Die lan­ge Nacht der Ent­schei­dung

Die Bun­des­re­gie­rung ar­bei­te­te in ei­ner nächt­li­chen Klau­sur an der Über­win­dung der Be­zie­hungs­kri­se. Der Aus­gang war un­ge­wiss.

Kleine Zeitung Steiermark - - POLITIK - Von Klaus Knit­tel­fel­der

Zwi­schen Ma­ria The­re­sia und Kai­ser Franz dem Ers­ten ste­hen sie auf­ge­fä­delt, über ih­nen die Kron­leuch­ter der Hof­burg: zehn Mi­nis­ter und zwei Staats­se­kre­tä­re, über de­ren Ver­bleib ge­ra­de for­mal hin­ter ei­ner ro­ten Wand ent­schie­den wird. Hin­ter die­ser be­rühm­ten Ta­pe­ten­wand sit­zen Kanz­ler Chris­ti­an Kern (SPÖ), Vi­ze­kanz­ler Reinhold Mit­ter­leh­ner (ÖVP) und Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len bei­sam­men, um den ob­li­ga­to­ri­schen Akt der De­mis­si­on – die Re­gie­rung muss dem neu­en Prä­si­den­ten zu sei­nem Amts­an­tritt laut Ar­ti­kel 70 der Bun­des­ver­fas­sung näm­lich ih­ren Rück­tritt an­bie­ten – durch­zu­füh­ren. Doch das Ge­spräch, in dem es auch um die kri­ti­sche La­ge der Ko­ali­ti­on ging, dau­er­te un­ge- wöhn­lich lan­ge. So lan­ge, dass sich die an­fangs dis­zi­pli­niert da­ste­hen­de Mi­nis­ter­rei­he auf­lös­te und zu klei­nen Tratsch­grüpp­chen um­form­te. Nach 36 Mi­nu­ten kam er dann, der Prä­si­dent, der der Re­gie­rung noch am Vor­mit­tag in sei­ner An­ge­lo­bungs­re­de aus­rich­te­te, „dass Plä­ne al­lein nicht aus­rei­chen“und nun Ta­ten fol­gen sol­len. „Sur­pi­se, sur­pri­se“, sag­te er dann lä­chelnd, „ich ha­be das Rück­tritts­an­ge­bot nicht an­ge­nom­men.“Die Re­gie­rung dür­fe al­so wei­ter­ma­chen. Was lus­tig klingt, ist es die­ser Ta­ge aber nicht un­be­dingt. Denn wie lan­ge die Re­gie­rung noch wei­ter­macht, das soll­te sich in den St­un­den nach dem Prä­si­den­ten­be­such im Haus ge­gen­über der Hof­burg ent­schei­den. Im Kanz­ler­amt wur­de in ei­nem Ver­hand­lungs­ma­ra­thon ver­sucht, das Mit­te der Wo­che noch un­mög­lich Er­schei­nen­de mög­lich zu ma­chen: ein En­de der hand­fes­ten Ko­ali­ti­ons­kri­se ein­zu­läu­ten und Neu­wah­len trotz des heu­te aus­lau­fen­den Ul­ti­ma­tums, das Kern an die ÖVP ge­stellt hat, ab­zu­bie­gen. In ei­ner Sech­ser­run­de ver­han­del­ten Kanz­ler und Vi­ze­kanz­ler mit den Re­gie­rungs­ko­or­di­na­to­ren Ha­rald Mah­rer (ÖVP) und Tho­mas Droz­da (SPÖ) so­wie mit Spö-klub­ob­mann Andre­as Schie­der und Fi­nanz­mi­nis­ter Hans Jörg Schel­ling (ÖVP) über die The­men Ar­beit, Wirt­schaft, Si­cher­heit, In­te­gra­ti­on und Bil­dung. Ab 19 Uhr ka­men im St­un­den­takt die je­wei­li­gen Spie­gel­mi­nis­ter da­zu, um Ein­zel­hei­ten zu be­spre­chen – die letz­te Ver­hand­lungs­run­de soll­te erst nach Mit­ter­nacht statt­fin­den. Da­vor noch wa­ren Wirt­schafts­kam­mer-chef Chris­toph Leitl (ÖVP) und Ge­werk­schafts­boss Erich Fo­glar (SPÖ) im Kanz­ler­amt, um sich in die Re­gie­rungs­kri­se ein­zu­brin­gen. „Ster­bens­glö­ckerl“, be­ru­hig­te Leitl beim Rein­kom­men, „sind das noch kei­ne.“Gä­be es aber „kei­ne Fra­ge­zei­chen in der Ko­ali­ti­on“, füg­te er hin­zu, „wä­re ich nicht hier“. Re­sul­tat des Ver­hand­lungs­ma­ra­thons soll­te dann nach Mit­ter­nacht ein gro­bes Pro­gramm sein, das Kanz­ler und Vi­ze­kanz­ler heu­te Vor­mit­tag nach­ver­han­deln und mit kon­kre­ten Maß­nah­men und Zeit­plä­nen prä­sen­tie­ren. Klappt dies nicht, heißt die ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve Neu­wah­len. Am Nach­mit­tag rech­ne­te Kern al­ler­dings „we­der mit Neu­wah­len noch mit ei­nem Neu­start“. Auf die Fra­ge, wie er die Chan­cen für ei­nen Fort­be­stand der Ko­ali­ti­on be­zif­fe­re, ant­wor­te­te er auf dem Weg ins Kanz­ler­amt kühl: „Ich wet­te nicht auf Ko­ali­ti­ons­be­stän­de.“Vor al­lem in Spö-krei­sen wur­de im­mer wie­der er­klärt, dass das The­ma Neu­wah­len „längst nicht vom Tisch“sei. Und den­noch schie­nen die Ge­winn­chan­cen für ei­nen Neu­wahl­tipp suk­zes­si­ve zu sin­ken: Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand hieß es am spä­ten Abend

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