Ir­gend­wann muss Schluss sein?

Sie wur­de als 16-Jäh­ri­ge aus dem KZ be­freit und wünsch­te sich dann ei­nes: Mit­leid. Sie be­kam es nicht.

Kleine Zeitung Steiermark - - ÖSTERREICH - Ca­ri­na.kersch­bau­mer@klei­ne­zei­tung.at

Sie be­sucht Schu­len, schrieb Bü­cher, gibt In­ter­views, die Stief­schwes­ter von An­ne Frank, die heu­te 87-jäh­ri­ge Us-bür­ge­rin Eva Schloss, die ges­tern vor 71 Jah­ren mit ih­rer Mut­ter aus dem KZ Au­schwitz be­freit wor­den ist. In ei­nem Orf-in­ter­view hat sie er­zählt, was sie sich als 16-Jäh­ri­ge nach dem Grau­en des KZ, in dem ihr Va­ter um­ge­bracht wur­de, in­nigst ge­wünscht hat: Mit­leid. Sie hat sich ge­sehnt, dass Nach­barn, Mit­schü­ler ver­ste­hen, was sie mit­ge­macht hat, sie woll­te Mit­ge­fühl. Sie be­kam es nicht. Nie- Von Mensch zu Mensch Ca­ri­na Kersch­bau­mer mand woll­te, sagt sie, mit dem Grau­en kon­fron­tiert wer­den, sie sei al­lein­ge­las­sen wor­den. Und spä­ter, be­kennt sie of­fen, ha­be sie ge­lit­ten, dass sich al­le für ih­re er­mor­de­te Stief­schwes­ter An­ne Frank, des­sen Va­ter ih­re Mut­ter ge­hei­ra­tet hat, in­ter­es­siert ha­ben, aber nicht für sie, für ihr

DLeid. Heu­te kämpft sie nicht nur am gest­ri­gen Ho­lo­caust-ge­denk­tag der Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­gen das Ver­ges­sen und die For­de­rung je­ner, die mei­nen: „Ir­gend­wann muss doch ein­mal ein Schluss­strich ge­zo­gen wer­den.“as Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv hat ja nun mit www.me­men­to­wi­en.at ei­ne kräf­ti­ge Ge­gen­be­we­gung ge­gen all die „Schluss­strich-ru­fer“in­iti­iert. Mit GPS wird am Han­dy bei Häu­sern des ers­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirks, aus de­nen Män­ner, Frau­en, Kin­der ins KZ de­por­tiert wur­den, die Ge­schich- te der Er­mor­de­ten er­zählt. Sie wer­den aus der Ver­ges­sen­heit in die Ge­gen­wart ge­holt, wie es auch die Wie­ne­rin Han­nah Les­sing macht. Ein­mal im Jahr pos­tet sie ein Fo­to ih­rer im KZ er­mor­de­ten Groß­mut­ter. Ih­re Ant­wort auf die Fra­ge, war­um sie es je­des Jahr pos­tet: „Da­mit die Welt weiß: Die­se Frau hat ein­mal in Wi­en ge­lebt, sie lieb­te, lach­te und wur­de um­ge­bracht, nur weil sie Jü­din war. Und schon al­lein aus Re­spekt vor ihr und al­len, de­nen es gleich er­ging, dür­fen wir sie nicht ver­ges­sen.“

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