bat­te in der Ge­schich­te der 1923 ge­grün­de­ten tür­ki­schen Re­pu­blik.

Mit dem Wech­sel zu ei­nem exe­ku­ti­ven Prä­si­di­al­sys­tem nach „tür­ki­scher Art“Er­dog˘ans ver­lässt die Tür­kei den Weg des Re­pu­blik­grün­ders Musta­fa Ke­mal Ata­türk, der sie nach Wes­ten und in die Mo­der­ne führ­te. Mit der Ab­kehr von den Prin­zi­pi­en der frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie und der Ge­wal­ten­tei­lung kehrt sie Eu­ro­pa den Rü­cken und wen­det sich den De­s­po­ti­en Mit­tel­asi­ens zu. Die geo­po­li­ti­schen Fol­gen sind noch nicht ab­seh­bar. Und al­len jun­gen Tür­ken, die sich ei­ne welt­of­fe­ne, de­mo­kra­ti­sche Tür­kei wün­schen, wird die Zu­kunft ver­baut. Schon jetzt ver­las­sen Aka­de­mi­ker das Land in Scha­ren.

Be­stür­zend ist die feh­len­de

JRe­ak­ti­on der Be­völ­ke­rung auf den his­to­ri­schen Vor­gang – um­so mehr, wenn man sie mit den Mas­sen­pro­tes­ten zum Amts­an­tritt von Us-prä­si­dent Do­nald Trump ver­gleicht. Da­für gibt es Er­klä­run­gen. Laut Um­fra­gen wis­sen nur 15 Pro­zent der tür­ki­schen Wäh­ler über­haupt, wor­um es bei den Ver­fas­sungs­än­de­run­gen geht. Zu­dem re­giert im Land die Angst. Zehn­tau­sen­de ver­lo­ren im Zu­ge von „Säu­be­run­gen“nach dem Mi­li­tär­putsch ih­re Ar­beit oder lan­de­ten im Ge­fäng­nis. Es ist frag­lich, wie fair ein Re­fe­ren­dum un­ter dem herr­schen­den Aus­nah­me­zu­stand sein kann. etzt hat das Volk das Wort. Mei­nungs­for­scher se­hen ein Kopf-an-kopf-ren­nen. Doch es zeich­net sich ab, dass der be­gna­de­te Wahl­kämp­fer Er­dog˘an auch die­se Ab­stim­mung un­ter das Mot­to „Ich oder das Cha­os“stel­len wird. Bis­her sind ihm die Tür­ken stets ge­folgt. Die­se „neue Tür­kei“hät­te in der EU je­doch kei­nen Platz mehr. Des­halb soll­ten die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen auf Eis ge­legt wer­den, so­lan­ge die de­mo­kra­ti­schen Mi­ni­mal­stan­dards im Land nicht wie­der gel­ten.

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