Zur His­to­rie

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR | 61 -

Der Un­ter­gang der fran­zö­si­schen Fre­gat­te Me­du­sa im Jahr 1816 wur­de zu ei­nem grau­en­haf­ten Sinn­bild für das Schei­tern der mensch­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on. Igno­ranz, Ar­ro­ganz, gren­zen­lo­se Dumm­heit, Stüm­pe­rei­en, völ­li­ge Über­for­de­run­gen, all das führ­te zu ei­ner ver­hee­ren­den Ver­ket­tung von Fehl­ver­hal­ten. Rund 400 Men­schen be­fan­den sich an Bord des Schif­fes, das auf dem Weg nach Se­ne­gal auf ei­ner be­rüch­tig­ten Sand­bank vor der Küs­te Mau­re­ta­ni­ens stran­de­te. Al­le War­nun­gen wur­den miss­ach­tet. Ins­ge­samt stan­den nur sechs Ret­tungs­boo­te zur Ver­fü­gung. Für 147 Pas­sa­gie­re und Be­sat­zungs­mit­glie­der wur­de ein kaum see­tüch­ti­ges Floß kon­stru­iert. Die Irr­fahrt des nicht ma­nö­vrier­ba­ren Ge­fährts dau­er­te 13 Ta­ge, nur 15 Men­schen über­leb­ten. Frank­reich un­ter­nahm al­les, um die Tra­gö­die zu ver­tu­schen, ei­ni­ge Mo­na­te nach dem Un­glück er­schien aber der Be­richt von zwei Über­le­ben­den. Welt­wei­te Em­pö­rung folg­te. Die Ka­ta­stro­phe, von Künst­lern al­ler Spar­ten viel­fach auf­ge­grif­fen, wur­de, lan­ge vor dem Ti­ta­nic-un­glück, zu ei­nem schreck­li­chen Sinn­bild für das Schei­tern der mensch­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on. trach­tet. Wenn man aber ein­mal in Afri­ka ge­we­sen ist, dort Freund­schaf­ten ge­schlos­sen hat, sieht man das völ­lig an­ders und steht den Tau­sen­den To­ten noch fas­sungs­lo­ser ge­gen­über.

Es han­delt sich um ei­ne wah­re Ge­schich­te, aber 200 Jah­re alt. Wie viel dich­te­ri­sche Frei­heit steckt dar­in? Sehr vie­les in mei­nem Buch ist his­to­risch be­legt: die Äquat­ortau­fe am Wen­de­kreis, der er­trun­ke­ne Schiffs­jun­ge, die ver­zwei­fel­ten Ver­su­che, das Schiff wie­der frei­zu­be­kom­men, die Wei­ge­rung des Ka­pi­täns, die Ka­no­nen – sie wa­ren ja Ei­gen­tum des Kö­nigs – ins Was­ser zu wer­fen, die Flie­gen­den Fi­sche auf dem Floß – ge­nau in dem Mo­ment, als die ers­ten Men­schen an­fin­gen, Lei­chen­fleisch zu es­sen, der Um­gang mit den Über­le­ben­den, auch die meis­ten han­deln­den Per­so­nen. Aber na­tür­lich gibt es auch ein paar er­fun­de­ne Sze­nen. Ich bin nicht be­son­ders eso­te­risch an­ge­haucht, aber manch­mal hat­te ich beim Schrei­ben schon den Ein­druck, dass es da ei­nen Geist gibt, der mich führt, mir hilft, die­sen Schick­sa­len ge­recht zu wer­den.

Klei­ner Schwenk zur auch nicht im­mer er­freu­li­chen Ge­gen­wart. Bis­her war es ein Merk­mal gu­ter Li­te­ra­tur, uns auch an­de­re Va­ri­an­ten der Wahr­heit zu lie­fern. Nun hat Do­nald Trump die „al­ter­na­ti­ven Fak­ten“in die Welt ge­setzt. Was fällt Ih­nen zu die­sem Be­griff und zum Ur­he­ber ein? Steu­ern wir da nicht, wie auf ei­ner Mons­ter-ti­ta­nic, eben­falls auf ei­ne Ka­ta­stro­phe zu? Ich hof­fe nicht. Bei der Floß­ge­schich­te ha­ben Ne­po­tis­mus, Igno­ranz, Selbst­über­schät­zung und Di­let­tan­tis­mus zur Ka­ta­stro­phe ge­führt, al­les Vor­aus­set­zun­gen, die Herr Trump im Über­maß mit­bringt. Aber ich hof­fe den­noch auf die Ver­nunft, das Mit­ge­fühl, den Re­spekt vor der Schöp­fung. Die Mensch­heit ist klug ge­nug, um auch ei­nen mäch­ti­gen Tram­pel zu über­ste­hen.

Be­tre­ten Sie, vi­el­leicht ist es ja ein Fluch Ih­res Bu­ches, ein Schiff jetzt mit an­de­ren Ge­füh­len? Über­haupt nicht, ich ha­be schon wäh­rend der Re­cher­che je­de sich bie­ten­de Ge­le­gen­heit zu ei­ner Schiffs­rei­se ge­nützt. Jetzt hat sich so­gar mei­ne Flug­angst ge­bes­sert.

das mo­nu­men­ta­le Ge­mäl­de „Das Floß der Me­du­sa“von Thé­o­do­re Gé­ri­cault im Lou­vre KK

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