„Jah­re­lan­ge So­zia­li­sie­rung löst sich nicht in Luft auf“

Acht St­un­den Wer­te­un­ter­richt für Flücht­lin­ge: Zwei Le­se­rin­nen glau­ben nicht, dass das die In­te­gra­ti­on för­dert.

Kleine Zeitung Steiermark - - LESERFORUM -

„Mit den Wer­ten im Wi­der­spruch“, 24. 1.

Ich bin in un­se­rem Dorf in der frei­wil­li­gen Flücht­lings­be­treu­ung en­ga­giert. Die Men­schen, die zu uns ge­flüch­tet sind, sind nicht hier­her­ge­kom­men, da­mit sie an ih­rem Welt­bild ar­bei­ten. Sie sind aus per­sön­li­chen Grün­den ge­kom­men, weil sie ihr ge­wohn­tes Le­ben durch Be­dro­hun­gen in ih­rer Hei­mat nicht mehr le­ben konn­ten. Wenn Zu­wan­de­rer un­se­re Le­bens­wei­se ak­zep­tie­ren, ha­ben wir schon viel er­reicht.

Für mich als Frau ist es nicht ent­schei­dend, ob ein Mus­lim, der ei­nen Wer­te­kurs be­sucht hat, zu sei­ner Frau nach Hau­se geht, ihr das Kopf­tuch weg­nimmt und sie zum AMS schickt. Für mich ist ent­schei­dend, dass ich mich als Frau ge­fahr­los zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit im öf­fent­li­chen Raum frei und si­cher be­we­gen kann, wie ich es bis­her tat. Ich möch­te nicht als Frei­wild oder wür­de­los be­trach­tet wer­den, nur weil die Zei­chen von Dis­tanz, Re­spekt, Ach­tung und Wür­de in un­se­rer Ge­sell­schaft an­de­re sind als in mus­li­mi­schen Kul­tu­ren.

Au­ßer­dem ist es un­ver­ant­wort­lich, den mus­li­mi­schen Frau­en in Wer­te­kur­sen bei­zu­brin­gen, dass sie hier die­sel­ben Rech­te wie Män­ner ha­ben, und ih­nen an­de­rer­seits kei­ne Mög­lich­kei­ten zu bie­ten, Deutsch­kur­se oder an­de­re Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men zu be­su­chen, wenn sie klei­ne Kin­der ha­ben und die­se mit­brin­gen müss­ten, da es ih­nen na­tür­lich hier an der Fa­mi­li­en­struk­tur fehlt, sie gut be­treut zu wis­sen.

Ma­ria Schlof­fer, Pi­schels­dorf

Na­iv

40 Pro­zent von 900 be­frag­ten an­er­kann­ten Flücht­lin­gen sind der Mei­nung, dass die re­li­giö­sen Ge­set­ze über den staat­li­chen ste­hen, die Re­li­gio­nen nicht gleich­wer­tig sind, usw . . . . Und In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz meint, dass ein ein­ma­li­ger (!) acht­stün­di­ger Wer­te­kurs die In­te­gra­ti­on för­dert. Zi­tat: „Flücht­lin­ge ha­ben vie­le Wer­te noch nicht ver­in­ner­licht.“Ein­mal ab- ge­se­hen da­von, dass es in kei­nem ein­zi­gen mus­li­mi­schen Land so viel To­le­ranz und Un­ter­stüt­zung für Zu­wan­de­rer gibt – es kann doch nicht ir­gend­je­mand ernst­haft glau­ben, dass sich jah­re­lan­ge So­zia­li­sie­rung, Prä­gung durch die ei­ge­ne Kul­tur und tief sit­zen­de re­li­giö­se Über­zeu­gun­gen durch ei­nen ein­ma­li­gen Wer­te­kurs in Luft auf­lö­sen. Zu­mal sehr vie­le Lands­leu­te aus die­sem Kul­tur­kreis be­reits hier sind.

Wie wä­re es denn um­ge­kehrt? Wenn wir in ein mus­li­mi­sches Land aus­wan­dern wür­den? Wür­de ein ein­ma­li­ger Wer­te­kurs be­wir­ken, dass wir west­lich ge­präg­ten Frau­en ger­ne Kopf­tuch tra­gen, uns un­se­ren Män­nern un­ter­ord­nen und die Scha­ria für gut be­fin­den? Vor al­lem wenn dort mit uns auch Zehn­tau­sen­de an­de­re Ös­ter­rei­cher, Deut­sche und Schwei­zer sind? Ent­we­der sind un­se­re Po­li­ti­ker na­iv oder sie hal­ten die Be­völ­ke­rung für na­iv. Ich weiß nicht, was ich schlim­mer fin­de. Dr. Ni­na Maas, Gös­sen­dorf

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