Ex­pe­di­ti­on in die tiefs­ten Ab­grün­de

Franz­o­bel über sei­nen 600-Sei­ten-ro­man „Das Floß der Me­du­sa“, den Un­ter­gang jeg­li­cher Moral, „Ka­pi­tän“Trump auf der Ti­ta­nic und den Ver­such, ein gro­ßes Wort­ge­mäl­de zu schaf­fen.

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR -

IN­TER­VIEW. Wer­ner Krau­se

Herr Franz­o­bel, „wo es kein Brot gibt, gibt es kein Ge­setz mehr“lau­tet ein Schlüs­sel­satz in Ih­rem neu­en Ro­man. Ist Ih­re Ge­schich­te al­so, nicht zu­letzt, auch ein Werk über An­ar­chie? FRANZ­O­BEL: Vor al­lem ist „Das Floß der Me­du­sa“ein Ro­man über exis­ten­zi­el­le Grenz­er­fah­run­gen. Was bleibt vom Men­schen, wenn al­le Moral und al­le Zi­vi­li­sa­ti­on weg­fal­len, es nur noch das Le­ben selbst gibt, das sich fest­klam­mert? Es wird aber auch ge­fragt, war­um die ei­nen über­le­ben und die an­de­ren nicht.

Sie ha­ben die wah­re Ge­schich­te des Un­ter­gangs der Me­du­sa im Jahr 1816 auf­ge­grif­fen, ei­ner Ka­ta­stro­phe, die Fol­ge un­glaub­li­cher An­häu­fun­gen mensch­li­chen Ver­sa­gens war. Wann reif­te der Ent­schluss, all das in Ro­man­form zu gie­ßen? Da ist nichts ge­reift und es war auch kein be­wusst ge­fass­ter Ent­schluss, eher ein coup de foud­re, ein Blitz­schlag. Ich wuss­te so­fort, das ist der Stoff, mein Stoff. Da hat mich das Uni­ver­sum mit ei­ner un­glaub­li­chen Ge­schich­te be­schenkt, ei­nem Stoff, den man als Schrift­stel­ler vi­el­leicht nur ein­mal im Le­ben be­kommt. Al­so ha­be ich mir ge­sagt, ver­mas­sel das jetzt nicht!

Das Buch ist, un­ver­kenn­bar, auch Re­sul­tat enorm um­fang­rei­cher Re­cher­chen. Wie lan­ge ha­ben Sie dar­an ge­ar­bei­tet? Drei sehr in­ten­si­ve Jah­re. Um mei­nen Ar­beits­platz sta­peln sich noch im­mer Bü­cher über die Schiff­fahrt, See­kar­ten und his­to­ri­sche Sti­che von Ro­che­fort – das dor­ti­ge Ar­senal war ja Aus­gangs­punkt der Rei­se der Me­du­sa nach Afri­ka.

Schau­platz der Ka­ta­stro­phe ist ei­ne tü­cki­sche west­afri­ka­ni­sche Sand­bank. Sie wa­ren im Se­ne­gal, wa­ren Sie auch an der Un­glücks­stel­le? Ei­ne Wo­che lang war ich in Saint Lou­is, dem Ziel der Me­du­sa, und hat­te den Ein­druck, dort der ein­zi­ge Wei­ße zu sein. Ein Fi­scher hat mich mit sei­ner Pi­ro­ge zur Mün­dung des Se­ne­gal und ein Stück in den At­lan­tik hin­aus­ge­bracht. Bis zur Un­glücks­stel­le ha­ben wir es aber nicht ge­schafft, weil die zu weit drau­ßen ist – 100 See­mei­len – und zum heu­ti­gen Mau­re­ta­ni­en ge­hört, aber ich hat­te schon ein sehr in­ten­si­ves Meer-er­leb­nis.

Sti­lis­tisch ha­ben Sie sich klar an der Er­zähl­tra­di­ti­on klas­si­scher Aben­teu­er­ro­ma­ne ori­en­tiert. Gibt es da Vor­bil­der? Das An­fangs­zi­tat von Alex­and­re Du­mas könn­te ja auch ein kla­rer Hin­weis sein. Es gibt die Klas­si­ker: „Mo­by Dick“, „Die Schatz­in­sel“, „Der See­wolf “… Aber ich woll­te vor al­lem die Ge­schich­te so er­zäh­len, dass man fas­zi­niert und gut un­ter­hal­ten ist. Die Er­eig­nis­se auf dem Floß sind ja nicht leicht zu ver­dau­en, aber bis es da­zu kommt, woll­te ich den Le­ser schon so ge­fes­selt ha­ben, dass er nicht mehr los­kommt, was so­gar bei mei­nen äl­te­ren Test­le­se­rin­nen – Stich­wort Schwie­ger­mut­ter­test – gut funk­tio­niert hat.

Der Ro­man ist reich an Fach­be­grif­fen aus der See­manns­spra­che. Steckt in Ih­nen ein heim­li­cher See­bär? Ich woll­te mög­lichst wahr­haf­tig sein, da­her muss­te ich mich in­ten­siv mit Se­gel­schif­fen be­schäf­ti­gen. Zum Glück ha­be ich den Freund ei­nes Freun­des ken­nen­ge­lernt, der mit historischen Se­gel­schif­fen die Welt­mee­re be­fährt, und von dem ha­be ich viel er­fah­ren über den

Welt­be­rühm­tes Bild der Tra­gö­die:

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